Gewährsmann aus alten „Switch“-Tagen: Michael Kessler ist auch bei „Binge Reloaded“ mit von der Comedy-Partie.

„Binge Reloaded“: Fernsehen muss wieder durch den Kakao

Carsten Maschmeyer – nein, nicht der echte – gesteht in der ersten Folge der neuen Reihe „Bnge Reloaded“ mit erstarrter Miene, dass er sich kaputtlachen könnte. Er lacht dann auch ein paarmal starr wie Frankensteins Gesellenstück. Von da an lacht – wie in Sitcom-Klassikern üblich – ein Off-Publikum vom Band, um den Fernsehzuschauern der neuen Comedyreihe klarzumachen, wann etwas als komisch empfunden werden muss. Das Komische: Als Fernsehzuschauer lacht man so gut wie nie zusammen mit den Stimmen der unsichtbaren Animateure.

„Binge Reloaded“ muss auf „Switch“-Fernsehen zurückgreifen

„Binge Reloaded“ ist die Streamingzeitalterausgabe der alten Pro-Sieben-Hits „Switch“ und „Switch Reloaded“, in denen achtmal eine knappe halbe Stunde lang Fernsehsendungen durch den Kakao gezogen werden. Als Links zu den Vorgängern fungieren die Parodisten Martin Klempnow und Michael Kessler, die schon damals an Bord waren, als noch niemand das Wort „bingen“ (dt. „komaglotzen“) kannte. Unterstützt werden die beiden von den Neuzugängen Joyce Ilg, Tahnee Schaffarczyk, Paul Sedlmeir, Jan van Weyde, Antonia von Romatowski und Christian Schiffer.

Problem: In den Streamingplattformen schaut heutzutage jeder jeden Tag was anderes, TV hat als Gemeinschaft befeuerndes Gesprächsthema der Republik längst ausgedient. Also muss sich Amazon Prime Video auf öffentlich-rechtliche und private Restlagerfeuersendungen stürzen. „Das Traumschiff“ watchen halt immer noch mehr Zuschauer als den „Witcher“.

Wenn Kessler mit hinreichend Ähnlichkeit zu Käpt’n Silbereisen sein Kreuzfahrtschiff in einen Schlagerstadl verwandeln will, können damit mehr Leute etwas anfangen, als wenn ein schmuddeliger Wikingerfürst seinem Schiffbaumeister erklärt, dass im Normannenboot „Knut Nörgelsen eine Außenkabine mit Balkon haben will“. Denn nur Historienserienfans mit Video-on-Demand-Abo kennen Ragnar Lodbrok und seinen halbirren Langbootkonstrukteur Floki aus der Serie „Vikings“. Eine der wenigen richtig guten Parodien in „Binge Reloaded“ bezieht sich auf die Grußfloskeln im Gottesstaat Gilead der Serie „The Handmaid’s Tale“.

Aber auch diesbezüglich klingelt’s bei vergleichsweise wenigen. Anders bei „The Masked Singer“: In der Parodie der Gesangsshow stellt sich ein lebensgroßer Silberball mit Beinen und orangefarbenen Pfropfen als „Corona – und sehr kontaktfreudig“ vor. Und der Rea-Garvey-Verschnitt im Rateteam hat „den Namen schon mal gehört“, tippt erst darauf, dass Conchita Wurst im Kugelkostüm steckt und dann auf sich selbst. Das soll komisch sein. Das Publikum vom Band gnickert entsprechend. Man sitzt vorm Bildschirm und denkt: Nicht euer Ernst!

Der letzte Botox-Witz über Maschmeyer

Und das denkt man auch, wenn die Macher „Kitchen Impossible“ mit „Breaking Bad“ verbandeln. Wenn in „4 Blöckle“ zwei Clanmitglieder der Hamadis auf Schwäbisch Erpressungsgelder von einer resolut berlinernden Kneipenbesitzerin einfordern wollen. Oder eine Helene-Fischer-Karikatur (Schaffarczyk) im „Traumschiff“ luftstrampelnd von zwei Tänzern hereingetragen wird und behauptet, sie sei „auf dem Boden geblieben“. Die „Vroni“ habe dem Carsten gesagt; „Schatzi, probier das doch auch mal mit dem Botox!“, erzählt der Oberlöwe aus der „Höhle der Löwen“. Damit sind die „Binge Reloaded“-Leute die Letzten in der Republik, die einen Maschmeyer-Botox-Witz gerissen haben. Dafür gibt‘s den Goldenen Blitzmerker 2020.

Es geht hier immer wieder um den Jahrmarkt der TV-Eitelkeiten. Um die, die nicht bemerken, wie unerträglich eingebildet, aufgekratzt und peinlich sie sind, wenn sie sich für die Größten halten. Luke Mockridge muss in Kopie als neuer „Aktenzeichen XY“-Moderator durch den Kakao. Und Jenke von Wilmsdorff wagt das unfassliche Experiment, sein geliebtes Konterfei 14 Tage nicht im Spiegel bewundern zu können. „Fick dich selbst ist für mich kein Schimpfwort“, sagt die Wilmsdorff-Version in „Binge Reloaded“.

Die Originale sind meist schon komisch genug

Dass dem echten Jenke diese Verhohnepipelung seines Machonarzissmus sauer aufstoßen könnte, heißt noch lange nicht, dass der zunehmend abgeneigte Betrachter einen Satz wie „Elefanten sind neidisch auf meinen Penis“ unterhaltsam findet. Die Originale sind oftmals (freilich unfreiwillig) viel, viel (viel!!!) lustiger.

Und eine Satire zu parodieren funktioniert so gar nicht: Wenn schon zum zweiten Mal die eigentlich vergnügliche „heute-show“ herangezogen wird und hinterm in Schnarchlauten lachenden Pseudo-Oliver-Welke erneut die Verballhornung des Namens von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn totgeritten wird, beschleicht den Amazon-Gast ein paradoxer Impuls: Mitten in „Binge Reloaded“ will er plötzlich switchen …

„Binge Reloaded“, bei Amazon Prime Video, acht Episoden, mit Michael Kessler, Martin Klempnow, Joyce Ilg, (streambar ab 4. Dezember)

Von Matthias Halbig/RND