In Deutschland kommt es aufgrund der Corona-Pandemie wieder zu Hamsterkäufen bei Toilettenpapier. Quelle: imago images/xim.gs

Corona-Hamstern: Warum ausgerechnet Klopapier und Hefe?

Er ist wieder da – der Hype ums Toilettenpapier. Nicht in den Frühjahrsdimensionen, doch aber spürbar, wenn man suchend durch Supermärkte, Discounter und Drogerien der Nation streift. In vielen Toilettenpapierregalen herrscht gähnende Leere – um die Heferegale ist es kaum besser bestellt. Wer glaubt, Hamsterkäufe seien out, irrt sich gewaltig. Die komplexe Psychologie hinter dem kollektiven Horten beschäftigt Wissenschaftler weiterhin. Und jeder arglose Einkäufer fragt sich: Warum ausgerechnet Klopapier und Hefe?

Warum überhaupt wieder Hamsterkäufe?

„Ein bisschen überrascht war ich schon. Ich dachte, die Leute haben noch große Vorräte, die noch gar nicht abgebaut sind“, kommentiert der Göttinger Angstforscher und Psychiater Borwin Bandelow die aktuellen Hamsterkäufe ironisch im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Aber ernsthaft: Möglicherweise ist es der plötzliche Schock über den Teil-Lockdown“, so der Experte weiter. Viele hätten die Hoffnung gehabt, es würde jetzt alles besser werden – doch nun schießen die Fallzahlen in die Höhe. „Das hat viele Leute stark verunsichert. Was dazu führte, dass ein kleiner Teil nicht rational reagiert, der dann andere mitreißt“, sagt Bandelow.

Und selbst, wenn jemand grundsätzlich rational denkt: Rationales Wissen könne seelische Beunruhigung nur bedingt beeinflussen, meint der Psychoanalytiker Gottfried Barth von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Tübingen gegenüber dem RND. „In den Hamsterkäufen sehe ich einen Versuch, angesichts einer großen diffusen Bedrohung sich doch Beruhigung zu verschaffen“, sagt Barth. Dabei seien die Produkte des Einkaufs gar nicht so entscheidend, „sonst könnte uns das Wissen um genügend Klopapier ja beruhigen. Das Einkaufen an sich gibt uns die Illusion, durch dieses konkrete Handeln die Pandemie beherrschen zu können“, so der Psychoanalytiker.

Warum ausgerechnet Klopapier und Hefe?

Warum einige Menschen wieder das Hamstern beginnen, scheint also geklärt. Doch warum nun sind Klopapier und Hefe erneut solch begehrte Güter? „Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu reinigen. Eines Tages ohne Klopapier zu sein ist deshalb eine Horrorvorstellung“, erklärt Angstforscher Bandelow. Außerdem seien Klopapier und Mehl Dinge, die man lange aufbewahren kann – ohne großen finanziellen Verlust. Hefe, die hingegen nach wenigen Wochen vergammelt, sei wahrscheinlich ein Beiprodukt: „Weil die Menschen so viel Mehl gehamstert haben, müssen sie damit auch backen, und dazu brauchen viele Hefe.“

Psychoanalytiker Barth sieht zudem kulturelle Hintergründe, schließlich sei Klopapier ja eigentlich kein lebensnotwendiger Artikel. „Wir versuchen unbewusst, unsere Kultur gegen das bedrohliche Chaos der Pandemie und gegen die diffuse bedrohliche Kraft des Virus zu verteidigen“, sagt der Experte. Sich von den Ausscheidungen zu trennen und zu säubern gebe auch das Gefühl, sich vom Virus trennen beziehungsweise schützen zu können. Zudem korreliere eine gewisse typisch deutsche zwanghafte Persönlichkeitsstruktur mit einem gewissen deutschen Hang zu Sauberkeit: „Oder wie ich im Frühjahr provokativ zusammengefasst habe: wenn schon sterben, dann wenigstens mit sauberem Hintern“, so Barth.

Dass neben Toilettenpapier auch viel Hefe gekauft wird, wundert den Psychoanalytiker wenig: „Hefe ist Leben, das ich einkaufen und aufbewahren kann. Hefe lässt mich autark werden angesichts der Beschränkungen." Auch bei totaler Ausgangssperre habe man die Möglichkeit zur Brotherstellung (wenn genügend Mehl gekauft wurde), „aber ich bin zugleich auch nie allein isoliert, habe die lebendige Hefe immer um mich“, stellt Barth fest.

Hamsterkäufe: Zeichen für mehr Angst vor Coronavirus?

Mittlerweile könnte beinahe das Gefühl entstehen, Hamsterkäufe seien präsenter als das Coronavirus an sich. Das könnte laut Angstforscher Bandelow einen ganz einfachen Grund haben: „Wenn eine neue Gefahr kommt, wird sie als überdimensional wahrgenommen. Neue und unbeherrschbare Gefahren machen immer mehr Angst als bekannte Gefahren.“ Mittlerweile habe sich Corona in die lange Liste der bekannten Gefahren eingereiht. Das führe dazu, dass wir davor weniger Angst haben. „Aktuell haben wir mehr vor Dingen Angst, die uns tagtäglich in der Realität begegnen – wie die Maskenpflicht oder geschlossene Restaurants“, so Bandelow, „das betrifft vor allem diejenigen, die selbst nie mit dem Coronavirus infiziert waren oder keine Infizierten kennen.“

Für Psychoanalytiker Barth hat sich aber noch kein Abstumpfungseffekt eingestellt. „Wir stehen erst am Beginn der kalten Jahreszeit mit dem deutlich erhöhten Infektionsrisiko und gehen in einen Herbst und Winter, von dem keiner heute weiß, welches Ausmaß von Einschränkungen wir in den nächsten vier bis sechs Monaten bekommen werden“, sagt der Experte. Insofern sei das derzeitige Szenario tatsächlich deutlich bedrohlicher als im Frühjahr – auch wenn die Medizin inzwischen viel gelernt habe in der Behandlung von Covid-19. „Ich habe den Eindruck, dass die Angst wirklich zugenommen hat, dass dies aber auch einen realen Hintergrund hat und diese Angst also berechtigt ist.“

Von David Sander/RND