Samstag , 24. September 2022
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Schauspieler Jörg Hartmann spielt den Dortmunder „Tatort“-Kommissar Peter Faber. Quelle: Henning Kaiser/dpa

Jörg Hartmann: „Unser ‚Tatort‘ ist kein Imagefilm der Tourismusbehörde Dortmund“

Seit 2012 ermittelt Jörg Hartmann als Kriminalhauptkommissar Peter Faber im Dortmunder „Tatort“. Seitdem sorgen seine unkonventionellen Methoden immer wieder für Gesprächsstoff. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Hartmann über Polizeigewalt, Dramatik und Götz George.

Herr Hartmann, in der „Tatort“-Jubiläumsfolge bedroht Ihr Kommissar Faber Verdächtige und hält Indizien zurück. Wird er jetzt aus dem Verkehr gezogen?

(lacht) Naja, wir haben schon noch einiges vor mit ihm und haben die nächsten beiden Folgen bereits abgedreht. Da haben wir unsere horizontale Erzählebene, die wir bedienen wollen und müssen. Nach diesem Zweiteiler ist es aber so, dass man sich erst mal ein bisschen „erholen“ kann. Da werden plötzlich andere Farben bei Herrn Faber zu sehen sein. Danach wird dann wieder ordentlich in der Dramatik angezogen.

Aktuell sorgen Themen wie Polizeigewalt und -missbrauch wieder für Schlagzeilen. Wie sehen Sie im Bezug auf diese Themen die Ausrichtung Ihrer Rolle?

Herr Faber ist wirklich ein Grenzgänger. So ist er von Anfang an angelegt. Wie sich damals schon die Gewerkschaft der Polizei geäußert hatte: „So einer dürfte gar nicht im Dienst sein!“ Das mag ja sein, aber das ist natürlich auch der Unterhaltung geschuldet. Der ist nicht unbedingt immer mit einem Fuß im Gefängnis, aber er ist definitiv immer mit einem Fuß suspendiert. Das kann auch durchaus passieren, dass das demnächst noch mal ein größeres Thema sein wird. Faber wird sich nie ganz einhegen lassen und konform sein.

Wenn Sie in Dortmund drehen: Kommen die Leute und möchten ein Selfie mit Ihnen oder schimpfen sie auch schon mal?

Die meisten Leute, die kommen, wollen ein Selfie haben und sind eigentlich ganz happy. Ich glaube, die meisten Dortmunder können trennen, dass unser „Tatort“ kein Imagefilm der Tourismusbehörde Dortmund ist, den wir da machen. Das ist natürlich rein vom Stoff, vom Milieu her ein bisschen schwierig. Auf der anderen Seite bin ich ja auch Lokalpatriot als Herdecker und verstehe natürlich, dass man auch gerne mal die anderen, schönen Seiten von Dortmund sehen würde, denn die hat Dortmund definitiv. Was da alles gestemmt wurde und gestemmt wird. Da passiert ja wahnsinnig viel. Aber das ist halt so eine endlose Diskussion. Wir haben uns nun mal für dieses Genre entschieden und auch für diesen dunklen Ton, den wir in Dortmund haben.

Wie fanden die Dreharbeiten zu den beiden neuen Fällen denn statt?

Wir konnten coronabedingt nicht nach Dortmund kommen, weil wir das ganze Team in keine Hotels stecken konnten. Es war alles hochkompliziert, überhaupt im Sommer wieder unter hohen, strengen Auflagen zu drehen. Die Gefahr, dass man sich in den Hotels ansteckte, war noch mal größer, als wenn alle brav zu Hause bleiben. An diesem sensiblen Punkt waren wir gezwungen, in Köln und Umgebung zu bleiben. Wo das Team von zu Hause aus agieren konnte und keiner in ein Hotel musste. Das ist natürlich schade. In den nächsten beiden Teilen wird man nicht viel Dortmund sehen. Aber das sind höhere Mächte, gegen die wir leider auch nichts ausrichten konnten.

Aber mussten Sie coronabedingt mal mit dem Dreh pausieren?

Das war schon beim zweiten Teil der Doppelfolge in München der Fall. Den hatten wir im März angefangen und nach zehn Tagen mussten wir abbrechen. Da fiel dann der Hammer. Wir haben natürlich lange extrem gezittert. Schaffen wir das überhaupt noch rechtzeitig? Spätestens Mitte Juni mussten wir mit den Dreharbeiten für den Zweiteiler weitermachen. Anschließend musste das Material erst noch in die Postproduktion. Das dauert alles seine Zeit, damit man den Sendetermin überhaupt noch gewährleisten konnte. Das ging gerade so eben. Am 15. Juni ging es los. Da musste ich dann nach München. Das Drehende war wie eine Punktlandung. Eine Woche später und es wäre schon schwierig geworden.

Mal eine inhaltliche Frage: Warum ermittelt das Dortmund-Team eigentlich in einer Drogensache?

(lacht) Das ist eine sehr berechtigte Frage, die ich auch ganz früh gestellt habe. Um ehrlich zu sein, ist das ein Punkt, über den ich auch gestolpert bin und über den wir lange diskutiert haben. Wir haben versucht, das in die Figur von Faber zu legen, der sagt: „Freunde, jetzt haben wir endlich mal die Chance, präventiv den großen Coup zu landen. Das verhindert die Leichen von morgen.“ Diesen Kniff konnte ich für meine Figur dann nachvollziehen. Ich glaube, man muss ein Auge zudrücken, damit die Geschichte ins Rollen kommt. (lacht)

Insgesamt wirkt der Zweiteiler so ganz anders als die klassischen Dortmund-Fälle.

Für uns Dortmunder ist diese Doppelfolge in der Tat sehr außergewöhnlich. Bei uns gibt es normalerweise das Dogma, dass wir den Fall nur aus Sicht der Kommissare erzählen. Bei uns gibt es keine Szene ohne Kommissar – außer den Mord am Anfang. Aber um diese Mafiageschichte schildern zu können, muss man in diese italienische Familie hineingehen. Das kann man nicht aus Sicht der Kommissare machen.

Als Letztes würde ich von Ihnen gerne wissen, welcher Kommissar in 50 Jahren „Tatort“ ganz besonders bei Ihnen hängen geblieben ist.

Es klingt nach einem Klischee, aber bei mir ist es in der Tat Götz George als Schimanski gewesen. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Ruhrgebiet groß geworden bin. Da habe ich schon viele Erinnerungen dran. Als Kind war der „Tatort“ eine Mischung aus fasziniert sein und irritiert sein. Dieses Milieu und diese ganze Welt drumherum waren mir immer ein bisschen suspekt und doch hat es mich irgendwie auch sehr interessiert.

Von Thomas Kielhorn/RND