Laut des Kinderhilfswerks Unicef kann die gesamte Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch die Pandemie gestört werden. Quelle: Tadeusz Lakota/Unsplash.com

Unicef: Corona-Krise hat massive Auswirkungen auf Bildungsniveau und Psyche von Kindern und Jugendlichen

Köln. Ein Jahr nach dem ersten Lockdown zeichnen sich nach Unicef-Angaben massive Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche ab. Die vielfältigen Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens gefährden nach Einschätzung des Kinderhilfswerks nicht nur die Bildungserfolge junger Menschen, sondern haben auch weitreichende Folgen für ihr gesamtes Wohlbefinden und ihre Entwicklung.

Defizit: Digitale Ausstattung der Schulen

„Ich glaube, das lastet auch auf den Seelen der Kinder“, sagte die Schirmherrin von Unicef Deutschland, Elke Büdenbender, am Dienstag bei der Vorstellung des Unicef-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland 2021. Die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte: „Je länger die Pandemie dauert, umso mehr nehmen Frust und Stress in den eigenen vier Wänden zu.“

Der Unicef-Bericht zeige, dass Deutschland bei der Zufriedenheit der Kinder schon vor der Pandemie im internationalen Vergleich nur Mittelmaß gewesen sei, sagte der Unicef-Vorstandsvorsitzende Georg Graf Waldersee. Mängel, die auch vorher schon da gewesen seien, würden jetzt „schonungslos offengelegt“. Dazu gehörten zum Beispiel Defizite bei der digitalen Ausstattung der Schulen.

Experte: Kinder brauchen andere Kinder

Waldersee verwies darauf, dass die Pandemie nun schon über ein Jahr dauere, und das sei in einem Kinderleben eine sehr lange Zeit: „In einem Jahr können Weichen für das ganze weitere Leben gestellt werden. Seit mehr als einem Jahr fehlt nun ganz viel von dem, was für Kinder und für Jugendliche ihr Wohlbefinden ausmacht und was sie für ihre Entwicklung benötigen.“ Kinder bräuchten öffentliche Räume wie Kindergärten, Schulen, Freizeitangebote und vor allem den Austausch mit Gleichaltrigen.

„Kinder brauchen andere Kinder“, betonte auch der Autor des Unicef-Berichts, der Familiensoziologe Hans Bertram. Gerade für jüngere Kinder in der Grundschule sei der Präsenzunterricht eine zwingende Voraussetzung, um eine Gleichheit der Entwicklungschancen zu schaffen.

Corona verstärkt die Unterschiede bei den Kindern

Bertram sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass der Staat die Schulpflicht faktisch vorübergehend außer Kraft gesetzt habe. „Das heißt, die Pflicht, dass die Kinder lernen, liegt jetzt wieder bei den Eltern. Das war in Preußen schon so. Aber die Weimarer Verfassungsväter haben die Schulpflicht deswegen eingeführt, weil sie gesehen haben: Wenn das Elternhaus für den Unterricht verantwortlich ist, hat man große soziale Differenzen.“

Schon vor der Pandemie hätten Kinder aus Einwandererfamilien und Kinder von Alleinerziehenden schlechtere Startchancen gehabt, sagte Bertram. Corona verstärke diese Unterschiede zusätzlich. So stelle die Pandemie Familien mit begrenztem Wohnraum vor große Herausforderungen.

Unicef-Bericht stützt sich auf international vergleichende Datensätze

„Und weil Kinder und Familien besonders belastet sind, müssen wir sie gerade jetzt stärken, und besonders eben die, die es ohnehin schon schwer haben“, appellierte Büdenbender. „Diese Botschaft ist vor der Bundestagswahl sehr, sehr wichtig.“

Methodisch stützt sich der Unicef-Bericht auf statistische Daten von Eurostat, der OECD und dem deutschen Statistischen Bundesamt. Dabei handele es sich vorwiegend um international vergleichende Datensätze und Längsschnittstudien wie zum Beispiel die Pisa-Studie.

RND/dpa