Tristan (Tom Schilling) sucht in „Ich und die anderen“ über sechs Teile nach seiner wahren Identität. Quelle: Sky Deutschland / Superfilm

Großstadtgroteske „Ich und die anderen“ bei Sky: Ein Blick auf unsere Egogesellschaft

Das Ego ist ein unberechenbares Tier. Mal aggressives Reh, mal zaghafter Löwe, wirkt seine Verteilung selten wohldosiert. Zu viel davon ist schnell toxisch, zu wenig ebenso suboptimal, dazwischen bleibt es riskant oder öde. Wir alle justieren deshalb ständig unser Ich, auch Tristan. Als PR-Experte einer App-Schmiede hat er zwar alles, was ein Großstadtdasein gefällig macht: lukrativer Job, schwangere Freundin, schickes Appartement. Es läuft beim Werber aus Wien.

Doch hinter der Manufaktumfassade grübelt ein fragiler Geist bis zur Selbstverleugnung übers beste Maß Tristan im Messbecher des Lebens. „Ich will, dass es um mich geht“, sagt er am Anfang der Sky-Serie „Ich und die anderen“ mit brüchiger Stimme aus dem Off. „Ich will, dass ihr mich seht.“ Und dann folgt ein Satz, den Tristan besser mal gelassen hätte: „Ich will, dass ihr alles über mich wisst.“ Gesagt, getan.

Als der Wecker klingelt, dreht sich das Universum nur um Tristan

Denn als kleine Gehässigkeit der Egogesellschaft erfüllt ihm das Schicksal den Willen und leitet einen Sechsteiler ein, der auch bei Zuschauer und Zuschauerin Spuren hinterlässt. Als der Wecker klingelt, dreht sich das Universum nämlich nur um Tristan. Die Nachbarin flirtet, Wildfremde glotzen, ein Taxi hält ungefragt und als er eine Digital-Detox-App vorstellt, entlarven ihn die Kunden mit Fakten seiner Intimsphäre. Was ist da los? David Schalko ist da los! Denn nach eigenem Buch hat der österreichische Regisseur mal wieder ein Meisterwerk kreiert, das unser Sein dem Lügendetektortest des Bewusstseins unterzieht.

Wie in „Braunschlag“ oder „Altes Geld“ taucht er die Mehrheitsgesellschaft ins realsatirische Stahlbad der Elitenverachtung, dass es auch der Unterschicht beim Zuschauen wehtun dürfte. Und wie im Remake von Fritz Langs Filmlegende „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“ bedient er sich dafür des halben Wiener Burgensembles: Resultat: Theatralischer wurde unser Egoismus selten in Fernsehunterhaltung übersetzt. Wahrhaftiger aber auch nicht. Vor allem dank Tom Schilling.

Schilling spielt melancholisches Staunen seiner Figur mit Traurigkeit

Im Gegensatz zu Martin Wuttke und Sophie Rois als Tristans penisfixierte Elternboheme, zu Michael Martens oder Merlin Sandmeyer als therapiebedürftiger Therapeut Schubert und einziger Freund Hubert, zu Sarah Viktoria Frick oder Mavie Hörbiger als lesbische Schwester und lüsterne Ex, vom Berliner Bühnenberserker Lars Eidinger als Tristans Chef ganz zu schweigen, hat Schilling zwar kaum Theatererfahrung. Das melancholische Staunen seiner Figur allerdings spielt er mit einer staunenden Traurigkeit, als wäre er selbst dieses gut gekleidete Stück Treibholz im Sturm seiner heimlichen Sehnsüchte.

Im ersten Teil auf der Suche nach eigener Exzellenz, bittet er vorm zweiten, alle würden die Wahrheit sagen, und vorm dritten, alle würden ihn lieben. So geht es weiter mit Wünschen, die sich allmorgendlich aufs Neue erfüllen, bis Tristan zum urbanen Herrn Taschenbier am Murmeltiertag(sams)tag wird, den jedes erfüllte Begehren am Ende doch nur ärmer macht. Und wenn Tristan zum arabischen Taxifahrer „Ich hab nichts gegen den Islam“ sagt, worauf der „Ich schon, ich bin Atheist“ entgegnet, ist das wie immer kluge Widerspruchsentlarvung à la Schalko.

Leider gehen dem Filmemacher manchmal ein wenig die Pferde durch

Leider gehen dem Filmemacher hier manchmal doch ein wenig jene Pferde durch, die sich Tristans Mutter als Erinnerung ans eigene ausgestopft ins Wohnzimmer stellt. Durchsetzt von Witzen über alle Arten von Geschlechtsteil, ersetzt er Gesellschaftsanalyse etwas zu oft durch eine Clipshow menschlicher Absurditäten, die der Egoerforschung eher im Weg steht, als sie humoristisch zu unterfüttern.

Durch „Ich und die anderen“ muss man sich daher auch ein wenig hindurchkämpfen. Wer es bis zum Ende schafft, wird allerdings durch ein groteskes Panoptikum unserer Abgründe belohnt, das noch lange nach dem Abspann nachwirkt. Auch das muss Fernsehen erst mal schaffen.

„Ich und die anderen“ ist ab dem 29. Juli bei Sky streambar.

Von Jan Freitag/RND