„Johannes B. Kerner kann Gefühle verkaufen, wo er gar keine hat. Bei mir ist es leider andersherum“: ZDF-Moderator Jan Böhmermann.

„Man hat nicht immer recht mit seinem ersten Reflex“: Ein Gespräch mit Jan Böhmermann

Herr Böhmermann, Sie haben kürzlich ein Interview mit Ihnen, das die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sehr kurzfristig aus dem Druck genommen hatte, kurzerhand bei Twitter veröffentlicht. Dazu haben Sie einen offenen Beschwerdebrief an den Herausgeber Jürgen Kaube geschrieben. Was ist da passiert?

Ich weiß es bis heute nicht. Vielleicht war es etwas Persönliches oder hat was mit meiner umfassenden Hegel-Expertise zu tun, auf die der Herausgeber neidisch war. Das ist ja schon ein ungewöhnlicher Vorgang, wenn eine Redaktion ein Interview plant und der Herausgeber das dann ohne Begründung kurz vor dem Druck stoppt. Ich hab mich sehr amüsiert. Ich hoffe, das hatte alles nichts damit zu tun, dass ich mich im Fernsehen darüber lustig gemacht habe, dass die „FAZ“ zu ihrem 70. Geburtstag die Rechtsextremen Stephan Brandner und Alexander Gauland von der AfD eingeladen hatte. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.

Die Veröffentlichung bei Twitter wirkte ein bisschen wie ein Trump-Move: Ich brauche die alte Holzmedienwelt nicht, ich habe 2,2 Millionen Follower.

Total! Mich hat das einfach gewundert. So etwas klären schlaue Köpfe doch normalerweise intern.

In Ihrem Twitter-Tagebuch „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ schreiben Sie, Twitter sei für Sie „Ventil für Impulse, Spiegel meiner Ratlosigkeit, Speicherort für das Innerste, Ideen oder Quatsch, zugleich geheimes Tagebuch und unter Starkstrom stehendes Megafon“. Ist Ihnen die Bedeutung des Mediums für Ihr Leben manchmal unheimlich?

Es gibt Momente, in denen ich mich davon lösen muss. Damit mir Twitter nicht zum Beispiel meinen ganzen Sommer zerschießt. Ich mache Twitter im Juni immer aus, und in den Sommerferien lese ich höchstens abends ein bisschen mit, wie in einer Zeitung. In dieser Zeit nehme ich mir immer fest vor, nicht zu twittern, weil ich keine Dinge auslösen will, die total anstrengend sind für andere und mich. Ich frage mich sowieso, ob das ewig so weitergehen kann, dass Twitter so eine große Bedeutung hat – nicht nur für mich. Das Twitter-Tagebuch ist der Versuch, aus dieser seltsamen Schleife herauszukommen und die digitalen Mechanismen transparent zu machen.

Sie haben alle Tweets zwischen 2009 und 2020, die Sie in das Buch übernommen haben, bei Twitter gelöscht.

Ja. Und wenn ich die jetzt retweeten will, muss ich sie aus dem Buch abfotografieren und als Foto twittern. Ich habe gerade mit Sybille Berg darüber gesprochen: Es ist ja faszinierend, dass man da jahrelang möglicherweise interessante Gedanken vor sich hin geschrieben hat – und man das nur deshalb nicht als spannend erkannt hat, weil die digitale Form so flüchtig ist. Das Digitale ist so flüchtig, dass man übersieht, dass das, was da entstanden ist, vielleicht wirklich Bestand haben könnte.

Wie viel Zeit verbringen Sie denn täglich mit dem Medium?

Sechs Stunden ungefähr. Ich kann Ihnen hier mal meine aktuelle Twitter-Bildschirmzeit zeigen (nimmt sein iPhone in die Hand). Wo steht das? Hier – „Bildschirmzeit“: sechs Stunden und 43 Minuten pro Tag. Das ist meine durchschnittliche Nutzungszeit für Twitter aus den letzten Tagen. Aber ich bin runter! 24 Prozent weniger im Vergleich zu letzter Woche. Das ist im Moment aber auch extraviel, weil wir kurz vor unserer neuen Show stehen.

Ist Twitter systemrelevant?

Absolut. Die Frage ist nur: Ist das richtig so? So systemrelevant, wie soziale Medien sind, muss man sich die Frage stellen, wer eigentlich die Regeln aufstellt für die sozialen Netzwerke.

Es sind ein paar Tausend Ingenieure.

Das ist nicht schön. Und es ist auch nicht schön, dass ein unseriöser Comedyclown wie ich mit einer größeren Reichweite als die „Bild“-Zeitung in der Tasche herumläuft und schreiben kann, was er möchte. Auch das ist kein Zustand, der ewig anhalten darf. Und wenn man da rauskommen möchte, muss man als Erstes in sich hineinhören und fragen: Ist das okay so? Oder nicht? Wenn nicht, muss man das alles zur Disposition stellen. Ich glaube, dass das Gespräch darüber beginnen muss. Das geht so nicht weiter.

Sie wollen aufhören, zu twittern?

Ich könnte zum Beispiel meine Reichweite vergemeinschaften oder stiften, vielleicht mit einer Art Redaktion. Dann fände der pluralistische Austausch von Meinungen statt – bevor sie rausgeblasen werden. Wäre das nicht schlau, so etwas wie eine redaktionelle Instanz zu haben? Sollten Influencer Redaktionen gründen? Soll ich meine Follower verschenken? Natürlich denke ich darüber nach. Ich habe auch überlegt, ob ich meinen Account einfach spende für etwas Sinnvolles. Bei Facebook habe ich jetzt etwa eine Million Follower. Es wäre ein Leichtes für mich, das sofort abzugeben – weil mich das wirklich null Komma null interessiert. Bei Twitter habe ich das Gefühl, die Debatte verläuft immerhin noch so, dass ich daran gern teilnehmen möchte. Aber eigentlich wäre der konsequente Schritt: Reichweite vergemeinschaften.

Ist das ein ernsthafter Plan?

Ja. Ich habe bei der Start-up-Konferenz Bits & Pretzels in München schon mal spaßeshalber gesagt: Wer mir am meisten Geld bietet, bekommt meinen Facebook-Account. Hat sich aber keiner gemeldet. Und es wäre ja auch blöd, das für kommerzielle Sachen zu missbrauchen, da denke ich öffentlich-rechtlich. Aber die Frage ist schon ernst: Wie sollte man Social-Media-Reichweite in Zukunft gestalten? Das sind sehr konkrete Fragen gerade.

Andreas Scheuer, die AfD, die Hohenzollern, Rechtsradikalismus bei der Polizei, Corona, SUV, Trump, Gleichberechtigung in der Schweiz, der Papst, Mathias Döpfners geschenkte Milliarde. Das klingt wie die Themen der „Tagesschau“, aber das sind die Inhalte Ihrer Tweets der letzten drei Tage.

Das ist wie in einem Computerspiel: Das sind die Themen, die auf mich zufliegen, die mich irgendwie berühren und die wir in der Redaktion sowieso bearbeiten – und die schlage ich dann weg mit dem virtuellen Baseballschläger.

Tut Ihnen Twitter denn gut? Lindert es seelische Not im Sinne eines emotionalen Überdruckventils, oder schürt es sie?

Je nachdem. Wenn es gut läuft, dient es als Ventil – dann ist etwas weg, was vorher da war. Und wenn es schlecht läuft, kommt es wie ein Bumerang zurück, und alles ist noch viel schlimmer als vorher. Was ich bei der Arbeit am Buch festgestellt habe: Bei manchen Themen hat sich schon zwei Jahre, bevor ich sie dann groß in der Sendung behandelt habe, bei Twitter meine Position dazu herauskristallisiert. Das passiert pausenlos. Dass Friede Springer Mathias Döpfner eine Milliarde Euro geschenkt hat, finde ich zum Beispiel weniger interessant. Das war ja abzusehen, dieser clevere Erbschleicher! Spannend ist da doch eher die steuerliche Dimension des Ganzen. Bekommt der Staat jetzt ein Viertel davon ab? Das finde ich spannender als die Schenkung selbst. Es ist nicht so, als würde ich bei jedem Thema eine fixe apodiktische Position einnehmen, die ich nie verlasse – in Wahrheit ist Twitter oft nur ein erster Test, von welcher Richtung ich das angehen will.

Man beobachtet Sie bei der eigenen Meinungsfindung?

Ja, genau. Und ich mich auch. Und manchmal ändert sich dann meine Meinung. Vor Kurzem gab es eine lokale SPD-Debatte über den Bundestags­abgeordneten Florian Post und seine designierte Nachfolgerin im Wahlkreis München-Nord – er galt als Olaf-Scholz-Kritiker, sie war persönliche Referentin in Scholz’ Ministerium. Und da bin ich die ersten zwei Monate auf Post hereingefallen, der behauptete, die SPD wolle ihn als Parteirebellen aus dem Bundestag drängen. Ich habe erst später gemerkt, dass es vielleicht eine beschissene Idee war. Denn mit seinen Gewinnertweets hat er sich ziemlich unangenehm über seine junge Gegenkandidatin erhoben. Also: Man hat nicht immer recht mit seinem ersten Reflex.

Das gilt auch für den Tweet „Fick dich, Opa!“ in Richtung Horst Seehofer, den Sie wieder gelöscht haben? Was war da los?

Da bin ich morgens aufgewacht und las bei „Spiegel Online“ Seehofers Kommentar zur Polizei, nachdem am Tag vorher 29 Polizisten in NRW vom Dienst suspendiert worden waren, weil sie in einer rechtsradikalen Whatsapp-Gruppe auftauchten. Und von Seehofer kam am Morgen danach nicht viel mehr als: Die Polizei ist ein Juwel. Menschen haben ein ungutes Gefühl, die Polizei zu rufen – weil ihr Vertrauen in die Polizei erschüttert ist. Und die Polizei ist nicht in der Lage, dieses Problem sauber zu lösen, weil ihr vor lauter Einzelfällen niemand mehr zutraut, seriös gegen sich selbst ermitteln zu können. Das ist nicht akzeptabel. Das darf man nicht aussitzen, dem darf man politisch nicht mit dieser gefährlichen Ignoranz begegnen, wie Seehofer das tut. Damit betreibst du als Minister das Geschäft derer, die das Vertrauen in die Polizei weiter erschüttern wollen.

Ihr Vater war Polizist.

Natürlich hat das auch eine persönliche Komponente. Gerade wenn man aus einer Polizistenfamilie kommt, weiß man doch: Du kannst Fakten nicht mit Knüppeln begegnen. Polizei muss immer deeskalieren und dialogbereit sein. Ich war wirklich sauer an diesem Morgen, und mir ist dann der Kragen geplatzt. Dieser Wutanfall war natürlich blöd – da denkst du zwei Stunden später: Ach komm, das war ’n bisschen viel. Und das tut mir auch wirklich leid. Aber in der Sache (lacht) bleibe ich schon dabei.

Haben Sie sich dadurch verändert, dass sich täglich der Zorn irgendwelcher Schreihälse über Sie ergießt?

Das hat den großen Vorteil, dass man sich davon nicht mehr so schnell beeindrucken lässt. Du lächelst nur noch müde, wenn der WDR-Intendant beim ersten Shitstorm sofort einlenkt. Weil du weißt: Das gehört zum Internet-Game einfach dazu. Klar ist das unangenehm, und ich tue viel dafür, dass das nicht schlimmer wird.

Klaas Heufer-Umlauf hat mal gesagt: „Man darf sich ja von diesen ganzen Idioten da draußen nicht auch noch die Unterhaltung kaputtmachen lassen.“

Ja, das bedeutet aber auch, dass man immer wieder Selbstdistanz braucht. Ich bin ganz froh, nach der letzten „Neo Magazin Royale“-Sendung im Dezember 2019 mal ein Dreivierteljahr runter vom Fernsehen gewesen zu sein.

Sind Sie ein Moralist?

Ich bin vor allem kein Zyniker. Moral ist eine Leitplanke, die wir brauchen, um das mit dem Leben und dem Zusammenleben überhaupt hinzubekommen. Jeder Mensch braucht Dinge, an die er fest glaubt, damit er nicht der Versuchung erliegt. (Pause) Oha, jetzt wird es biblisch.

Das macht ja nichts.

Es kommt darauf an, sich nicht in diesen dunklen Sumpf hinabziehen zu lassen. Das passiert ja nicht auf einer rationalen Ebene. Leute, die sich radikalisieren, tun das ja auf derselben Ebene, auf der Moral stattfindet, also im Persönlichen, Emotionalen. Und Moral kann vor dem unbemerkten Abgleiten in die Menschenfeindlichkeit schützen.

„Ein Mensch von Charakter ist ein anständiger Mensch, der als solcher bestimmte Ziele vor Augen hat und diese mit Festigkeit verfolgt.“ Hat Hegel gesagt.

Da hat Hegel mal wieder recht. Wenn er sich doch bloß ein bisschen klarer ausgedrückt und nicht so viel Spielraum für Interpretation gelassen hätte! Ich glaube, das stimmt. Man darf seine Überzeugungen nur nicht zum absolut radikalen Leitbild machen, sonst wird es ideologisch und unbeweglich. Man muss differenziert und offen bleiben. Aber es hilft, wenn man unverrückbaren Prinzipien folgt.

Gelegentlich spürt der Zuschauer bei Ihnen echten Zorn. Ist das gut für die Sendung?

Johannes B. Kerner kann Gefühle verkaufen, wo er gar keine hat. Bei mir ist es leider andersherum.

Kabarett ist für Sie uninteressant?

Kabarett ist die auf die Bühne gebrachte Empörung als Effekt. Und das Publikum sitzt da, nickt und denkt: Richtig, richtig, richtig. Ich selbst fühle mich immer am wohlsten, wenn die eine Hälfte des Publikums „buh“ ruft und die andere Hälfte klatscht. Ich versuche, die Anteile von Zustimmung und Ablehnung immer im Gleichgewicht zu halten, auch um selbst nicht verrückt zu werden.

Soll man mit Verfassungsfeinden diskutieren?

Mit Menschenfeinden wird nicht geredet.

Sie haben den „Spiegel“ dafür kritisiert, dass er eine Art Homestory mit der rechten Social-Media-Erscheinung Naomi Seibt veröffentlicht hat. Aus diesem Grund?

Was außer Klicks bringen naive Porträts von Desinformations­handpuppen rechtsextremer Spin-Doktoren? Mit solchen Texten sorgen Qualitätsmedien dafür, dass es solche Wahnsymptome wie dieses bedauernswerte Mädchen überhaupt gibt. Woher rührt der Impuls des „Spiegel“, eine „Gegen-Greta“ zu legitimieren? Allein, dass die Redaktion Greta Thunberg und eine konstruierte Figur aus der extremen Rechten auf eine Stufe stellt, ist fahrlässig. Zum tausendsten Mal: Nicht alle Dinge haben zwei Seiten, und man kann nicht allem etwas vermeintlich Adäquates entgegensetzen, nur weil man in der Journalisten­schule was falsch verstanden hat. Zur Realität des Klimawandels kann es keine zwei Meinungen geben. Zumindest nicht, wenn man alle Latten am Zaun hat.

Würden Sie „Bild“ unter Julian Reichelt ein Interview geben?

Nein, beim Springer-Verlag sind mir als konservativem Anleger im Augenblick die unternehmerischen Verhältnisse zu unseriös. Wer hat die Aktienmehrheit? Was hat KKR vor? Mit welchem Enkeltrick hat Mathias Döpfner es geschafft, Friede Springer eine Milliarde Euro abzuquatschen? Ist Springer noch ein sicheres Invest?

Am 6. November um 23 Uhr startet Ihr neues „ZDF Magazin Royale“, immer freitags zwischen der „heute-show“ und „Aspekte“. Warum heißt die Sendung nicht „Die Jan Böhmermann Show“?

Wir sind 30 Leute in der Redaktion und knapp 100 in der Produktion. Fernsehen ist Gruppenarbeit.

Warum hat das ZDF so lange gezögert, Sie dem Hauptprogramm zuzuführen? Wenn die Sprache auf Sie kam, dann wirkte ZDF-Intendant Thomas Bellut immer ein bisschen wie Uli Hoeneß, der einen 17-jährigen Kolumbianer vor den Zumutungen der bösen Welt schützen wollte.

Ja. Und mit der Sendung im großen ZDF muss sich der Intendant zukünftig rechtfertigen, warum sich Franck Ribéry Gold auf sein T‑Bone-Steak hobelt. Sie meinen also, ich bin für das ZDF wie ein Stürmerstar, der für die Mannschaft die wichtigen Tore knipst, zu dem die Vereinsführung aber trotzdem eine gewisse Distanz bewahrt, weil sie nicht weiß, wie viele Lamborghinis er sich jetzt wieder in die Garage stellt?

Richtig.

Das sehe ich auch so. Es ist nicht mein Job, mich mit Bundesverdienst­kreuzen behängen zu lassen oder das „Goldene Mainzel­männchen“ zu bekommen. Das „ZDF Magazin Royale“ ist eine Fortsetzung unserer Amour fou, der feurigen Liebe zwischen dem ZDF und mir. Das bedeutet auch, dass jede Seite ein bisschen in Lauerstellung bleibt. Aber das macht die Spannung aus. Wir kommen gut klar und können reden wie Erwachsene. Sonst würden wir das hier auch nicht machen. Es ist eine erwachsene Beziehung. Wir brauchen noch keinen Amorelie-Adventskalender, damit es weiterhin zwischen uns knistert.

Was ist Ihre Absicht? Was soll die Show sein?

Ich hoffe, unsere Show wird das perfekte Warm-up für „Aspekte“. Das ist mir sehr wichtig. Ich will versuchen, den vollen Saal nach der „heute-show“ stilvoll leerzuspielen und möglichst viele Leute mit herüber zu nehmen in den Kulturteil des Abends. Unsere Sendung ist ja ehrlicherweise eine Mischung aus Unterhaltung und dem Anspruch, darüber hinaus etwas zu liefern.

Ich darf das ZDF zitieren: Jan Böhmermann werde „journalistisch fundiert und in gewohnt spitzer Manier den Finger in die Wunde legen“. Wer schreibt so was?

Ich hätte gesagt: „Er wird gefühlvoll den Finger in den Po des Zeitgeistes stecken und hat vorher Chilis geschnitten.“ Aber das wäre wahrscheinlich nicht von der ZDF-Marketing­abteilung freigegeben worden. Die Show wird zwischen ultrascheiße und sehr gut pendeln. Das Team ist im Kern das gleiche, wir haben uns in der Produktion ein bisschen umorganisiert und den journalistischen Bereich deutlich aufgestockt, zum Beispiel mit Hanna Herbst und Christoph Schattleitner von „Vice Austria“ oder Anna Breithausen vom Y-Kollektiv.

Produziert wird die Show vom neuen Unternehmen Unterhaltungs­fernsehen Ehrenfeld, gegründet von Ihnen und der ZDF-Tochter Gruppe 5. Welche Rolle wird die Bildundtonfabrik spielen, die bisher die Show herstellte?

Wir arbeiten weiterhin zusammen und produzieren im selben Studio hier in Köln-Ehrenfeld.

Sie haben ein knappes Jahr Fernsehpause hinter sich. Irgendwelche „Learnings“ aus dieser Zeit, wie man heute sagt?

So eine richtige Pause war das ja nicht. Im Dezember 2019 hatten wir die letzte Sendung von „Neo Magazin Royale“, im Januar habe ich ein bisschen Urlaub in Amerika gemacht. Dann kam ich zurück – dann war Corona. Manche aus dem Team haben sich entschieden, noch mal was ganz anderes zu machen, in die Sozialarbeit zu gehen, ein Studium zu machen oder ein eigenes Podcast-Imperium aufzubauen. Einige haben eine Weltreise gemacht, sind mit dem Segelboot coronabedingt in der Karibik gestrandet. Es gab ein großes Hallo, als wir alle nach diesem Sabbat-Dreivierteljahr vor ein paar Wochen hier wieder zusammenkamen und uns erzählt haben, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist.

Wie war das, ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 ohne eigene Sendung auskommen zu müssen? Blödes Timing?

Ach, alles, was wir thematisch hätten machen können über das Virus oder die Verschwörungs­idioten wäre sehr offensichtlich und naheliegend gewesen. Wochen, in denen du am Montag schon weißt, was als Thema in die Sendung kommen wird, sind immer blöde Wochen. Wenn du am Donnerstag aufzeichnest, hast du am Freitag schon alle Witze darüber im Internet gelesen. Dann ist es eine „alte“ Sendung. Darum ist unser Job für die neue Sendung: Die „heute-show“ behandelt die vergangene Woche, „Aspekte“ übernimmt das Kulturelle – und wir sind zuständig für den Blick in die Zukunft. Bei uns soll es um Themen gehen, die erst noch welche werden.

Die Sendung ist künftig 30 Minuten lang, also 15 Minuten kürzer als das „Neo Magazin Royale“. Warum?

Wir wollen uns konzentrieren – und nicht am Ende noch zwölf Minuten mit irgendwelchem Ballaballaquatsch füllen. Wir leisten die redaktionelle Arbeit ab sofort zu hundert Prozent vor der Sendung.

Welche Rolle spielen Gäste?

Gibt es, genau wie aufwendige Musikperformances des Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld. Wir haben ein sechzehnköpfiges Orchester, und unser Ehrgeiz ist es, diesen spektakulären Klangkörper und seine Vielfalt auch über unsere eigene Sendung hinaus mal in anderen Shows zu sehen. Es ist im Prinzip eine klassische öffentlich-rechtliche Aufgabe: Wir wollen allen Jugendlichen unter 62 im ZDF zeigen, dass es nicht automatisch im Stadttheater Bielefeld enden muss, wenn man ein klassisches Instrument lernt.

Otto Waalkes hat neulich dem alten Verdacht widersprochen, man müsse eine traumatische Kindheit durchlitten haben, um lustig zu sein. Wie war das bei Ihnen?

Das sehe ich wie er. Man kann auch eine ganz tolle Kindheit gehabt und von seinen Eltern trotzdem Humor mitbekommen haben. Die Bereitschaft zum Leid und zur Ernsthaftigkeit ist in der Unterhaltung als Antrieb trotzdem wichtig. Die muss aber nicht aus einer kaputten Kindheit kommen.

Das heißt, der Satz „Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid“ stimmt schon?

Ja, klar. Es gibt viele Leute, die schaffen es nur so, ihre Kindheit zu verarbeiten. Bei mir war das aber anders. Wahrscheinlich habe ich den Witz von meiner Mutter. Meine Familie kam, als sie sechs Jahre alt war, aus Polen nach Deutschland. Sie kannten hier niemanden und mussten sich durchbeißen. Das trainiert den Humor.

Kommt daher auch das Kämpferische?

Das kommt auch von meinem Vater. Der hatte einen wahnsinnig starken Gerechtigkeitssinn und ist deswegen Bulle geworden, glaube ich. Es ist wohl eine Mischung. Aber meine Kindheit war wirklich sehr schön in Bremen-Nord.

Was für ein Kind waren Sie in der Schule in Bremen-Vegesack?

Kein Klassensprecher und kein Klassenclown. Ich habe mir das alles mitangesehen und war im Privaten sehr anstrengend. Ich stand viel auf Betten, habe gelangweilten Verwandten Theaterstücke vorgespielt und alle gezwungen, mir zuzugucken. Irgendwann hat meine Mutter das zum Glück für sich selbst und mich kanalisiert und mich in den Kinderzirkus und ins Schülerkabarett gesteckt. Das wäre privat sonst nicht mehr auszuhalten gewesen.

Das heißt, die Frage, warum es Sie überhaupt ins Rampenlicht zieht, ist für Sie persönlich geklärt?

Es ist pathologisch. Es ist leider nicht ausgedacht. Ich kann es nicht abstellen.

Sie sagten mal, Sie trugen als Jugendlicher „lange Ledermäntel, komische Schals und exzentrische Klamotten“. Das klingt optisch ein bisschen nach den Attentätern von Columbine.

Ja, aber immer mit einem freundlich-neurotischen Unterton. Das Finstere ging mir ab. Es gab bei uns in Bremen-Nord einen Secondhandladen auf der Georg-Gleistein-Straße, und da habe ich im Schaufenster einen braunen Wildledermantel gesehen. Für ein halbes Jahr hielt ich das für eine gute Idee, aber es war furchtbar, ganz furchtbar.

Hat denn der Fernseh-Jan viel mit dem Privat-Jan zu tun?

Ja. Zu 90 Prozent sind die beiden deckungsgleich. Aber die übrigen hundert Prozent behalte ich gern für mich.

Sie werden im Februar 40 Jahre alt. Das Prädikat „junges Talent“ liegt weit hinter Ihnen. Wie ist das, nicht mehr zu den jungen, frechen Leuten zu gehören?

Erleichternd! Alles ist etwas ruhiger. Das spürt man sogar, wenn man hier durch die Räume und das Studio geht – alles ist entspannter, organisierter und weniger chaotisch. Und wir haben jetzt eine Kaffeemaschine, die Cappuccino machen kann. Mit Hafermilch oder Kuhmilch. Das Dreivierteljahr Fernsehpause war auch das Resultat von sieben anstrengenden Jahren für mich, meine Anwälte und meine Kolleginnen. Mit einigen arbeite ich schon seit fast 20 Jahren zusammen. Wir sind alle froh, dass es wieder losgeht, nur etwas relaxter und mit mehr Kindern und Lastenfahrrädern.

Es wäre doch auch zu anstrengend, andauernd der Anarchist vom Dienst sein zu müssen, oder?

60 Prozent der Anarchie auf der Bühne ist Politik hinter den Kulissen. Es ist großer Quatsch alles, aber bis es so weit ist, werden Ideen verhandelt, Skripte verbessert, Formate getestet. Und dass wir uns in Zukunft mehr darauf konzentrieren und trotzdem mit dem gleichen Team arbeiten können, ist einfach schön.

Haben Sie nach der Erdogan-Schmähgedicht-Affäre irgendwelche inneren Parameter verstellt, damit sich das Jahr 2015 nicht wiederholt? Sind Sie vorsichtiger geworden?

Na ja, offensichtlich nicht vorsichtig genug, um nicht morgens um acht leidenschaftlich den Bundes­innenminister zu schmähen. (lacht) Ich glaube eher nicht, leider nein.

Wie schützen Sie sich davor, mit 55 so zu werden wie Gabor Steingart?

Dafür fehlt mir hauptsächlich das Geld. Das ZDF würde mir niemals 10 Millionen Euro hinterherwerfen, die ich dann in ein Podcastschiff stecken muss, damit mir das Finanzamt Charlottenburg die ganze Kohle nicht wieder wegnimmt. Auch wenn man mir das nicht so ansieht und oft auch das Gegenteil unterstellt wird: Am Ende geht es mir um die Sache. Ich mache das nicht, damit ich auf der Straße erkannt werde oder weil es ein großes Loch in mir gäbe, in das Menschen tonnenweise Liebe oder Aufmerksamkeit werfen müssten, damit ich zufrieden bin.

Sie wollen sich gar nicht öffentlich ausstellen?

Ich stelle mich gern öffentlich zur Verfügung, aber bitte mit Sachbezug, wie wir Erfahrungs­juristen sagen. Übrigens schreibe ich derzeit an einer Drehbuchskizze für eine siebenteilige Netflix-Serie: „In seinem vergeblichen Bemühen um Anerkennung lockt ein verrückter, finanzstarker Medienmogul die besten Journalistinnen Deutschlands mit Geld auf sein schickes Medienhausboot. Wenn alle drauf sind, schnappt seine Falle zu: Er zieht den Steg weg, versenkt den Kahn, filmt das Todesdrama vom Ufer aus und vertickt die Story an Springer.“

Im Trailer für Ihre neue ZDF-Sendung sitzen Sie ausgesprochen unfröhlich in einem brennenden Zimmer auf einem Stuhl, dazu erklingt Hermann van Veens „Warum bin ich so fröhlich?“ Das ist aber schon ziemlich Feuilleton oder?

Ja, nur bei uns gucken das 400.000 Leute bei Youtube. Es ist ein Zitat dieses Memes von dem kleinen Hund mit dem komischen Hut, der in einem brennenden Zimmer sitzt und sagt: „This is fine.“

Ihnen fehle das Weltumarmende, Verbindliche, heißt es manchmal.

Thomas Gottschalk habe ich kürzlich in einem lustigen Borat-Kostüm mit Barbara Schöneberger bei RTL in Köln-Hürth Poporutschspielchen gegen Oliver Pocher und seine Freundin absolvieren sehen. Wenn das das Ergebnis von Weltumarmung ist, dann bin ich ganz froh, dass ich nicht die Welt umarme.

Haben Sie sich ein Ziel gesetzt, wann Schluss mit Fernsehen sein soll? Mit 50 wie bei Stefan Raab?

Das ist im engsten privaten Kreis versprochen und wird auch passieren. Aber das ist noch lange, lange hin.

 

TV-Star und Satiriker: Das ist Jan Böhmermann

Jan Böhmermann gehört zu den bekanntesten Fernseh­moderatoren des Landes. Er kam am 23. Februar 1981 als Sohn eines Polizeibeamten im Bremer Stadtteil Gröpelingen zur Welt und wuchs im Stadtteil Vegesack auf. Seine Mutter gehörte zur deutschen Minderheit in Polen und kam Anfang der 1970er-Jahre nach Deutschland. Sein Vater starb an Leukämie, als Böhmermann 17 Jahre alt war.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte Böhmermann als Lokalreporter in Bremen, bewarb sich dann an mehreren Schauspiel­schulen. In Hannover wurde er angenommen, trat das Studium aber nicht an. Er arbeitete zunächst als Moderator und Komiker im WDR-Radio („Lukas’ Tagebuch“). Bekannt wurde er ab 2009 als Ensemble­mitglied der Sendung von Harald Schmidt in der ARD.

Als Moderator der Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ von 2013 bis 2019 bei ZDF neo löste er mehrere Affären aus („Schmähgedicht“, „Stinkefinger-Affäre“). Böhmermann erhielt sechsmal den Grimmepreis sowie zahlreiche andere Auszeichnungen.

Seine neue Show „ZDF Magazin Royale“ startet am Freitag, 6. November, im ZDF. Jeweils am Donnerstag ist sie bereits in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Von Imre Grimm/RND