Beliebtester „Tatort“: Götz George in seiner Rolle als Schimanski. Quelle: Martin Athenstädt/dpa

Schimanski und Co.: Die bemerkenswerte Liebe zum „Tatort“

Drei Männer sitzen in einer Eckkneipe und spielen Skat. Alle haben Zigaretten in der Hand, auch Kommissar Haferkamp zündet sich eine an. Dann, draußen vor der Kneipe, spricht der Trenchcoatträger mit einem der drei Männer allein über eine Frau. Die Rede ist von „der Alten“ und „dass die es mal richtig haben will“ und von den „scheiß reichen Weibern“.

Heute wären solche Formulierungen undenkbar. Und Rauchen in der Eckkneipe erst recht. Doch im Ruhrpott des Jahres 1975, wo Haferkamp einst als Vorgänger des legendären Horst Schimanski ermittelte, sprachen Männer damals so. Am Ende der Szene steigen Ermittler und Zeuge in einen monacoblauen, sehr eckigen, viertürigen Audi 80 L und fahren davon.

Die Zuschauer der Folge „Die Abrechnung“, die fünf Jahre nach dem Start der „Tatort“-Reihe in der ARD lief, werden ihre Lebenswirklichkeit damals erkannt haben. Bis heute spielen die Folgen zumeist in der Realität ihrer Zuschauer. Seit 50 Jahren, seit der ersten Folge „Taxi nach Leipzig“ am 29. November 1970, ist Realismus das oberste Prinzip der Serie. Der „Tatort“ ist eine Abbildung der deutschen Gegenwart. Er war von Anfang an als der „neue deutsche Gegenwartsroman“ angelegt.

Dieser unmittelbare Realitätsbezug, diese Brücke zwischen Handlung, Darsteller und Zuschauer, macht einen Teil der Faszination dieses Seriendauerbrenners aus. Was man da im „Tatort“ sah, könnte auch im eigenen Leben passiert sein, „bei uns“ in der Nachbarschaft. Als Täter käme jeder infrage – der Hausmeister, der Lehrer, der Anwalt, eigentlich jeder Mensch von nebenan.

Der „Tatort“ ist viel mehr als nur ein Museum der Moden

Doch das ist reine Fiktion, denn in den meisten deutschen Nachbarschaften ist es in Wirklichkeit eher ungefährlich. Die Zahl der Mordopfer in den unzähligen Krimiserien im deutschen Fernsehen übersteigt die Opferraten der deutschen Kriminalitätsstatistik um ein Vielfaches. Wer so sicher lebt, holt sich den Angstkick dann eben stellvertretend über den Bildschirm.

Die jeweilige deutsche Gegenwart zeigt sich in den mehr als 1000 „Tatort“-Folgen dann auch vielmehr in Kleidung, Autos, Wohnungseinrichtungen, in Einstellungen, Mentalitäten, Meinungen. Die Zuschauer von heute, die sich eine dieser alten Folgen anschauen, können im jeweiligen „Tatort“ ein bilderreiches Archiv zunächst bundesrepublikanischer, ab 1990 dann gesamtdeutscher Gegenwartsgeschichte entdecken. Eine Fernsehserie wird zum kulturellen Speicherort.

Der „Tatort“ stellt immer wieder die Frage: Wo stehen wir als Gesellschaft?

Doch der „Tatort“ ist viel mehr als nur ein Museum der Moden, als ein filmischer Katalog von Automodellen und Frisuren. Oft genug hat die älteste deutsche Fernsehserie gesellschaftliche Konflikte, Vorurteile, Tabus und schwierige Themen in die deutschen Wohnzimmer transportiert. Es finden sich unter anderem Folgen über Organhandel, Umweltverschmutzung und Skandale im Wohnungsbau. Immer wieder diskutierte die deutsche Gesellschaft am Montagmorgen deshalb nicht nur über den Täter des Vorabends, sondern auch über sich selbst: Wie stehen wir zum leidenschaftlichen Kuss zwischen zwei Frauen in „Fette Krieger“ (2001)? Ist bei einem mukoviszidosekranken Kind Sterbehilfe, die sein Leiden verringert und den sicheren und qualvollen Tod erleichtert, etwas Akzeptables für uns als Gesellschaft („Der glückliche Tod“, 2008)? Wo stehen wir, wofür stehen wir, welche Gräben ziehen sich durchs Land? Der „Tatort“ bilde die Gesellschaft ab, aber er bilde sie auch, heißt es in dem „Tatort“-Buch „Zwischen Serie und Werk“ (Transcript-Verlag) treffend. Und bei besonders schwierigen Themen bietet sich direkt im Anschluss an die Krimifolge oftmals noch eine Folgedebatte in der Sonntagabendtalkshow an.

Ein wichtiger Eckpfeiler dabei ist das gemeinschaftliche Zuschauen. Der „Tatort“ am Sonntag um 20.15 Uhr ist trotz rund 250.000 Mediatheknutzern pro Folge immer noch eines der letzten Lagerfeuer, um das sich die deutsche Fernsehnation versammelt. Es sind zwar nicht mehr 26,5 Millionen Zuschauer wie 1978 bei der Folge „Rot – rot – tot“ und auch nicht 23,5 Millionen wie bei der erfolgreichsten Schimanski-Folge „Der Tausch“ (1986). Aber Thiel und Boerne locken bei ihren Ermittlungen in Münster immer noch knapp 15 Millionen lineare Zuschauer vor den Bildschirm.

Dieses gemeinsame Schauen bietet „Gesprächsanlässe, auf die der Zuschauer sein eigenes Verhalten ausrichten kann“, so die Autoren von „Zwischen Serie und Werk“. Auch politische Sachverhalte und Themen wie Afghanistan-Heimkehrer („Heimatfront“, 2011) oder Arbeitsbedingungen in Discountern („Nullkasse“, 2008) werden in einzelne Folgen aufgenommen. Nicht zuletzt vermittelten die Kommissare Ehrlicher und Kain ein detailliertes Bild von den Nachwendeverhältnissen in Ostdeutschland.

Mit einigem Erfolg. Denn Gesellschaftspolitisches wird in Krimis wie dem „Tatort“ – ähnlich wie einst in der „Lindenstraße“ – unterhaltsamer und emotionalisierender dargestellt als in politischen Magazinen oder der „Tagesschau“. Dort finden wir solche Themen zwar auch, vergessen sie aber schneller wieder. Fakten, die in Kombination mit Gefühlen vermittelt werden, bleiben sehr viel länger im Gedächtnis.

US-Serien haben starken Einfluss auf den „Tatort“

Der „Tatort“ ist aber nicht nur realistische Abbildung unseres Alltags, unserer kleinen wie großen Welt, sondern dient auch als Projektionsfläche für Wünsche und Vorstellungen. Die Zahl weiblicher Ermittler in den deutschen Krimiserien ist weitaus höher als in der Realität. Die Filme zeigen an dieser Stelle, wie die Realität aussehen könnte. Im besten Fall wirken sie gleichsam auf die Wirklichkeit der Zuschauer zurück.

Großen Einfluss auf deutsche Krimis hatten und haben internationale Formate. Die düsteren skandinavischen Krimis seit Henning Mankells Riesenerfolg mit Kommissar Wallander haben ihren Schatten etwa auf den Kieler „Tatort“-Kommissar Borowski (Axel Milberg) geworfen. Auch US-Serien dienen als Vorbilder für deutsche Krimis. So finden sich komplizierte und schnellere Erzählweisen spätestens seit der Jahrtausendwende mit Serien wie „CSI“ und „24“ auch in immer rasanter geschnittenen und erzählten TV-Krimis.

Auch Serien wie „True Detective“ oder paranormale Reihen wie „Haunted“ beeinflussen Drehbuchschreiber und Regisseure hierzulande, was zuletzt in der „Tatort“-Folge „Parasomnia“ zu sehen war.

Der „Tatort“ mag heute montagmorgens manchmal kein riesiges Gesprächsthema mehr sein, doch der Deutschen liebste Krimiserie steht auch nach 50 Jahren nicht zur Debatte. Er wird sich weiter verändern, sich weiter den sich wandelnden Sehgewohnheiten durch Streamingdienste wie Netflix anpassen. „Es wird eine Herausforderung sein, das letzte Lagerfeuer in diese Welt mitzunehmen“, sagt etwa der ARD-Koordinator Fiktion, Jörg Schönborn. Er verspricht den Zuschauern aber, dass „wir den ‚Tatort‘-Kosmos dabei nicht verlassen werden und dass am Sonntag, 20.15 Uhr, alles bleibt, wie es ist: immer wieder anders“.

Von Kristian Teetz/RND