Er will die deutsche ESC-Ehre retten: Der Hamburger Musicaldarsteller Jendrik (Mitte) probt in der Rotterdamer Ahoy Arena den Auftritt zu seinem Song „I Don't Feel Hate“ – hier zeigt die tanzende Hand noch den Mittelfinger statt des Peacezeichens. Quelle: Sander Koning/ANP/dpa

Party mit gebremstem Schaum: So schlägt sich der deutsche Sänger Jendrik vor dem ESC in Rotterdam

Ein ausgestreckter Mittelfinger? Knapp drei Meter hoch? Vor 200 Millionen Zuschauern in aller Welt? Keine Chance. Verboten! Da ist man hartleibig beim Eurovision Song Contest (ESC). Sorry, Germany, falscher Finger. Und so musste die deutsche Delegation umplanen: Jetzt zeigt die „tanzende“ XXL-Hand, die den deutschen ESC-Hoffnungsträger Jendrik Sigwart bei seinem Auftritt in Rotterdam am Sonnabend dekorativ umwirbeln wird, keinen Stinkefinger mehr, sondern ein Peacezeichen. Alles im Sinne der paneuropäischen Wunschbotschaft beim größten Musikspektakel der Welt: Peace, Love und Happiness.

Es ist eine riskante Wette auf den Zeitgeist, die der 26-jährige Hamburger Musicaldarsteller, der sich so gern als menschliches Knallbonbon inszeniert, dem ESC-Publikum anbietet: Sein beschwipst-sorgloser Song „I Don‘t Feel Hate“ ist mit Glitzerukulele, quietschbunten Farbexplosionen, tanzenden Extremitäten, wildem Stepptanz und grellen Cartoonelementen auf der Videowall ein Holzhammerangriff auf Hass und schlechte Laune.

Partyalarm aus Deutschland als Impfstoff gegen die kollektive Trübnis? Das ist mal etwas anderes als der brav inszenierte Durchschnitt der Vorjahre, erinnert aber doch auch an die humoristisch bis vorsätzlich bekloppten ESC-Experimente der Nullerjahre und – sehr entfernt – an die stumpfe Zeitgeistausbeutung eines Ralph Siegel („Let‘s Get Happy“, Platz elf für Lou 2003). Immerhin: Jendrik darf in der aussichtsreicheren zweiten Hälfte des Finales auftreten.

Steht dem Kontinent der Sinn nach Ablenkung?

Die große Frage wird sein, ob dem pandemisch zermürbten Kontinent der Sinn schon jetzt nach After-Corona-Party steht, nach Ablenkung und Scheißdraufspaß. Bei den Buchmachern steht Deutschland aktuell auf Platz 29 von 39 Teilnehmerländern – und ist wie immer als einer der fünf größten Mitfinanzierer der Sause direkt für das Finale am Wochenende qualifiziert. „Ich versuche, es zu genießen“, sagte Jendrik in Rotterdam. „Das muss ich aber noch lernen.“ Er berichtet auch von einem kleinen Nervenzusammenbruch in der Probewoche. Schon stressig, so ein ESC. „Aber man kann lernen, positiv zu denken. Es ist ein tägliches Training.“

Natürlich ist dieser 65. Song Contest – der 2020 noch komplett ausfiel – nicht wie die anderen. Zwar treten bis auf Australien alle Teilnehmer live auf der Bühne auf. 26 Länder schicken ihre Vorjahreskandidaten (mit neuen Songs); der Deutsche Ben Dolic verzichtete. Doch die Schar der Journalisten vor Ort ist auf ein Fünftel auf knapp 400 geschrumpft. Statt 20.000 Zuschauern dürfen maximal 3500 die Generalproben und Shows in der Ahoy Arena in Rotterdam verfolgen. Und gleich mehrfach fielen Corona-Tests von Delegationsmitgliedern positiv aus – zuletzt aus Island und Polen. Die Folge: Tests und Quarantäne für alle nationalen Kollegen. Was das für die Finalshow bedeutet, ist offen. Sicherheitshalber haben alle Delegationen Videos ihres Auftritts im Gepäck.

Zu den größten Pre-Show-Kontroversen gehörten die Proteste orthodoxer Christen auf Zypern, die monierten, dass der zypriotische Beitrag den „Teufel“ enthalte. Weißrussland wurde disqualifiziert, weil der ursprüngliche Text des Beitrags „Ja nautschu tebja“ („Ich bringe dir bei“) als Spott auf die Proteste gegen den Minsker Autokraten Alexander Lukaschenko gelesen werden konnte und damit gegen das vermeintliche Neutralitätsgebot des Wettbewerbs verstieß. Heftig im Feuer der Heimat stand auch die russische Kandidatin Manizha. Sie erhielt Todesdrohungen wegen ihrer tadschikischen Wurzeln und weil ihr Popsong – eine Uptempo-Hymne mit Folkloremotiven auf die Individualität – ungeeignet sei, Russland zu repräsentieren.

Italien versucht es mit Rock, England mit Disco

Und die Favoriten? In der Wettbürogunst weit vorn liegt die italienische Rockkombo Måneskin mit dem überraschend uninteressanten Rocksong „Zitti e buoni“, ebenso die schwerblütige französische Ballade „Voilà“ der Chanteuse Barbara Pravi. Vorab gefeiert werden auch die moderne Elektroballade „10 Years“ des isländischen Synthipop-Sextetts Daði & Gagnamagnið sowie der kokette Frauenpower-Partysong „Je Me Casse“ der Malteserin Destiny, deren massives Selbstbewusstsein an Israels ESC-Siegerin Netta („Toy“) erinnert. Zu den allseits beliebten, aber chancenlosen Putzigkeiten des Jahres zählt gewiss Großbritannien mit einem sturzöden Unglück von einem Klischeediscosong, außerdem Spanien mit einer blutarmen Ballade, die klingt wie die B-Seite einer B-Seite.

Erstmals beim ESC ist Backgroundgesang vom Band erlaubt. Was Traditionalisten dagegen beglücken dürfte: Jendriks Song beinhaltet auch drei Sprechzeilen auf Deutsch („Ich hoffe, Sie haben noch ein derbe nices Leben...“). Es wäre der erste ESC-Beitrag seit Roger Ciceros „Frauen regier’n die Welt“ (Platz 19 im Jahr 2007), der deutsche Sprache enthält. Ob‘s hilft? Es kann nur besser werden. Das Ziel des deutschen ESC-Verantwortlichen Thomas Schreiber bei seinem letzten Song Contest: eine Top-Ten-Platzierung. Und warum auch nicht? Wunder gibt es immer wieder.

Der 65. Eurovision Song Contest 2021 wird in der Ahoy Arena in Rotterdam ausgetragen. Das Finale findet am kommenden Sonnabend, 22. Mai 2021 ab 21 Uhr statt und wird live im Ersten übertragen. Die Halbfinalshows am 18. und 20. Mai überträgt der ARD Digitalsender ONE. Alle Shows werden auf eurovision.de live gestreamt. Barbara Schöneberger moderiert am 22. Mai um 20.15 Uhr die ARD-Show „Countdown für Rotterdam“ live aus dem NDR-Studio in Hamburg und wird auch die deutschen Punkte durchgeben. Mit dabei sind unter anderem auch Michael Schulte, Jan Delay, Sarah Connor und Newcomerin Zoe Wees. Gemeinsam stimmen sie die Fans auf das große ESC-Finale in Rotterdam ein.

Von Imre Grimm/RND