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Turn-Superstar Simone Biles aus den USA hat sich für den großen Zuspruch nach den offenen Worten über ihre mentale Gesundheit bedankt. Quelle: Gregory Bull/AP/dpa

„Letztlich sind wir auch Menschen“: Warum mentale Gesundheit auch im Spitzensport so wichtig ist

Simone Biles ist ein olympischer Superstar. Niemand hat bis heute so viele WM-Goldmedaillen gewonnen wie sie, viermal nahm sie 2016 olympisches Gold aus Rio mit nach Hause. In ihrer Heimat, den USA, setzt sie sich für Black Lives Matter ein, war auf dem „Vogue“-Cover. Die Erwartungen waren also groß, als die 24-jährige Turnerin jetzt in Tokio an den Start ging. Twitter ehrte sie sogar mit einem eigenen Emoji – eine Ziege in einem roten Turnanzug. Ziege, auf Englisch goat, das meint Greatest of All Times – Größte aller Zeiten also. Aber dann gab die Sportlerin am Mittwoch bekannt, dass sie nicht am Einzel-Mehrkampf teilnehmen wird. Der Grund: Sie möchte sich um ihre mentale Gesundheit kümmern.

Anfang der Woche hatte sie bereits auf Instagram von dem hohen Druck berichtet: „Ich habe wirklich manchmal das Gefühl, dass ich das Gewicht der Welt auf meinen Schultern trage. Ich weiß, dass ich es so aussehen lasse, als würde mich Druck nicht beeinflussen, aber verdammt, manchmal ist es schwer, hahaha! Olympia ist kein Witz!“ Am Dienstag stieg sie dann nach nur einer Disziplin aus dem Teamwettbewerb aus, am Mittwoch sagte sie ihren Start im Einzel-Mehrkampf bei den Olympischen Spielen ab.

Hohe Belastungen

Dass der Druck groß, die Erwartungen hoch und die mentale Belastung dementsprechend stark sind im Spitzensport, ist keine Überraschung. Aber immer noch wird insbesondere dort vergleichsweise wenig über psychische Probleme gesprochen.

Die Psychologin Marion Sulprizio leitet die Initiative „MentalGestärkt“ von der Deutschen Sporthochschule Köln, die sich mit Workshops und Beratung für psychische Gesundheit im Sport einsetzt. Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagt sie: „Die Forschung geht davon aus, dass im Leistungssport genauso viele Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen sind wie in der Normalpopulation. Aber davon erfährt die Öffentlichkeit in der Regel nichts.“ Die Gründe dafür seien vielfältig. „Es hat natürlich mit der Stigmatisierung von psychischen Krankheiten zu tun, aber auch mit der Heroisierung von Athletinnen und Athleten. Die werden glorifiziert, sind so etwas wie die Helden unserer Zeit und sind stark – natürlich auch mental. Psychische Schwierigkeiten passen da nicht rein“, sagt Sulprizio.

Die Belastungen – körperlich wie psychisch – hätten außerdem zugenommen, meint Psychiater Valentin Z. Markser, der Robert Enke behandelte und sich unter anderem als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie engagiert. „In vielen Disziplinen fangen die Sportlerinnen und Sportler deutlich früher an, oft schon im Vorschulalter. Die Trainingsintensität hat zugenommen und es gibt viel mehr mediale Aufmerksamkeit. Ich habe selber professionell Handball gespielt. Wir hatten eine Kamera für Trainingsaufzeichnung“, sagt Markser. „Heute hat jede Mannschaft fünf, sechs Analystinnen und Analysten, die jede Bewegung messen und aufnehmen. Und wir haben viel mehr Geld im System, was auch den psychischen Druck erhöht.“

Eine Frage der Verletzlichkeit

„Bestimmte Sportarten sind für bestimmte Erkrankungen anfälliger. Beim Rudern sind es zum Beispiel Essstörungen, weil das Gewicht für die Bootsklassen eine große Rolle spielt“, sagt Sulprizio. Auch die Erwartungshaltung spiele eine große Rolle: „Die Erwartungshaltung ist sehr hoch im Spitzensport. Von Trainerinnen und Trainern, von Eltern, aber auch von einem selbst. Das macht natürlich Druck. Wenn man nichts erwartet, ist alles wunderbar. Aber wenn ich den Anspruch habe, die Goldmedaille zu verteidigen, ist das was ganz anderes.“

Nicht jeder oder jede sei dann aber gleichermaßen betroffen: „Man kann psychische Belastung gut mit dem Vulnerabilitätsstressmodell erklären. Wer eine höhere Vulnerabilität, also Verletzlichkeit, hat, für den oder die können auch schon kleine Situationen ein Auslöser für eine Stresserkrankung oder eine andere psychische Problematik sein“, sagt Sulprizio. „Biles ist bei ihrem Auftritt am Dienstag nicht gut aufgekommen bei der Landung. Das kann so ein letzter Tropfen gewesen sein, der aufgrund der individuellen Verletzlichkeit so gravierend wirkt, dass sie den Wettkampf daraufhin ganz absagt.“

Wenig psychologische Betreuung

Im deutschen olympischen Team scheinen sich diese Erkenntnisse allerdings nur bedingt widerzuspiegeln: 24 Ärztinnen und Ärzte, 43 Physiotherapeutinnen und -therapeuten und nur fünf Psychologinnen und Psychologen begleiten die 430 Sportlerinnen und Sportler. Online wird eine ökumenische Seelsorge angeboten. Die psychologische Betreuung macht also nur einen Bruchteil aus – und das, obwohl die mentale Belastung enorm hoch sind. „Es ist tatsächlich so, dass man dann doch lieber noch mal einen Physio mehr mitnimmt. Das ist natürlich richtig wenig für diese Vielzahl von Athletinnen und Athleten“, sagt Sulprizio. „Es müssen jetzt nicht unbedingt auch 43 Sportpsychologen mitfahren. Aber ein paar mehr wären schon eigentlich gut gewesen, um die aktuellen Probleme vor Ort zu bearbeiten.“

„Die zeitgemäße Gesamtbetreuung der Athletinnen und Athleten wird nicht nur Sportmedizinerinnen und -mediziner, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Sportpsychologinnen und -psychologen, sondern auch Sportpsychiaterinnen und -psychiater beinhalten“, prognostiziert Markser.

Und es scheint sich schon etwas zu verändern, denn neben Biles spricht auch Tennisprofi Naomi Osaka (23) offen über ihre psychischen Probleme. Vor rund sechs Wochen brach sie die French Open wegen depressiver Phasen ab. „Ich habe ganz deutlich das Gefühl, dass es da eine gute Entwicklung im Spitzensport gibt. Es gibt auch mehr Hilfsangebote und präventive Arbeit als früher“, sagt Sulprizio. „In den Fußball-Nachwuchs-Leistungszentren müssen etwa Sportpsychologinnen und -psychologen als Personal angestellt sein, um die Zertifizierung überhaupt zu erreichen, das ist ein toller Schritt, auch die jungen Athletinnen und Athleten schon direkt dran zu gewöhnen, dass man auch im Kopf arbeiten muss und nicht nur am Körper.“ Auch Markser bestätigt eine positive Entwicklung: „Di­­e Athletinnen und Athleten sind selbstbewusster, aufgeklärter und sprechen heute eher darüber.“

Körper und Geist schützen

Nicht immer müsse man aber, wie Biles, öffentlich über psychische Probleme reden, findet Sulprizio: „Wenn man es nicht möchte, dann muss man es auch nicht sagen. Aber man soll psychologische Hilfe unproblematisch in Anspruch nehmen können. Und daran sollte man arbeiten. Gar nicht unbedingt daran, es nach außen zu zeigen und der Presse zu erklären, wer jetzt wie viel geholfen hat, sondern da ist der Sportpsychologe ganz gut im Hintergrund aufgehoben und ebenso auch die Psychotherapeuten und Psychiater“, sagt Sulprizio.

Wichtig sei eben auch das Wissen um die eigene Vulnerabilität: „Nur weil man jetzt wie ein Superstar gefeiert wurde, heißt das nicht, dass man immer ein Superstar ist. Es ist die eigene Verletzlichkeit, auf die man achten muss. Und ob diese Verletzlichkeit in Kombination mit der aktuellen Situation zusammenpasst, ob ich das hinkriege“ sagt Sulprizio. „Und wenn das nicht geht, dann muss ich halt rausgehen. Und das sollte völlig in Ordnung sein – auch für Nichtspitzensportlerinnen und -sportler.

Simone Biles erklärte bei einer Pressekonferenz ganz pragmatisch: „Letztlich sind wir auch Menschen. Also müssen wir unseren Geist und unseren Körper schützen, statt rauszugehen und das zu tun, was die Welt von uns verlangt.“ Sie fordert: „Stelle deine psychische Gesundheit an erste Stelle. Wenn nicht, wirst du deinen Sport nicht genießen und auch nicht so erfolgreich sein können, wie du möchtest. Es ist okay, einen großen Wettkampf auszusitzen und sich auf dich zu konzentrieren.“

Von Kira von der Brelie/RND