Freitag , 2. Dezember 2022
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Die Journalistin Miriam Arndts arbeitete zusammen mit ihrer Kollegin Lena Niethammer ein Jahr lang an dem Fall Rebecca. Quelle: privat

Podcast zum Fall der vermissten Rebecca: „Uns sind da immer wieder Dinge aufgefallen“

Der Fall Rebecca Reusch zählt zu den spektakulärsten Vermisstenfällen Deutschlands. Seit fast zwei Jahren fehlt von der Berliner Schülerin jede Spur. Die damals 15-Jährige hatte die Nacht auf den 18. Februar 2019 bei ihrer älteren Schwester in Berlin-Britz verbracht, wollte von dort in die Schule, wo sie aber nie ankam. Im Podcast „Im Dunkeln – der Fall Rebecca Reusch“ beleuchten die Journalistinnen Lena Niethammer und Miriam Arndts den ungeklärten Vermisstenfall in acht Folgen noch einmal neu. Miriam Arndts spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) über die Langzeitarbeit an dem Podcast.

Warum haben Sie sich gerade diesen Fall für Ihren ausführlichen Crime-Podcast ausgesucht?

Das Verschwinden Rebeccas hat uns als Journalistinnen in vielfacher Hinsicht interessiert. Die Ermittler haben sich sehr früh auf den Mann der Schwester als Tatverdächtigen festgelegt. Interessant ist dabei, dass die Familie von Anfang an 100-prozentig zu ihm gestanden hat und bis heute von seiner Unschuld überzeugt ist.

Ist das eine Kritik an der Ermittlungsarbeit?

Wir können und wollen die Arbeit der Ermittler nicht generell infrage stellen. Wir sehen es aber schon als unsere Aufgabe, Institutionen auf die Finger zu schauen. Das hier ist ein Fall, in dem die Ermittler seit zwei Jahren auf einen Mann zeigen und sagen: Das ist der einzige Tatverdächtige, es gibt keine Hinweise darauf, dass es anders gewesen sein kann. Ihm die Tat beweisen können sie aber nicht. Woher kommt dann diese Selbstsicherheit? Deshalb gehen wir in unserem Podcast unter anderem der Frage nach, ob ausreichend in alle Richtungen ermittelt wurde. Da sind uns immer wieder Dinge aufgefallen.

Was denn zum Beispiel?

Wie mit Aussagen umgegangen worden ist. Wir haben mit einer Zeugin geredet, die sich nicht ernst genommen fühlte. Die Polizistin am Telefon habe zu ihrem Hinweis gesagt, das könne ja gar nicht sein. Als wir bei der Polizei nachfragten, sagte man uns, die Aussagen hätten nicht zu den Ermittlungsergebnissen gepasst. Das mag ja sein. Aber dennoch sollte die Polizei erst einmal alle Hinweise aufnehmen und prüfen und nicht gleich von vornherein etwas ausschließen, was nicht zur eigenen Theorie passt.

Was macht den Fall noch so besonders?

Ich glaube der Fall ist unter anderem so bekannt und groß geworden, weil die Familie in den Medien sehr präsent war, in der Hoffnung, Rebecca zu finden. Und dann ist da die interessante Dimension des merkwürdigen Fahndungsfotos.

Sie meinen dieses stark bearbeitete Instagram-Bild von Rebecca.

Ja, genau. Dieses Bild hat eine besondere Anziehungskraft – es hat schon fast etwas Lolitahaftes. Es hat sicher mit dazu beigetragen, dass so viel über den Fall berichtet wurde. Es sieht Rebecca aber nicht besonders ähnlich und ist daher für ein Fahndungsfoto eher ungeeignet.

Sie haben bei Ihren Recherchen nicht mit den Eltern sprechen können. Ist ein solch ausführlicher Podcast ohne deren Aussagen überhaupt möglich?

Es ist sicher ein bisschen schwieriger, aber nicht unmöglich. Wir hätten gerne mit Rebeccas Eltern gesprochen, aber wir respektieren natürlich, dass sie das nicht möchten. Außerdem haben wir ja in alle anderen Richtungen recherchiert, mit Experten und Leuten aus dem Umfeld von Rebecca gesprochen.

Sie haben auch mit der Schwester des Tatverdächtigen gesprochen...

Ja und es war für uns sehr interessant, ihre Seite zu hören. Sie erzählt zum Beispiel, wie sich ihr Bruder vor der Familie rechtfertigt – auch in Bezug auf eine Aussage, bei der er nachweislich gelogen hat.

Laufen Sie nicht Gefahr, zu viel über den Fall zu spekulieren?

Nein, überhaupt nicht. Uns ging es darum, die Ermittlungsarbeit genau zu dokumentieren und das möglichst anschaulich und sachlich. Wir möchten, dass sich jeder Hörer selbst ein Bild macht.

Sie haben ein Jahr lang recherchiert. Geht Ihnen der Fall persönlich nahe?

Ja, absolut. Gerade durch die vielen Gespräche mit Rebeccas Freundinnen oder auch ihrer Cousine hatte ich das Gefühl, Rebecca fast ein bisschen kennenlernen zu dürfen.

Was hat Sie emotional besonders berührt?

Zum Beispiel eben diese Treffen mit ihren Freunden. Die damals 15- bis 17-Jährigen waren natürlich traurig, weil sie ihre Freundin vermissen. Gleichzeitig sind all die wilden Spekulationen für sie genauso verstörend wie die Tatsache, dass das Leben ihrer Freundin so ausgebreitet wird. Viele von den Jugendlichen sind auf Instagram aktiv, sie haben darüber auch nach Rebecca gesucht und mussten feststellen, wie unfassbar angreifbar sie sich damit gemacht haben.

Rebeccas Freunde haben sehr viele Hassnachrichten bekommen

Wie meinen Sie das?

Die Freunde haben sehr viele Hassnachrichten bekommen. Man muss sich mal vorstellen, dass erwachsene, wildfremde Menschen sie in den Netzwerken beschimpfen - nach dem Motto, „Du bist ja gar kein richtiger Freund oder richtige Freundin“ oder „Du hast etwas mit ihrem Verschwinden zu tun.“ Nach diesen Erfahrungen sind die Jugendlichen sehr viel vorsichtiger geworden. Deshalb war es für uns auch gar nicht so leicht, an sie heranzukommen. Das hat Monate gedauert.

Wie war bislang die Resonanz auf die ersten Folgen des Podcast?

Überwältigend. Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich bei uns melden, die der Podcast berührt oder, die etwas zu dem Fall zu sagen haben.

Wo kann man Ihren Podcast denn nun hören?

Man kann den ganzen Podcast in der Podcast-App Podimo hören. Damit man aber erst mal reinhören kann, haben wir die ersten drei Folgen auch sonst überall hochgeladen, also bei Apple, Spotify, Google und so weiter.

Haben Sie eine eigene Theorie, was mit Rebecca passiert sein könnte?

Ich habe Vermutungen, aber ganz sicher bin ich mir nicht.

 

Von Heike Manssen/RND