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„Altes Land“: Marlene von Kamcke (Nina Kunzendorf) hat sich mit ihrer Halbschwester Vera überworfen und verlässt mit den Briefen ihrer Mutter wütend den Hof. Quelle: ZDF und Georges Pauly

Nina Kunzendorf: „Wäre irritiert, wenn in meinem Freundeskreis AfD-Wähler auftauchen würden“

Das ist ja eine tolle Drehkulisse, in der „Altes Land“ produziert wurde. Wäre so ein Landleben in Abgeschiedenheit auch was für Sie?

Heute ist es gar nicht mehr so abgeschieden im Alten Land, wie das im Film wirkt. Das Alte Land ist ja nicht wirklich weit entfernt von Hamburg. Ich mag das Landleben aber schon sehr. Wenn ich mir die Traumsituation basteln könnte, wäre das immer beides – Leben in der Stadt und auf dem Land. Ich wohne nicht von ungefähr in Berlin. Ich bin schon auch ein Stadtmensch.

Ihre Figur Marlene ist eher überfordert mit der Ruhe und Einsamkeit auf dem Land. Wie geht es Ihnen in der Hinsicht?

Ich kann sehr gut mit Ruhe umgehen. Ich brauche nicht ständige Beschallung und die Möglichkeit, jeden Abend in die Kneipe zu gehen.

Was schätzen Sie dann am Stadtleben und an Berlin?

Mit Berlin verbinden viele, dass es so laut, hektisch und riesig ist. Das verstehe ich, aber man ist in Berlin ja hauptsächlich in seinem Kiez zu Hause. Und das gibt einem durchaus das Gefühl, aufgehoben zu sein. Man fährt ja nicht jeden Tag von Charlottenburg in den Prenzlauer Berg. Aber das Tolle ist, dass man die Möglichkeit dazu hat.

Es geht in „Altes Land“ auch um die Flucht von Vera und ihrer Mutter aus Ostpreußen: Hatten Sie vor dem Dreh Berührungspunkte mit dem Thema?

Nicht wirklich. Bei meiner eigenen Familie bin ich, muss ich gestehen, ein bisschen zu wenig eingetaucht. Nach dem Dreh dachte ich, das müsste ich mal tun. Ich erlebe aber die heutige Thematik der geflüchteten Menschen. Das beschäftigt mich sehr, das ist ja traurigerweise sehr aktuell. Ich verbinde das Thema sehr mit unserem Film.

Es gibt eine Szene, in der die kleine Vera und ihre Mutter von der Hofbesitzerin als Flüchtlinge beleidigt werden. Wie gehen Sie mit Menschen um, die Ihnen sagen, dass sie keine Flüchtlinge im Land haben wollen?

Ich erlebe das in meinem direkten Umfeld nicht. Ich lebe in einer Blase von Menschen, die alle ungefähr die gleiche Gesinnung und politische Haltung haben. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es niemanden, der solche Sprüche von sich gibt. Dem würde ich auch Beine machen. Ich hätte große Schwierigkeiten damit, so eine Freundschaft aufrechtzuerhalten. Ich wäre unfassbar irritiert, wenn plötzlich AfD-Wähler in meinem Freundeskreis auftauchen würden.

Zurück zur Ostpreußen-Flucht. Ihre Figur macht im Film eine Reise nach Masuren auf den Spuren ihrer Vorfahren, weil sie nicht viel über ihre Familiengeschichte weiß. Hätten Sie auf so was auch Lust?

Ja, absolut. Mich beschäftigt das seit diesem Dreh sehr. Es gibt so viele verpasste Chancen, die einem zu spät bewusst werden. Ich finde es bedauerlich, dass ich mit meinen Großeltern nicht mehr gesprochen habe. Diese Art Gespräche, über den Krieg, Familie und wo man herkommt, hole ich jetzt nach mit meinen Eltern. Aber es gibt viele Gespräche, die ich nicht geführt habe und nie werde führen können.

Sie haben schon häufiger gesagt, dass Sie leise Stoffe mögen. Ist „Altes Land“ so eine leise Geschichte?

Ich liebe Geschichten und Filme, die Menschen beobachten. Da braucht es für mich oft gar nicht den Riesenplot. Ich mag es, wenn Autoren und Autorinnen und Regisseure und Regisseurinnen sich erlauben, mit einer Ruhe und einem genauen Blick auf Menschen zu schauen, und das mit einem möglichst großen Anspruch an Authentizität. Ich finde, dass „Altes Land“ das tut. Die wunderbare Regisseurin Sherry Horman hat einen großen Teppich aus vielen Flicken gewebt, und zusammen ergibt es ein Bild, das viel erzählt über Familie, Herkunft und Wurzeln.

Würden Sie sich mehr solcher Geschichten in der deutschen Fernsehlandschaft wünschen?

Ja, unbedingt, da ist noch viel Luft nach oben. Ich finde es durchaus berechtigt, die Zuschauer, die da sind und einen bestimmten Altersdurchschnitt haben und gewisse Sehgewohnheiten oder -bedürfnisse, ein Stück weit zu bedienen. Aber toll wäre doch so was wie eine Prozentregelung: Von den 100 Prozent, die wir produzieren, sind mindestens 30 Prozent so, dass das auch Leute wieder vor den Fernseher holt, die lange schon nicht mehr da sitzen. Meine Kinder zum Beispiel schauen gar kein Fernsehen, ich auch nur sehr selten. Ich würde mich aber gern verführen lassen, wieder mehr deutsches Fernsehen zu gucken. Mir fehlen die kleinen, feinen, speziellen, schrägen, politischen, ungewöhnlichen Filme.

Von Hannah Scheiwe/RND