Freunde durch dick und dünn: Malyen (Archie Renaux) und Alina (Jessie Mei Li) geraten in das Abenteuer ihres Lebens. Quelle: COURTESY OF NETFLIX

Viel Licht, viel Schatten: die Fantasysaga „Shadow and Bone“ bei Netflix

Mit den Volkra ist nicht gut Kirschen essen, denn sie lieben Menschenfleisch über alles. Als das Skiff (nein, kein Verschreiber) in der ersten Folge der neuen Netflix-Serie „Shadow and Bone: Legenden der Grischa“ in die Schwärze der Schattenflur hineingleitet, die Segel gebläht von magisch erzeugtem Wind, werden die fliegenden Ungeheuer von einer versehentlich entzündeten Petroleumlampe angelockt. Bis zur ersten von 37 Markierungen hat es das Skiff gerade mal geschafft, schon droht die Expedition zu scheitern. Mit ledernen Schwingen stürzen sich die Monster aufs Deck, krallen sich Matrosen und Soldaten und – um ein Haar – auch die junge Kartografin Alina Sarkow (Jessie Mei Li), deren Eltern angeblich auch schon „von der Schattenflur gefressen“ wurden.

Das wäre freilich ein Malheur gewesen, denn Alina ist – ohne es zu wissen, ja ohne dass es überhaupt jemand ahnt – die wichtigste Person in der jüngeren Geschichte des Zarenreichs Rawka. Wichtiger noch als der dralle Zar und seine hagere Zarin, wichtiger als all deren Generäle und Ingenieure. Denn sie ist eine Grisha. Und als die Not am größten und die Expedition des Skiffs auf Messers Schneide steht, entfalten sich erstmals ihre unglaublichen Kräfte.

Eine kurze Einführung ins Grishaversum

Grishas sind Menschen mit zauberischen Talenten, die sich in diverse Orden aufteilen: Korporalki (Heiler und Gestaltveränderer), Ätheralki (eine in die Kategorien „Fluter“, „Stürmer“ und „Inferni“ aufgeteilte Gruppe von Elementebeherrschern) und Fabrikatori (Hersteller „besonderer“ Güter). Die Schattenflur ist die von einem als „schwarzer Ketzer“ bekannten Über-Grisha vor Hunderten von Jahren geschaffene Abnormität von absoluter Finsternis, die das Land Rawka teilt und die stetig wächst. Skiffs sind Schiffe, die über Sand schweben können und Fahrten durch die Schattenflur unternehmen.

In Rawka zahlt man mit Krugen, man führt Krieg gehen das Land Fjerda im Norden, das die Grisha umbringen will, weil man sie dort für Hexen und Hexenmeister hält. Man muss sich der Einflussnahme des asiatischen Reiches von Shu-Han im Süden erwehren und immer gewahr sein, dass die gierigen Händler der Insel Kerch (liegt im Osten im sogenannten „wahren Meer“) aus Notlagen Vorteil schlagen. Viele Begriffe muss man als Zuschauer abspeichern, hätte gern eine Landkarte und ein Grisha-Glossar im Kopf.

Dazu muss man sich in „Shadow and Bone“ noch ziemlich viele Namen und Gesichter merken, denn das Team um Showrunner Eric Heisserer hat zusätzlich zu den Figuren und der Geschichte aus Leigh Bardugos „Grisha“-Romantrilogie auch noch die zentralen Charaktere aus den ebenfalls im „Grishaversum“ angesiedelten „Krähen“-Romanen der in Israel geborenen US-Schriftstellerin eingekreuzt. Uff! Man erinnert sich deutlich an die Kopfschmerzen bei Sichtung der ersten „Game of Thrones“-Staffel.

Ein Waisenhaus-Underdog wird buchstäblich zur Lichtgestalt

Heldin Alina ist die Fleischwerdung eines Rawka-Mythos. Kein Grisha konnte bisher Licht aus sich heraus erzeugen wie sie, und wenn sie das tut, sieht sie elysisch-dämonisch aus wie die Elbenherrin Galadriel im ersten „Herr der Ringe“-Film, als sie Hobbit Frodo eine kurze Vorstellung davon gab, wie furchtbar sie werden würde, geriete der „eine Ring“ Saurons an ihre Hand. Alina, in der Serie eine „halbe Shu“ wurde als Kind im Waisenhaus als als „Reisfresserin“ und „Halbblut“ gemobbt. Nichts deutete je auf eine Lichtgestalt hin. Der einzige Freund, der sie und den sie immer beschützte, mit dem sie durch dick und dünn ging, war der Waisenjunge Malyen (Archie Renaux). Arm und arm gesellt sich gern.

Plötzlich aber ist sie die „Sonnenkriegerin“ und alle zerren an ihr. Der einflussreiche, zudem charismatische und attraktive General Kirigan (Ben Barnes) will sie dazu bringen, die Schattenflur mit ihrer Gabe zu zerstören (womit auch die Sezessionsbestrebungen des westlichen Rawka zerschlagen würden), andere Kräfte beauftragen Kaz (Freddy Carter), Jesper (Kit Young) und Inej (Amita Suman), ein Gaunertrio aus Ketterdam, der Hauptstadt von Kerch, mit Alinas Entführung, damit genau das verhindert wird.

Es dauert eine Weile, bis die in den Büchern komplexe und fesselnde Fantasysaga auch auf dem Bildschirm ihre volle Wirkung zeitigt. Die Uniformen der Grisha erscheinen einem zu märchenhaft bunt, und während in „Game of Thrones“ (GoT) jede Höhle aus echtem Fels und Tropfstein zu bestehen schien, sehen Höhlen in „Shadow and Bone“ nach Budgetgrenzen aus. Die Dialoge lassen zu oft Esprit vermissen, die erzählerische Grandezza von „GoT“ wird nicht erreicht.

Was von Heldin und Zuschauer verlangt wird: Nicht aufgeben!

Zunächst läuft auch alles wie die klassische „Who’ll do it?“-Story ab, die altvertraute Fantasy-Krisenlösungsgeschichte: Wie der Ring in den Schicksalsberg muss, muss das große Licht in die Schattenflur. Und ein Underdog muss das gefälligst erledigen. Alles wie gehabt, außer, dass die Settings nicht mittelalterlich sind wie gewohnt, sondern an das Russland des 19. Jahrhunderts erinnern. Am nächsten kommt dem wohl Amazons „Carnival Row“, das allerdings von der ersten Episode an packend war.

Aber wenn erst einmal alle Interessensgruppen an ihren Fäden ziehen, wenn die ersten Geheimnisse zu ranken anfangen, wenn Zweifel an der Lauterkeit von Motiven gesät werden, einige Figuren zwielichtig zu schillern beginnen und in Misskredit geraten, ist man doch im Bingeflow. Der Moment, in dem diese Serie zuschnappt wie ein hungriger Volkra und uns zappeln lässt, kommt spät – in der fünften von acht Episoden. Zuschauerbegeisterung kann eben auch von Grishas nicht herbeigehext werden. Für Alina wie für ihr Publikum gilt: Nicht aufgeben!

„Shadow and Bone“, bei Netflix, acht Episoden, von Eric Heisserer nach Vorlagen von Leigh Bardugo, mit Jessie Mei Li, Ben Barnes, Freddy Carter, Archie Renaux (streambar ab 23. April)

Von Matthias Halbig/RND