Emotional scream of a man with open shouting mouth - expression drawing in graffiti style. Quelle: iStock

Nazi oder Gutmensch – und nichts dazwischen: Warum das Schwarz-Weiß-Denken zunimmt

Schon Stefan Zweig verspürte ein „leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt“. Alles werde „gleichförmiger, alles nivelliert sich auf ein einheitlich kulturelles Schema“, schrieb er 1925 in einem berühmten Aufsatz. „Paris ist zu drei Vierteln amerikanisiert, Wien verbudapestet: Immer mehr verdunstet das feine Aroma des Besonderen in den Kulturen, immer rascher blättern die Farben ab, und unter der zersprungenen Firnisschicht wird der stahlfarbene Kolben des mechanischen Betriebes, die moderne Weltmaschine, sichtbar.“

Knapp 100 Jahre später steht Zweigs „moderne Weltmaschine“ mächtig unter Dampf: Der „stahlfarbene Kolben“ – das sind heute die glühenden Server der sozialen Medien. Kolben aber kennen nur zwei Richtungen: auf oder ab. Für die Debatten auf der digitalen Agora heißt das: gut oder böse. Freund oder Feind. Links oder rechts. Nazi oder Gutmensch. Zwischentöne? Sind selten geworden.

Die Abwesenheit von Graustufen

Stefan Zweig sorgte sich noch um die Vielfalt der Metropolen. Heute gölte sein Kummer gewiss einem globalen Phänomen: Es ist die Abwesenheit von Graustufen, der „Verlust von Mehrdeutigkeit und Vielfalt“. So lautet der Untertitel eines vieldeutigen und klugen Essays des Islamwissenschaftlers Thomas Bauer. Er beschreibt eine „Vereindeutigung der Welt“.

Tatsächlich genügen wenige Minuten im brodelnden Gebrüll der sozialen Medien, um einen Mangel an jener Kulturtechnik zu verspüren, die die Psychologin Else Frenkel-Brunswik schon 1949 mit dem sperrigen Namen „Ambiguitätstoleranz“ versah. Ambiguitätstoleranz? Was soll das denn bitte sein? Es ist die Fähigkeit, Widersprüchlichkeiten, Vagheiten und fremde Sichtweisen auszuhalten, ohne zu eskalieren.

Nur wenige Schlenker bis zu Hitler

Schwarz-Weiß-Denken regiert – nicht nur bei Facebook und Twitter. In den vergifteten Untiefen der Kommentarspalten braucht es nur wenige Schlenker bis zu Hitler, Wutsmileys und GROSSBUCHSTABEN !!!11!! Die politisch-gesellschaftliche Debatte ist heiß gelaufen. Du denkst anders als ich? Dann bist du im Unrecht! Die Lunte ist kurz. Ein Reizwort genügt für eine Explosion der Extreme. Ob Flüchtlinge, Corona, Trump, Veganismus oder Genderstern – jede Diskussion verengt sich sofort auf unversöhnliche Radikalpositionen, die aggressiv verteidigt werden.

In einer komplexen Welt aber sind es die Zwischentöne, die der Wahrheit noch am nächsten kommen. Denn so wie kein Mensch eine Insel ist, ist keine Meinung die reine Lehre. Doch Zwischentöne und Komplexitäten passen nicht in die 280-Zeichen-Logik der digitalen Welt, die nur die grellsten Radikalpositionen mit Aufmerksamkeit und Reichweite belohnt. Dabei ist Ambiguitätstoleranz einer der wichtigsten Grundpfeiler der Demokratie. Sie bedeutet immer Kompromiss, Annäherung, Interessenausgleich auf der Basis eines stabilen Wertesystems. Das ist anstrengend. Dazu gehört die Bereitschaft, anderer Leute Bedürfnisse, die Realität der Welt sowie evidenzbasierte Fakten anzuerkennen.

„Das Problem der Freiheit ist ihre Vieldeutigkeit“, hat Ernst Bloch geschrieben. Ambiguitätstoleranz bedeutet nicht grenzenlose Akzeptanz alles Denkbaren. Es geht nicht um die Diktatur der maximalen Vielfalt. Es bedeutet nur, Raum für Vagheiten und Unklarheiten zu lassen, eben auch mal „gleichzeitig zwei einander diametral entgegengesetzte Gedanken im Kopf zu haben und trotzdem funktionsfähig zu bleiben“, wie Romancier F. Scott Fitzgerald schrieb.

Was substanziell, aber reizarm ist, wird aussortiert

Eine schnell informierte Gesellschaft ist die Basis jeder Demokratie. Eine einzige Tageszeitung enthält heute mehr Informationen als ein Mensch im 17. Jahrhundert in seinem ganzen Leben erhielt. In der Erregungskultur der sozialen Medien aber sind „Nachrichten für den Geist, was Zucker für den Körper ist“, wie der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli mal schrieb. „Wer bei seiner geistigen Nahrung nur Fettgedrucktes zu sich nimmt, lebt ungesund, denn Schlagzeilen wirken wie Schlagsahne“, sagt auch der Kölner Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck. Bonbons allein aber machen nicht satt.

So entsteht schleichend das Gefühl, dass die digitalisierte Gesellschaft über kein taugliches Instrumentarium mehr verfügt, um die komplexen Zeitläufte wirklich zu entschlüsseln. Im Gegenteil: Die Technologie „störe die Wahrheit“, schrieb vor ein paar Jahren schon Katharine Viner, Chefredakteurin des britischen „Guardian“. Denn was nicht in Zehntelsekunden auf Interesse stößt, wird ignoriert. Was substanziell, aber reizarm ist, wird aussortiert. Das führt zu einer Simplifizierung der Welt, einer Aufsplittung großer Zusammenhänge in disparate, leicht konsumierbare, grell ausgeleuchtete Einzelfacetten. Die Welt als Pushmeldung.

„Menschen sind eher dazu bereit, einen Artikel zu teilen, als ihn zu lesen“

Die Welt ist nervös, und die Medien spiegeln das wider: Fernsehen, Zeitungen und das Netz sind geprägt von Überreiztheit und Streitsucht. Im Kampf um Aufmerksamkeit wird der Ton schriller und die Lunte kürzer. Neurosen wuchern eben gern auf dem Acker der Unsicherheit.

Paradox: Eine Studie hat gezeigt, dass 59 Prozent aller bei Facebook oder Twitter verlinkten Inhalte gar nicht angeklickt werden. Die meisten im Netz verschickten Storys werden nicht gelesen. Weder vom Absender noch vom Empfänger. Von niemandem. Sechs von zehn Menschen lesen höchstens die Überschrift. Die satirische Website „Science Post“ hat schon vor ein paar Jahren mal einen sinnlosen Fülltext („Lore ipsum …“) veröffentlicht (Überschrift: „70 Prozent der Facebook-User lesen nur die Überschrift, bevor sie kommentieren“). 46.000 Menschen teilten den Beitrag unbesehen. „Menschen sind eher dazu bereit, einen Artikel zu teilen als ihn zu lesen“, sagte damals Arnaud Legout, Mitautor der Studie. „Das ist typisch für moderne Medienkonsumenten: Sie bilden sich eine Meinung auf der Basis einer Kurzzusammenfassung, ohne in die Tiefe zu gehen.“

Diese punktuelle Dauerstimulation hat ganz reale körperliche und seelische Folgen. Sie führt zu einer subtilen Erhöhung des Stresslevels. Bei Stress und Angst schüttet der Körper das Hormon Cortisol aus. Diese evolutionäre Überlebensfunktion versorgt uns bei Gefahr kurzfristig mit Energie und Sinnesschärfe. Hält der Zustand aber länger an, kann er die Erneuerung der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn behindern. Der Hippocampus wird geschädigt – ausgerechnet das Hirnareal, das Stress im Zaum hält. Ein Teufelskreis.

Außerdem vergrößert Stress die Amygdala. Diese Hirnregion hilft uns, Situationen korrekt einzuschätzen. Bei chronischer nervlicher Anspannung verästeln sich bestimmte Amygdalazellen stärker und sorgen dafür, dass Menschen mit Angst und Schrecken überreagieren. Ihnen erscheint plötzlich alles Mögliche als gefährlich und bedrohlich, was rational betrachtet harmlos ist. Noch ein Teufelskreis. Die Folge ist jener hysterische Pessimismus, der von der Flüchtlingskrise bis zum US-Präsidentschaftswahlkampf alle großen Debatten der Gegenwart kennzeichnet.

„Was 1000 Wichte sagen, bekommt Gewicht“

Kurz gesagt: Angst macht Angst. Und wer Angst hat, wird anfällig für Populismus. Nie war es so einfach wie heute, sich seinen eigenen Kokon aus Gewissheiten zu spinnen, sich in einer eigenen Wirklichkeit einzurichten, moderne Filtersysteme machen es möglich. So entstehen Parallelstrukturen, die für Argumente der Gegenseite nicht mehr erreichbar sind.

Wenn Aufmerksamkeit die höchste Währung ist, wenn nur noch Überschriften verlinkt werden, verändert sich die politische Kommunikation und Agenda ganz real. „Was 1000 Wichte sagen, bekommt Gewicht“, warnte der österreichische Dichter Johann Nepomuk Nestroy. Eine Kultur des ersten Eindrucks, des schnellen Reflexes hat sich breitgemacht.

Und wem es schwerfällt, Mehrdeutigkeit auszuhalten, der entwickelt in seiner Not ein obsessives Verhältnis zur „Wahrheit“. Der verlangt nach der einen, reinen, absoluten Wahrheit, von keinerlei Interessen getrübt, von keinem Filter vorgekaut. Natürlich ist Wahrheit ein wertvolles Gut. Aber sie gehört niemandem exklusiv. Wahrheit ist immer ein fragiles Konstrukt. Zur Wahrheit gehört auch: Objektivität ist unmöglich. Fakten sind schon rein etymologisch etwas „Gemachtes“ (vom Lateinischen „facere“: machen, tun). Assoziationen fließen ein, Erfahrungen, Prägungen, Interessen.

Solchen Menschen mache „Diversität Angst“, schreibt die Psychotherapeutin Astrid von Friesen in einem Beitrag für den Deutschlandfunk. „Sie polemisieren gegen die Vielfältigkeit und wüten gegen die Homosexuellenehen oder das dritte Geschlecht, obwohl es ihnen nichts nimmt und sie persönlich gar nicht tangiert.“ Im Kern beruhe die Überzeugung „Ich habe immer recht“ auf mangelndem Selbstwert. „Ist ihre Ambiguitätstoleranz instabil, müssen sie sich innerlich schützen“ – durch „simple Botschaften, reine Gruppen, saubere Unterscheidungen und klare Verhältnisse“. Es ist das Rezept aller möglicher alternativer Parteien.

Babys kommen als Narzissten zur Welt

Paradoxerweise werfen sich die Kontrahenten in aktuellen Debatten wechselseitig vor, die Realität auszublenden. Beispiel Flüchtlingsdebatte: Die einen, eher in der Minderheit, wittern einen linksliberalen Mainstream voller Denk- und Sprechverbote – und verwechseln dabei legitime Kritik an ihren Positionen mit Zensur. Die anderen, eher in der Mehrheit, sortieren manche Fragensteller gelegentlich vorschnell in die rechte Ecke. Beide begehen denselben Fehler: Sie lassen keine Zwischentöne zu. Und sie blenden alle Fakten aus, die das Denkmodell bedrohen, das die Widersprüchlichkeiten so schön auflöst. Was sie nur sehr schwer aushalten: unklare Schwebezustände wie die Corona-Krise.

Woher kommt aber dieses Freund-Feind-Denken? Warum wird jeder, der eine andere Meinung hat, sofort massiv beleidigt? Ambiguität ist eine erwachsene Fähigkeit. Babys kommen als Narzissten zur Welt. Sie müssen erst lernen, ihre Impulse zu kontrollieren und starke Gefühle auszuhalten. Das gilt ähnlich für Gesellschaften. Eine Gesellschaft ohne verbindlichen Wertekanon, die sich bedroht fühlt von zu schnellen Veränderungen, fällt zurück in infantile Muster. Es gebe „eine moderne Disposition zur Vernichtung von Vielfalt“, schreibt Islamwissenschaftler Bauer. Der Kapitalismus simuliere Vielfalt nur. In Wahrheit will er Homogenität und Eindeutigkeit.

Europa war nie wirklich eine Multikultiregion

Moment – keine Vielfalt? Sind 50 Müslisorten im Supermarkt nicht Ausweis genug für grenzenlose Wahlfreiheit? Hat sich die multioptionale Lifestylegesellschaft nicht immer viel darauf eingebildet, jedem Tierchen sein Pläsierchen zu bieten? Bauer spricht von einer kulturellen „Scheinvielfalt“. Ein paar Hunderttausend Gastarbeiter und ihre Nachkommen machten noch lange keinen echten Multikulturalismus aus. Europa, schreibt er, war viele Jahrhunderte lang eine der „monokulturellsten Regionen der Welt“ – abgeschottet und geistig eng. Echte Multikulturalität habe dagegen auf den Handelsrouten von Westafrika über Ägypten und den Orient bis nach China geherrscht, in den Straßen von Marrakesch und Mumbai.

Mehr noch: Der Islam habe bis ins 16. Jahrhundert eine Kultur der Ambiguitätstoleranz gepflegt, seine Denker waren keine Dogmatiker, sondern interpretierten die Schriften auf vielfältige Weise – viel bunter als das Christentum. Dieser Islam ließ auch Sinnenfreude, Wein und Tanz zu. Die rigide Auslegung sei erst entstanden, als die Konfrontation mit der westlichen Moderne zu Verunsicherung führte. Die Folge ist jener ideologische, „reine“ Islam, den es in Wahrheit nie gegeben habe. Verunsicherung radikalisiert also.

Donald Trumps Erfolgsrezept war Eindeutigkeit

Könnte es sein, dass ein ähnliches Schicksal auch dem Westen blüht? Dass also der wachsende Zorn über das „Andere“ seine Ursache in einem Gefühl der kulturellen Bedrohung hat? Und dass die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) des Westens dazu führt, dass Menschen dieser mächtigen Angst nichts mehr entgegenzusetzen haben und zu Ethnozentristen werden, die sich und ihresgleichen als Erdmittelpunkt verstehen und innere Wagenburgen errichten?

Jemand, der aus dieser Angst massiv Profit geschlagen hat, ist US-Präsident Donald Trump. Er steht wie kein Zweiter für den kurzen Kick, für das Regieren per Radikaltweet, für Eindeutigkeit also. Zu viele Immigranten? Wir bauen eine Mauer! Coronavirus? Kommt aus China! Joe Biden? Ein Sozialist! Ambiguität ist seine Sache nicht. Die Wut seiner Anhänger darüber, dass die Welt sich weiterdreht, das Gefühl der Kränkung und die Angst vor dem Verlust der Deutungsmacht als weiße Mehrheit verhindern Ambiguitätstoleranz. Die USA sind bei aller Vielfalt ein Land, das Eindeutigkeiten liebt. Nicht ohne Grund sind dort Sportarten, in denen es kein Unentschieden gibt, populärer als Fußball oder Handball. Amerikaner wollen einen klaren Sieger.

Millionen Trump-Fans fühlen sich als moralisches Zentrum des Sonnensystems

Schlichte Botschaften sind also ein reizvolles Angebot, um den Ambiguitätsdruck zu lindern. Trump befeuerte diesen Effekt, indem er laut rief: Politiker? Alle korrupt! Wissenschaftler? Manipulativ! Wie ein launenhaftes Kind zerstörte er lustvoll Autoritäten – und forderte seine Anhänger auf, ihr eigenes diffuses Bauchgefühl zur obersten Moralinstanz zu machen. So fühlen sich Millionen mit ihren Ansichten reinen Gewissens als moralisches Zentrum des Sonnensystems. Und sind sich sicher: Es müssten doch bloß alle anderen so denken wie ich, dann wäre die Welt in Ordnung! Diese enorme psychische Entlastung ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis aller demokratisch gewählten Demagogen und „alternativen“ Parteien.

Bauers Rezept gegen die geistige Verengung ist Kultur. Denn die Aufgabe von Kunst und Kultur sei es eben, Mehrdeutigkeit zu lehren, Zwischentöne zu zeigen, die vielen Facetten des Menschseins zu beleuchten. Trumps Rezept der Eindeutigkeit scheint an der Wirklichkeit zerschellt zu sein. Auf die Kompliziertheit der Gegenwart hatte er keine Antwort, die eine Mehrheit dauerhaft befriedigt. Das zumindest lässt sich aus den Wahlprognosen herauslesen.

Hoffen wir also, dass der nächste US-Präsident ein anderes Angebot an die Unzufriedenen hat. Denn – so zitiert Bauer den Soziologen Zygmunt Bauman: Ambiguität sei „die einzige Kraft, die imstande ist, das destruktive, genozidale Potenzial der Moderne einzuschränken und zu entschärfen“.

Von Imre Grimm/RND