Die deutsche Corona-Warn-App sorgte in jüngster Zeit für Kritik.

Datenschutz versus Effizienz: Sollte die Corona-Warn-App überarbeitet werden?

Viel Lob und Aufrufe zur Nutzung hat die Corona-Warn-App der Bundesregierung noch im Juni erfahren. Auch Datenschützer zeigten sich mit der Anwendung, deren Ziel es ist, Infektionsketten schnell zu erkennen und zu unterbrechen, weitgehend zufrieden. Doch vier Monate nach der Vorstellung der App ist die Hoffnung auf ein effizientes Mittel zur Kontaktverfolgung gedämpft. Ende September hatte etwa die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn überrascht, nur jeder zweite positiv getestete Nutzer würde das Ergebnis mittels der App auch an seine Kontakte übermitteln. Aktuellen Schätzungen zufolge melden nur rund 5 Prozent der mit Covid-19 Infizierten ihre Testergebnisse über die App.

In den vergangenen Wochen haben Politiker, Ärztevertreter und Wissenschaftler zunehmend Kritik an dem Tracing-Tool ausgeübt. So gab etwa die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe an, die App sei in ihrer jetzigen Form keine große Unterstützung bei der schnellen Bekämpfung von Corona-Ausbrüchen, da die Daten nicht automatisch an die Gesundheitsämter weitergeleitet werden.

Wissenschaftler bemängeln Messtechnik

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass die Daten künftig automatisch an die Kontakte übermittelt werden. Momentan ist die App so ausgelegt, dass Nutzer bei einem positiven Befund explizit zustimmen müssen, dass ihre Infektion mit anderen geteilt wird. „Die Fragestellung müsste umgekehrt werden: ob jemand nicht warnen will“, sagte Lauterbach dem RND.

Wissenschaftler der TU Darmstadt und der Universität Würzburg haben jüngst die Corona-Warn-App unter die Lupe genommen. In ihrem Bericht stellen die Forscher zum einen die Messtechnik der Anwendung infrage. Die verwendete Bluetooth-Low-Energy-Technologie sei nicht auf die Ermittlung von Abständen ausgelegt und könnte die Ergebnisse der Messung verfälschen. Bei einem Test sei herausgekommen, dass ein Drehen des Smartphones bereits zu Beeinflussungen führen kann. Darüber hinaus hätten Experimente gezeigt, dass das verwendete Google-Apple-Protokoll (GAP) „in vielerlei Hinsicht anfällig ist“. Die Wissenschaftler betonen, dass es weiterer Auseinandersetzungen und wissenschaftlicher Diskussionen rund um die App bedarf.

Corona-Tracing-App: Vorbild Südkorea

Auch Angela Merkel übte einem „Bild“-Bericht zufolge jüngst Kritik an der Anwendung. Während eines internen Treffens soll die Bundeskanzlerin laut der Zeitung die südkoreanische App lobend hervorgehoben haben. Dieses Modell funktioniere aus Datenschutzgründen jedoch nicht in Deutschland. Daher bringe die deutsche App nur wenig.

In Südkorea haben die Behörden Zugriff auf allerhand Datenquellen. Neben der GPS-Funktion am Smartphone, die eine genaue Standortbestimmung erlaubt, werden etwa Informationen aus Kreditkarten und Überwachungskameras berücksichtigt. In kaum einen Land wird so viel bargeldlos bezahlt, die hohe Dichte der Mobilfunkmasten ermöglicht zudem ein bis auf wenige Meter genaues Bewegungsprofil. Über die Corona-Tracing-App können Nutzer schließlich feststellen, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe einer mit Covid-19 infizierten Person aufhalten oder ob sie in der Vergangenheit in Kontakt standen. Neben den Aufenthaltsorten werden auch Geschlecht, Wohnort und Alter des Erkrankten erfasst. Datenschutz und Privatsphäre spielen dabei kaum mehr eine Rolle. Die strengen Überwachungsmechanismen könnten neben anderen Maßnahmen dazu geführt haben, dass das Land die Pandemie bisher mit rund 26.000 Fällen auf 51,6 Millionen Einwohner einigermaßen gut überstanden hat.

Experten: App muss weiterentwickelt werden

In Deutschland wäre ein solch umfassender Eingriff aus Datenschutzgründen kaum denkbar. „Die App ist so programmiert, dass so wenig personenbezogene Daten wie möglich verarbeitet werden. Das bedeutet, dass die App keine Daten erfasst, die es dem RKI oder anderen Nutzern ermöglichen, auf Ihre Identität, Ihren Namen, Ihren Standort oder andere persönliche Details zu schließen“, heißt es in einer offiziellen Erklärung zur Corona-Warn-App.

Doch auch wenn eine Erfassung von Standortdaten und eine Erstellung von Bewegungsprofilen nicht infrage kommt, gibt es laut Experten weiterhin Potenzial, die App zu verbessern. „Die App ist nicht am Ziel, sondern muss weiterentwickelt werden“, sagte etwa Henning Tillmann, Softwareentwickler und Co-Vorsitzender des digitalpolitischen Thinktanks D64 der dpa. Der wissenschaftliche Kenntnisstand der App liege noch im April. Es gebe aber inzwischen viele neue Erkenntnisse, zum Beispiel zu Aerosolen, Clustern und Superspreading. „Dieses Wissen muss in die App eingebaut werden. Es wird höchste Zeit für eine Corona-Warn-App 2.0, damit die App helfen kann, gut durch den anstehenden Corona-Winter zu kommen.“ Lobend erwähnte Tillmann in einem „Spiegel“-Beitrag die irische Corona-App, die zusätzlich zur Kontaktverfolgung eine Symptomverfolgung und aktuelle Statistiken zur aktuellen Lage bereitstellt.

Auch FDP-Netzexperte Manuel Höferlin forderte, dass die App weiter ausgebaut und auf den aktuellen digitalen Stand gebracht werde. „Ich glaube, das System an sich hat noch Verbesserungsbedarf“, sagte er dem Deutschlandfunk. Neben Privatpersonen sollten auch Labore weiterhin die App nutzen und nachrüsten, um die digitale Übermittlung von Testergebnissen flächendeckend zu ermöglichen. Im Vergleich zu asiatischen Systemen hob er das besondere Augenmerk auf den Datenschutz lobend hervor.

 

Von Mila Krull/RND