Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ist im Jubiläums-„Tatort“ nach Dortmund gekommen, um Pippo Mauro für einen Mord in München zur Rechenschaft zu ziehen. Quelle: WDR/Frank Dicks

„Tatort“-Star Udo Wachtveitl: „Mir geht diese Selbstbezogenheit auf den Wecker“

Der Münchner „Tatort“-Kommissar Udo Wachtveitl (62) spielt in der Jubiläums-Doppelfolge „In der Familie“, die am 29. November und 6. Dezember um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird, an der Seite seiner Dortmunder Kollegen. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) blickt der Schauspieler auf seine fast 30-jährige Karriere als TV-Ermittler zurück, spricht über unprofessionelle Kollegen und seine Wünsche für die „Tatort“-Reihe.

Im Jubiläums-„Tatort“ arbeiten Sie mit dem Dortmunder Team zusammen. Wie war das?

Natürlich ist das anders als sonst. Miro und ich sind ja sehr eingespielt aufeinander. Da tut es gut, frische Ansätze zu haben. Es war auch interessant, Dortmund kennenzulernen. Aus touristischem Interesse war ich da nämlich noch nicht. Wir waren in einer ähnlichen Situation wie unsere Figuren: Wir kommen dahin und es läuft anders, als wir es aus München gewohnt sind. Das Verhältnis zu den Schauspielern ist freilich ein anderes als das der Figuren untereinander. Da bürstet man im Film aus dramaturgischen Gründen die Sache mehr auf Konflikt als wir den untereinander hatten. Das sind ja reizende und professionelle Kollegen in Dortmund, es gab keinen erbitterten Kampf mit einem übellaunigen Faber-Darsteller.

Haben Sie das in Ihrem Job schon erlebt, dass eher gegeneinander als miteinander gearbeitet wurde wie jetzt im „Tatort“?

Ja, natürlich gibt es Volltrottel und Idioten auch in dieser Branche. Wie in jeder anderen.

Wie gehen Sie damit um?

Professionell. Man einigt sich auf etwas und fertig. Die Frage ist dann, ob man das nächste Mal, wenn man wieder mit so einem Kollegen oder Regisseur zusammenarbeiten soll, wieder „ja“ sagt.

Im Film machen die Münchner und Dortmunder Ermittler eher ihr eigenes Ding. Macht das „Tatort“-Kommissare auch aus, dass sie viel mit sich selbst beschäftigt sind?

Ich hoffe nicht. Mir gehen diese Selbstbezogenheit und Privatismen ein bisschen auf den Wecker. Oft werden diese persönlichen Probleme als dramaturgisches Allheilmittel verwendet. Ich sehe das nicht nur im „Tatort“ – es ist eine allgemeine Tendenz, dass Tiefsinn und Trübsinn verwechselt werden, vielleicht aus dem verständlichen Wunsch heraus, sich von dieser Heile-Welt-Pilcherei absetzen zu wollen: „Wir machen hier einen Krimi mit einem ernsten Thema, da darf kein Mensch lachen.“ Wir haben in München immer versucht, das zu vermeiden.

Es geht in dem Zweiteiler um die italienische Mafia und organisierte Kriminalität in Deutschland. Hatten Sie vorher schon mit dem Thema zu tun?

Viele Leute haben sich damals, als der „Pate“ herauskam, für das Mafiathema interessiert. Aus dem gleichen Grund interessiere ich mich auch dafür: Es ist bunt, interessant, blutig, es geht um Macht, Geheimnis, Mord und Sex. Zu diesem allgemeinen Interesse kommt noch, dass ich als jemand, der in diesem Land lebt, nicht will, dass hier mafiöse Strukturen immer stärker werden. Ich halte das für äußerst gefährlich. Am Beispiel Italien kann man sehen, wie schwierig es ist, das loszuwerden, wenn es sich einmal eingenistet hat. Wenn wir mit unserem Film einen Beitrag dazu leisten, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass so etwas existiert und vielleicht auch die Pizzeria um die Ecke von Schutzgelderpressungen betroffen sein könnte, ist es kein Schaden.

In dem Jubiläumstatort stehen die Kommissare allerdings überraschend wenig im Fokus des Films.

Das ist eine grundsätzliche Entscheidung, dass wir als Kommissare nicht so im Vordergrund stehen wie das in anderen Folgen der Fall ist. Das kann man gut oder schlecht finden. Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Culture-Clash von Münchnern und Dortmundern etwas mehr bedient wird.

Sie sind schon seit 1991 „Tatort“-Kommissar. Wie lange wollen Sie noch machen?

Diese Frage hat man uns nach fünf Jahren schon gestellt, und schon damals wusste ich keine Antwort darauf. Irgendwann wird es natürlich albern, wenn wir mit Krückstock oder Rollator dem Verbrecher hinterherrennen müssen. Da muss man vorher die Reißleine ziehen. Aber so lange es gute Bücher gibt und ich mit Miro gut auskomme, habe ich keinen Grund, das Ende aktiv anzustreben.

Wenn Miroslav Nemec aufhören würde, würden Sie auch aussteigen?

Wahrscheinlich ja. Aber er liebt es so – diese Frage ist also sehr hypothetisch. Aber Miro könnte mal für einen Fall krank sein, das wäre mal ganz angenehm (lacht). Im Ernst: Wir wissen beide, dass wir als Team gut funktionieren und was wir aneinander haben.

Der „Tatort“ wird jetzt 50 Jahre alt. Was wünschen Sie der Krimireihe für die nächsten 50 Jahre?

Ich glaube, es muss ein Bewusstsein dafür herrschen, was der „Tatort“ bedeutet – gesellschaftlich, als Journal der Republik, aber auch für die Sendeanstalten. Jeder andere Anbieter wäre froh, wenn er so ein Format wie den „Tatort“ hätte, und ich finde, man muss alle Ressourcen – das ist nicht nur Geld, sondern zum Beispiel auch die besten Autoren und Regisseure, Filmhandwerker – einspannen, dieses Rennpferd am Laufen zu halten. Das ist eine einmalige Chance: Der „Tatort“ weckt am Sonntagabend sowieso erst mal das Interesse von zwischen 8 und 13 Millionen Leuten – dadurch kann man auch mal was ausprobieren und experimentieren. Der „Tatort“ hat die Zuschauer, aber man muss, damit das so bleibt, alle Ressourcen noch besser bündeln. Und ja, dazu gehört auch Geld. Wir stehen immer mehr im internationalen Vergleich mit den Serien auf Netflix oder anderen Streamingdiensten. Die gemütlichen Zeiten, in denen es nur ARD, ZDF und die Dritten gab, sind vorbei. Und das ist auch gut so.

Welches ist denn Ihr Lieblingsteam – abgesehen von München?

Klaus Schwarzkopf fand ich toll. Den gibt es leider nicht mehr. Er hat damals den legendären „Tatort: Reifezeugnis“ mit Nastassja Kinski gemacht. Ich mochte sehr an ihm, dass er ganz persönlich war, ohne privat zu sein. Vielen Kommissaren hängt heute viel Privatklimbim um den Hals, den es für den Fall eigentlich nicht braucht. Klaus Schwarzkopf hat es geschafft, dass man seiner Figur sehr nahe gekommen ist, ohne private Details serviert zu bekommen, wie dass er heimlich einen Fetischclub besucht oder eine Schmetterlingssammlung hat.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version hatten wir fälschlicherweise von der „fast 20-jährigen Karriere als TV-Ermittler“ geschrieben. Das haben wir nun korrigiert.

Von Hannah Scheiwe/RND