Mit der Mikro-Taste stellen Nutzer bei diesem Echo-Smartspeaker von Amazon ein, ob Alexa zuhören darf oder nicht. Transformationsexperte Holger Volland erklärt im RND-Interview, welche Risiken die Digitalisierung mitbringt. Quelle: Manuel Rauch/Franziska Gabbert/dpa/RND

Experte zur Digitalisierung des Alltags: „Immer erst den Kopf einschalten“

Ob Chatbot, Parkassistent oder Krebsdiagnose: Digitale Technologien sind längst Teil unseres Alltags – und werden es in Zukunft noch häufiger sein. Das bringt zwar viele Vorteile, aber auch Nachteile mit sich. Denn Sicherheit ist im Umgang mit der Digitalisierung das A und O. Holger Volland ist Transformationsexperte und Autor zu Themen rund um den digitalen Wandel. Im RND-Interview erklärt er, was es für Verbraucher zu beachten gibt.

Herr Volland, Ihr Buch trägt den Titel „Die Zukunft ist smart“, verbunden mit der Frage „Du auch?“. Warum müssen wir Nutzer ebenfalls smart sein? Und will das überhaupt jeder?

Holger Volland: Es ist für jeden Menschen wichtig, sich mit den digitalen Technologien auseinanderzusetzen, denn wir sind alle davon betroffen. Selbst meine Mutter besitzt ein Smartphone mit diversen Apps. Meine Titelfrage zielt darauf ab, dass sich kaum ein Nutzer darüber im Klaren ist, welchen potenziellen Schaden die Technologien anrichten können. Und kaum einer weiß, ob die Kosten, die sie verursachen, weil sämtliche Daten erfasst und verwendet werden, den Nutzen aufwiegen.

Müssten Sie Ihre Titelfrage nicht in erster Linie an die Politik richten? Die Corona-Krise hat doch deutlich vor Augen geführt, wie rückständig Deutschland in Sachen Digitalisierung ist.

Deshalb gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre, die Digitalisierung zu koordinieren und voranzubringen. Dafür brauchen wir dringend ein eigenes Ministerium, weil Bund, Länder und Gemeinden bislang alle ihr eigenes Süppchen kochen.

Die Digitalisierung in Deutschland: Wie ist der aktuelle Stand?

Laut einer Statistik des Arbeitsministers fallen durch die Digitalisierung 1,3 Millionen Arbeitsplätze weg, dafür werden langfristig 2,1 Millionen neu geschaffen. Ist das nicht eine Milchmädchenrechnung?

Natürlich ist es das. Der Betrachtungszeitraum des normalen Arbeitnehmers erstreckt sich ja nicht über mehrere Jahrzehnte. Wer seinen Job verliert, weil ein Algorithmus seine Arbeit erledigt, der braucht jetzt einen neuen und nicht erst in zwanzig Jahren. Außerdem können viele dieser neuen Arbeitsplätze schon aktuell nicht besetzt werden, weil die nötigen Fachkräfte fehlen.

Droht Deutschland international abgehängt zu werden?

Diese Gefahr liegt zumindest nahe. Man muss sich bloß mal anschauen, welche Firmen und Dienstleister die Corona-Krise nutzen konnten, um Umsatz und Einfluss zu steigern: amerikanische Technologiekonzerne wie Netflix oder Amazon. Amazon schafft zwar neue Arbeitsplätze, auch in Deutschland, aber in erster Linie für Lagerarbeiter, denen ein Algorithmus sagt, welches Produkt sie aus dem Regal holen sollen. Das sind nicht die Jobs, die wir uns von der Digitalisierung erhoffen.

Amazon weiß mehr über meine Konsumgewohnheiten als ich. Warum ist das für viele Menschen kein Problem?

Weil es unglaublich bequem ist. Nur die wenigsten machen sich bewusst, dass sie deshalb auch Geld für Dinge ausgeben, die sie gar nicht brauchen, weil sie vollkommen gläsern sind. Amazon sammelt selbstverständlich auch auf anderen Websites Informationen, was zur Folge hat, dass irgendwann kein echter Preisvergleich mehr möglich ist; dann sitzt man als Kunde im goldenen Käfig und merkt es nicht mal. Abgesehen davon ist es grundsätzlich schlecht für den Wettbewerb, wenn ein Dienstleister eine derartige Monopolstellung hat: Weniger Wettbewerb ist gleichbedeutend mit wenig Interesse an Entwicklung. Die Geschichte der Technologie hat gezeigt: Die Pioniere sind nach einer gewissen Zeit immer von Nachfolgern mit besseren Produkten abgelöst worden.

Digitalisierung: Wo im Alltag Daten gesammelt werden

Ihr Buch gibt hundert Antworten auf Fragen zum digitalen Alltag. Welche hat Sie am meisten überrascht?

Ich habe mich zum Beispiel gefragt, warum die Stimmen von Assistenzsystemen wie „Alexa“ immer weiblich sind. Zunächst dachte ich, dass die männlichen Programmierer Frauenstimmen einfach schöner finden. Tatsächlich haben die Hersteller entsprechende Studien in Auftrag gegeben, und es stellte sich heraus, dass wir uns von weiblichen Stimmen lieber assistieren lassen; von männlichen nehmen wir lieber Befehle an. Für den Sexismus sind also nicht die Programmierer verantwortlich, sondern wir Nutzer.

Was hat Sie am meisten empört?

Ich war extrem überrascht, wie viele Informationen ein ganz normaler Fernseher sammelt. Jedes Smart TV mit Internetzugang – und das sind mittlerweile im Grunde alle – informiert den Hersteller darüber, was die Zuschauer gucken. Diese Informationen werden genutzt, um gezielte Werbung auf die Geräte zu spielen. Deshalb werden Fernseher immer billiger, obwohl ihre Leistungsstärke zunimmt: weil wir neben dem Anschaffungspreis auch mit unseren Daten zahlen.

Sie schreiben, dass jeder siebte Deutsche das Tempo der Digitalisierung als zu schnell empfindet. Ist das nicht ein Durchschnittswert, der durch viele Ältere in die Höhe getrieben wird?

Sicherlich gibt es Unterschiede; neben dem Alter spielt auch die Schulbildung eine Rolle. Trotzdem finde ich diese Zahl erschreckend, denn sie zeigt, wie viel wir noch tun müssen, um alle mitzunehmen. Den Medien kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Sie sollen neutral darüber aufklären, welchen Preis wir für bestimmte Anwendungen zahlen müssen und welche Möglichkeit es gibt, diesen Preis zu beeinflussen.

Beim Surfen im Internet: Das gibt es zu beachten

Braucht man einen kleinen Internetführerschein?

Nicht unbedingt. Es braucht vor allem gesunden Menschenverstand. Entscheidend ist, nicht alles zu glauben, was einem zugespielt wird: immer erst den Kopf einschalten, bevor man eine Nachricht teilt, und sie grundsätzlich nur weiterleiten, wenn man sicher kein kann, dass die Information stimmt. Wenn man das beherzigt, haben die meisten „Fake News“ keine Chance auf Verbreitung.

Wie sinnvoll sind smarte Systeme?

Für Menschen mit starker Sehbehinderung ist zum Beispiel ein Assistenzsystem, das per Sprache die Orientierung im Haus erleichtert, sehr nützlich. Das sammelt zwar ebenfalls Daten, aber es steigert die Lebensqualität erheblich. Beim Saugroboter sollte die Abwägung möglicherweise anders aussehen. Damit er nicht die Legosteine meiner Kinder einsaugt, entscheide ich mich für ein Modell mit Kamera. Aber dann sollte ich mir darüber im Klaren sein, dass das Gerät alles filmt, also auch meine Einrichtung und meine Familie.

Gibt es auch positive Entwicklungen?

Natürlich. Ich brauchte während der Arbeit an dem Buch dringend ärztlichen Rat. In Frankfurt, wo ich lebe, hätte ich wegen Corona erst mehrere Wochen später einen Termin bekommen, aber dank der Telemedizin konnte ich noch am selben Tag ein Videotelefonat mit einer Ärztin aus Düsseldorf führen; und ich bin nicht privat versichert.

Wie gut sind wir insgesamt auf die Digitalisierung vorbereitet?

Längst nicht so gut, wie wir es sein sollten. Wir nutzen deutlich mehr Technologie, verstehen sie aber immer weniger.

Gilt das nicht fürs Auto ebenfalls?

Technisch gesehen ja. Aber wir wissen, was auf uns zukommen kann, weil wir das gelernt haben. Wenn es neblig und dunkel ist, fahren wir langsamer. Aber die meisten Menschen haben keine Ahnung, wann und wo es zum Beispiel bei Whatsapp neblig und dunkel wird.

Von Tilmann P. Gangloff/RND