Gleichberechtigung fällt vielen Paaren schwer, sobald Kinder da sind. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/

Soziologin Allmendinger zur Gleichberechtigung: „Wir müssen den jungen Familien Hilfestellungen geben“

Wenn Kitas und Schulen schließen, müssen Kinder zu Hause betreut werden. Oft übernehmen diese Verantwortung Frauen, zusätzlich zum Job und Haushalt. Viele Paare fallen während des Corona-Lockdowns wieder in alte Rollenverteilungen zurück. Angetrieben von dieser und weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen während der Pandemie schrieb Professor Jutta Allmendinger (64) die Streitschrift „Es geht nur gemeinsam“.

Darin fordert die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) konkrete Maßnahmen zur besseren Geschlechtergerechtigkeit. Im Interview spricht sie über unfair verteilte Mental Load, was Eltern entlasten würde und was sich politisch ändern muss, um gleiche berufliche Chancen für Mütter zu gewährleisten.

Nach dem ersten Lockdown kritisierten Sie viel: Kita- und Schulschließungen führten zu Retraditionalisierungen alter Rollenmuster. Jetzt sind erneut Kitas und Schulen geschlossen. Haben Sie ähnliche Befürchtungen?

Ich habe gar keinen Grund, nicht die gleichen Befürchtungen zu haben, weil die Datenlage mittlerweile noch stabiler geworden ist. Wir sehen, dass die sogenannte Mental Load, also die psychische Belastung, von Frauen während des Lockdowns extrem steigt. Bei Männern ist sie dagegen mehr oder weniger unverändert. Außerdem sind Frauen nach dem Lockdown langsamer in den Arbeitsmarkt zurückgekommen. Und auch jetzt sind es wieder die Frauen, die viel stärker ihre Stunden reduzieren. Obgleich wir Zeit hatten, uns vorzubereiten, sehe ich nicht, dass wir Gegenmaßnahmen getroffen haben.

Welche Gegenmaßnahmen sollten das sein?

Zum Beispiel, dass Studierende dafür bezahlt werden, Kinder zu einem Spaziergang abzuholen. Sie könnten einen Schnelltest machen und dann Mütter mal für drei Stunden entlasten. Oder dass Räumlichkeiten in Hotels angemietet werden für Schulen, so wie das bei den Abgangsklassen der Hochschulen praktiziert wurde. Also meine Irritation ist in diesem zweiten Lockdown fast stärker geworden.

Sie fordern seit Jahrzehnten mehr Gleichberechtigung ein. Sprechen wir da wirklich noch von Irritation oder platzt Ihnen tatsächlich schon die Hutschnur?

Ich habe das eben nett ausgedrückt. Aber ich habe ein anderes Manuskript liegen lassen, um ein komplett ungeplantes und auch sehr persönliches Buch zu schreiben. Das hat sehr stark etwas mit dem Platzen der Hutschnur zu tun.

In Ihrem Buch machen Sie konkrete Vorschläge zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf – eben durch mehr Gleichberechtigung. Vieles davon wird schon sehr lange gefordert. Wie frustriert sind Sie gerade?

Tatsächlich weniger als im letzten Jahr. Das hat etwas damit zu tun, was wir im Oktober vergangenen Jahres bezüglich der Frauenquote bewegen konnten. Junge Frauen haben offensichtlich einen Einstellungswandel vollzogen. So konnten wir eine breite Koalition zusammenführen über alle Altersgruppen hinweg: Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kultur, Sport. Dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder dann die Quote forderte, dass der Gesetzentwurf nun ins Parlament geht – ein riesiger Erfolg. Daraus habe ich gelernt, dass wir als Frauen viel stärker sind, wenn wir die Dinge konkret beim Namen nennen und gemeinsam dafür eintreten.

So gesehen liegt also ein, in vielerlei Hinsicht, erstaunliches Jahr hinter uns: Da gab es alte Rollenmuster auf der einen Seite und eine neue Frauenquote auf der anderen Seite.

Ja, das hätte ich nicht gedacht. Wobei man aber auch sagen muss, dass diese Frauenquote ein kleines Bausteinchen ist. Etwas, was natürlich wichtig ist, um die Sichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Aber es hat natürlich für das Leben jeder einzelnen Frau im Hier und Jetzt bei Weitem weniger Wirksamkeit. Es ist etwas, dem andere Dinge rasch folgen müssen.

Was wäre der nächste Schritt?

Mein Blick richtet sich jetzt auf den nächsten Koalitionsentwurf. Da soll es ganz konkret um ein Familiensplitting gehen. Es kann einfach nicht sein, dass wir nur gegen das Ehegattensplitting sind. Dagegen sind wir schon lange. Es muss jetzt eine klare Botschaft her, für was man ist. Das Gleiche gilt auch für die Vätermonate während der Elternzeit. Andere Länder machen es uns schon lange vor, dass man mit vier Vätermonaten die Wahrscheinlichkeit erhört, die unbezahlte Arbeit zwischen Müttern und Vätern gerechter verteilen zu können.

Der Titel Ihres Buches lautet „Es geht nur gemeinsam“. Ist es jetzt wirklich gerade an der Zeit für Eltern, die Dinge zu Hause neu zu verhandeln? Vielen fehlt womöglich gerade die Kraft dafür.

Das Buch ist keine Anleitung zum richtigen Verhalten in Corona-Zeiten. Ich habe es aber geschrieben in der Kenntnis, wie Männer und Frauen, die in Partnerschaften leben, sich ihr gemeinsames Leben vorstellen. Denn da sind die Ergebnisse unserer Studien eindeutig: Männer und Frauen wollen das partnerschaftlich regeln! Werden sie aber Eltern, folgen auf Worte und Pläne keine Taten. Es sind dann die Mütter, die lange in Elternzeit gehen und in Teilzeit wieder in den Job einsteigen. Väter erhöhen meist sogar ihre Arbeitsstunden, und wenn sie die Arbeitszeit unterbrechen, dann oft nur zeitgleich mit der Mutter. Daher müssen wir den jungen Familien Hilfestellungen geben.

Was wären das für Hilfestellungen?

Wir müssen die Anreize beseitigen, die diese Lebensentwürfe verhindern. Da sind wir relativ schnell bei absurden Steuererleichterungen für bestimmte Familienmodelle und der kostenlosen Mitversicherung bei der geringfügigen Beschäftigung. Bei alldem also, was nicht zuträglich ist für eine partnerschaftliche Aufteilung.

Die Dinge, die Sie gerade bemängeln, wirkten sich schon vor Corona hinderlich aus. Inwiefern wirft uns dann der Lockdown noch zurück?

Was uns zurüc wirft, ist – und das habe ich so nicht erwartet –, dass Familien und Mütter nicht einmal auf der politischen Agenda stehen. Wir haben die Familien gar nicht im Blick! Das vollkommen auszublenden erschien mir absolut als Zeichen der Retraditionalisierung.

Wie erklären Sie sich das?

Im März vergangenen Jahres hat es daran gelegen, dass Corona-Kommissionen quasi frauenlos waren und einen relativ hohen Altersdurchschnitt hatten – und damit keine Fürsprecher für das Thema. So setzt sich dann diese traditionelle Sicht durch: Die Frauen werden es schon zu Hause richten. Was ja auch leider stimmt!

An die Wirtschaft richtet sich der Appell, so vielen wie möglich Homeoffice zu ermöglichen. Einige Eltern hoffen darauf, dass das Homeoffice auch nach Corona bleiben wird. Sie aber sehen das kritisch. Warum?

Das Homeoffice erleichtert die Vereinbarkeit, ja. Es wird aber auch als etwas bejubelt, das Frauen angeblich bei der Karriere hilft. Und das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Es wird die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur erhöhen oder zumindest den Wandel verlangsamen. Frauen sind ja gerade erst im öffentlichen Leben angekommen, werden so aber wieder der Sichtbarkeit beraubt. Aus dem Homeoffice heraus wird eine Frau sicher keine Führungsposition erreichen.

Aber nicht jede Frau will Karriere machen. Und gerade wenn die Last von Familie und Job groß ist, sind Mütter vielleicht auch ganz dankbar auf diesen „Mummy tracks“ zu sein. So nennen Sie die Pfade, auf denen es nicht mehr nach oben geht.

Vielleicht ja auch manche Männer! Noch einmal: Ich möchte mit meinem Buch keine Lebensmodelle vorschreiben. Das Gegenteil ist der Fall: Ich möchte Lebensoptionen aufzeigen. Und dazu gehört auch, mehr als nur auf diesen „Mummy tracks“ zu sein. Es gehört dazu, Beruf und Leben als Eltern zu teilen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie kurz nach der Geburt Ihres Sohnes wieder zurück an die Uni gegangen sind. War das nicht sehr anstrengend?

Nein, das war eine absolute Selbstverständlichkeit. Ich hatte eine extrem leichte Geburt und meine Mutter liebte München. Sie ist mitgefahren, wenn ich zur Uni bin. Es war für mich eine Freude, nach dem Mutterschutz wieder in das universitäre Leben zu kommen. Was mich belastet hat, waren diese Vorwürfe, dass ich mein Kind vernachlässige. Das hat schwer gesessen und damit hatte ich auch nicht gerechnet. Die sieben Jahre zuvor war ich in den USA und dort kamen Professorinnen oder Studentinnen ganz selbstverständlich mit ihren Säuglingen in die Uni.

Immer mehr Mütter, durchaus auch im Beruf erfolgreiche, hinterfragen das System der Erwerbsarbeit. Sie verstehen nicht, warum das Sortieren von Akten mehr wert sein soll als das Stillen eines Babys. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kann es dann nachvollziehen, wenn es Berufe sind, und das sind ja viele Frauenberufe, die niedrig bezahlt werden, die repetitiv sind, die keine Anerkennung bringen. Auf der anderen Seite sehe ich auch viele Frauen, denen mit 40, 50 die Decke auf den Kopf fällt und die schlichtweg das breitere, größere Leben vermissen, in das sie nicht mehr zurückfinden. Und das ist genau der Grund, warum ich nicht für eine Vollzeiterwerbstätigkeit plädiere, sondern für eine Vier-Tage-Woche, die sowohl Zeit für die Familie gibt als auch Zeit für das Entfalten in außerfamiliären Tätigkeiten.

Was hat die Gesellschaft denn von mehr Vätern in Elternzeit und mehr Frauen in Führungspositionen?

Eine solche Gesellschaft kann von sich sagen, wirklich Lebensoptionen für Männer und Frauen bereitzustellen. Und eine solche Auswahlmöglichkeit haben wir momentan einfach nicht. Es heißt immer, Frauen wollten in Teilzeit, Frauen wollten in diese und jene Jobs. Aber dieses Wollen kann ich doch nur dann tatsächlich unterstellen, wenn es eine wirkliche Wahl gibt. Solange es finanzielle Vorteile bringt, wenn die Frau zu Hause ist, so lange werden wir nicht die gleichen Optionen haben. Dabei hat die Gesellschaft so viel davon, wenn sich Frauen realisieren könnten. Weil sie dann glücklicher sind, selbstständig agieren könnten und eben nicht abhängig wären von der Unterstützung des Staats oder ihrer Männer. Weil sie glücklicher wären.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich diese Vision realisieren lässt? Und wie kriegt man die Männer mit ins Boot?

Ich weiß gar nicht, ob man die Männer zwingen müsste. Deshalb heißt mein Buch ja auch: Es geht nur gemeinsam. In den Befragungen sehen wir, dass Väter mehr Zeit für ihre Kinder haben wollen. Was fehlt, ist die Unterstützung vom Arbeitgeber. Da muss man auch helfen und sagen: „Leutchen, wenn ihr mal sechs Wochen nicht da seid, dann passiert euch gar nichts!“ Sie haben eingangs gesagt, dass vieles schon lange gefordert wird, und dann kann ich durchaus selbstkritisch sagen, dass meine formulierten Ziele nicht neu sind. Man kann es aber auch so sehen: Die meisten Themen sind durchdiskutiert, jetzt braucht es das Handeln! Ich sehe eine hohe Bereitschaft, das Ehegattensplitting zu kippen. Jetzt braucht es nur einen adäquaten und durchgerechneten Ersatz. Und ich habe auch mit Sicherheit keine massiven Gegenstimmen mehr in der Politik in Bezug auf die Vätermonate.

Ihre formulierten Ziele sind schon eher pragmatisch. Wären Sie ganz frei im Denken: Wie sähe die Welt aus, die Sie für Ihre fiktive Enkelin Marie, von der Sie im Buch schreiben, ersinnen würden?

Das wäre schon die Welt, in der Frauen die gleichen Möglichkeiten der Selbstentfaltung haben wie Männer: finanzielle Unabhängigkeit, Ausstiegsmöglichkeiten, Wahlfreiheit, Lebensoptionen eben.

Von Leonie Schulte/RND