Chefin im "Waisenhaus": Amalia True (Laura Donnelly) versammelt die Frauen mit besonderen Gaben in "St Romaulda's Orphanage" in London. Unheimliche Entführungen von "Berührten" bringen die Serie "The Nevers" in Gang. Quelle: Sky Deutschland/Sky Deutschland/

Mit Schirm, Charme und Frauenpower – die Serie „The Nevers“ bei Sky

Penance Adair und Amalia True, das sind Namen, zu denen man sich abgespreizte kleine Finger an kostbaren Teetassen vorstellt, ältliche Frauen mit violettgrauem Haar, die zur Teatime über Frivolitäten und Skandälchen ihrer Jugend kichern. Aber Adair und True sind in der Blüte ihrer Jahre, rauschen voller Energie durch den Innenhof von St. Romauldas Waisenhaus. Sie werfen einander Regenschirme zu und Komplimente: „Sie sehen gut aus, Mrs. True.“ „Sie erst recht, Miss Adair.“ Und dann stürzen sie sich per Kutsche in ein schrullig-spannendes Brit-Abenteuer wie einst Emma Peel und John Steed in der Sixties-Serie „The Avengers“ (nix Marvel!), die in Deutschland als „Mit Schirm, Charme und Melone“ lief. Nur eben zur vorletzten Jahrhundertwende, als Namen wie Penance und Amalia noch einen vertrauten Klang hatten.

Gothic-Wildwest im alten London. Drei Kuttenmänner mit gruseligen Sackgesichtern wollen ein Mädchen entführen, das eine „language situation“ hat. Jene Myrtle sprach plötzlich einen chinesisch dominierten Sprachkauderwelsch, was ihre abergläubische Mutter dazu brachte, die Tochter mit Satan im Bunde zu wähnen.

Der Mann auf dem Kutschbock ist ein Automat

Der erste Angriff der Kidnapper im Elternhaus ist fehlgeschlagen, doch drei Reiter verfolgen die Kutsche von Myrtles Retterinnen True und Adair durch die City, nehmen die Damen im Galopp unter Beschuss. Als alles schon verloren scheint, wird aus dem Heck der Kutsche unerwartet ein Rennauto geschleudert und die drei Frauen rasen in die Gegenrichtung davon. Zwar wird der Kutscher von Kugeln getroffen, aber er ist „nur“ ein Messing-Automat. Sapristi! Was es so alles gab in der britischen Hauptstadt, damals anno 1899.

Gab es natürlich nicht. Autopiloten, respektive –kutscher waren gänzlich unbekannt im Zeitalter von Dampf und Elektrizität. Zwar wurden schon fünf Jahre früher Autorennen gefahren, aber die Rennwagen jener Tage waren „kastig-robust“ statt stromlinienförmig wie Adairs schmucker „Prototyp“ eines Straßenjets. Wir sind in einer Steampunkgeschichte, in einem Parallel-London à la „His Dark Materials“ oder in einer alternativen Zeitlinie à la „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ - in einem fantastischen Märchen, dass sich Joss Whedon für Warners Streamingdienst HBOMaxx (in Deutschland bei Sky) ausgedacht hat. „The Nevers“ heißt es und erzählt von Leuten mit besonderen „Gaben“.

Ein Kreuz erscheint am Himmel über London

1896 hatte es (so die Geschichte) über London eine seltsame Erscheinung gegeben. Von deren herabrieselnden Funken (genmanipulierende Mikroben?) wurden Menschen – fast ausschließlich Frauen – mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, was die „Berührten“ (im Original „the touched“) in den Augen vieler Zeitgenossen, vor allem der männlich dominierten Oberschicht, suspekt werden ließ.

Von einer „Macht, die Gott verspottet“, spricht der einflussreiche Lord Massen (Pip Torrens), obwohl das Himmelsleuchten doch – frontal gesehen – die Form eines Kreuzes hatte. „Nevers“ werden die Betroffenen in der Serie dieses Titels zwar nie genannt, aber ganz unzweifelhaft sind sie nach weit verbreiteter Ansicht Wesen, die es „niemals“ hätte geben dürfen.

Joss Whedon ist ein Spezialist für das Fantastische

Joss Whedon, Schöpfer, Autor und Produzent von „The Nevers“ sowie Regisseur von drei der sechs Episoden, ist ein Spezialist für das Fantastische. Er hat am Drehbuch zu Pixars „Toy Story“ (1995) mitgearbeitet, gilt als Vater der Serien „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997–2003) und „Firefly“ (2002), hat das Horrorstück „The Cabin in the Woods“ (2012) geschrieben und produziert und die Superheldenfilme „Avengers“ (2012) und „Avengers: Age of Ultron“ (2015) gedreht.

2004 ersann er die Comicbuchlinie „Astonishing X-Men“ über jene Mutanten aus dem Hause Marvel, die es – seit Stan Lee und Jack Kirby sie 1963 in die Heftchenregale brachten – nicht eben leicht mit der unmutierten Menschheitsmehrheit hatten, von der sie gehasst, verachtet und verfolgt wurden. Sie fanden Asyl und Gemeinschaft in Professor Xaviers „School for Gifted Youngsters“. Genau: Whedon hat diese Basisgeschichte feminisiert und nach England verlegt, in eine Zeit, in der die Suffragetten mit ihrem Kampf ums Frauenwahlrecht den bleichen weißen Herren in den Sesseln ihrer verräucherten Clubs auch ohne übernatürliche Spezialtalente angst und bange machten.

Eine Aristokratin hält ihre schützende Hand über die „Berührten“

Und jetzt auch noch das: Die nahkampfversierte Mrs True (Laura Donnelly), die das Waisenhaus leitet, kann in die Zukunft sehen, ihre beste Freundin Miss Adair (Ann Skelly) ist ein wissenschaftliches Genie (quasi die Q der „Touched“). Die ältliche Lucy (Elizabeth Berrington) zerstört (auf durchaus tragische Weise), was immer sie anfasst, in Gegenwart der properen Desirée (Ella Smith) sagt jeder Befragte zwanghaft die Wahrheit und der schwarze Horatio (Zackary Momoh) – einer der wenigen männlichen „Berührten“ – kann Schwerstverletzte binnen Minuten heilen. Und. Und. Und.

Schutz vor Verfolgung bietet den Übermenschen die von Olivia Williams gespielte aufgeklärte Aristokratin Lavinia Bidlow (sie sitzt wie X-Men-Professor Xavier im Rollstuhl), die das Waisenhaus unterhält und deren gesellschaftliche Fürsprache bitter nötig ist, weil eine mörderische Gang die Stadt in Schrecken und Berührtenphobie versetzt. Deren wahnsinnige Bossin Maladie (Amy Manson) hat Joker-Qualitäten. True und Adair wollen dem mürrischen Kommissar Mundi (Ben Chaplin) nach einem spektakulären Anschlag helfen, Maladie zu schnappen,um weiteren Imageschaden von der eigenen Spezies abzuwenden.

Rätsel und Geheimnisse halten die Serie am Laufen

Wer oder was steckt hinter den verliehenen Kräften? Wohin ist das Ding verschwunden, das sie verursacht hat? Wer entführt die „Berührten“ und was tut er mit ihnen? Und wer versucht, deren Inklusion um jeden Preis zu verhindern? Mit Schirmen, Charme und harten Fäusten kämpfen Amalia und Penance nicht nur gegen die konservativen Kräfte, die den Sprung einer alten Gesellschaft in die Moderne verhindern wollen. Sie müssen auch Verräter in den eigenen Reihen suchen.

In dieser Serie hegt jeder Mann und jede Frau Geheimnisse, und Whedon bringt Episode um Episode mehr Licht ins Dunkel, was den Zuschauer ebenso bei der Stange hält wie einige außerordentliche dramatische Zuspitzungen. Ein Science-Fiction-Action-Rätsel mit einigem Witz, das überaus unterhaltsam geraten ist und das durchaus Seitenhiebe auf die Gegenwart und ihr abgeschwächt fortbestehendes Geschlechterungleichgewicht zu landen vermag. Vom heute wieder deutlich zunehmenden Rassismus der vermeintlich „Normalen“ gegen jedwede „anderen“ ganz zu schweigen.

„Nevers“-Cast hilft Joss Whedon aus der Patsche

Aufatmen dürfte Joss Whedon, was seinen Cast bei „The Nevers“ betrifft. Seit Juli des Vorjahres waren seitens verschiedener Schauspieler Vorwürfe erhoben worden, der sich wiederholt öffentlich zu einer feministischen Gesinnung bekennende Whedon habe – von der Zeit von „Buffy“ (1997) an bis zu seinem Nachdreh für Zack Snyders Superheldenfilm „Justice League“ (2017) – am Set seine Macht missbraucht, Mitarbeiter gedemütigt. Die Aussagen brachten HBO im November dazu, sich von Whedon zu trennen und ihn durch Philippa Goslett zu ersetzen. Whedon versuchte, sein Gesicht zu wahren, indem er „pandemiebezogene Erschöpfung“ als Grund für sein Ausscheiden angab. Im Februar 2021 sprachen dann auch noch „Buffy“-Darsteller von „gelegentlicher Grausamkeit“ und einer „toxischen Umgebung“ beim Dreh.

Als einen „liebenswürdigen“ und „fürsorglichen Boss“ bezeichnete Ann Skelly Whedon dagegen im März bei „Entertainment Weekly“ und sprach von „positiver Energie“ bei den Arbeiten zur Serie. Laura Donnelly befand den „Nevers“-Dreh gar als „meine beste ‚Screenerfahrung‘ – sei es für Film oder Fernsehen“ und nannte Whedon – aus ihrer Sicht – eine „große Unterstützung“ und einen „Beschützer der künstlerischen Integrität“. Der Mann für Superhelden, der zum Superschurken zu werden drohte, dürfte sich zu Ostern wohler gefühlt haben als zu Weihnachten.

Frauen sind jedenfalls die besseren Helden in Whedons „Nevers“-Welt – ihnen fehlt alles Wichtigtuerische, Besserwisserische, Machohafte, Inkompetente der Herren dieser Serie – die vom Bettlerkönig bis zum Aristokraten selten über den Tellerrand ihrer Egos hinausblicken. Selbst auf der dunklen Seite der Macht ziehen Ladys in „The Nevers“ die Fäden. Ein Trend - nicht erst seit gestern: Auch in anderen Serien jüngeren Datums fokussieren sie sich auf die Sache und auch der Sexappeal, über den zu Emma Peels Zeiten Weiblichkeit in Serien verkauft wurde – sehen wir mal von „Wonder Womans“ Trikot ab, steht nicht mehr im Vordergrund. Von Krimis („No Offence“, „Happy Valley“) über Dramen („Little Fires Everywhere“, „Big Little Lies“) bis hin zu Fantasy („His Dark Materials“, „Die Bande aus der Baker Street“) ist Frauenpower angesagt. Und selbst die führenden Sci-Fi-Franchises „Star Trek“ und „Star Wars“ hatten zuletzt jeweils eine Protagonistin, Ein John Steed, der seiner Gefährtin im Verbrechenskampf ein „Wir werden gebraucht“ zuwirft, ist nicht mehr vonnöten. Miss Adair und Mrs. True haben Schirm und Charme – eine Melone ist Kennzeichen einer überaus faszinierenden Superschurkin von „The Nevers“.

Das Rad der Geschichte wird hier für die „bessere Welt“ gedreht, die True und Adair erstreben, für die – vorbildliche – Zurückstellung des Einzelnen zum Wohle aller. Und das kann man in Corona-Zeiten gar nicht oft genug gesagt bekommen.

„The Nevers“, bei Sky, sechs Episoden, von Joss Whedon, mit Laura Donnelly, Ann Skelly, Olivia Williams (streambar ab 11. April)

Von Matthias Halbig/RND