Supersoldatin im Union-Jack-Kostüm: Captain Carter (Mitte) tritt anstelle von Captain America gegen die Nazis an – jedenfalls in der neuen Marvel-Serie „What, if ...?“. Quelle: Marvel Studios/Disney+/dpa

T’Challa gibt den Star Lord – Marvel fragt bei Disney+: „What, if …?“

Die Geschichte von Peggy Carter hat wohl jeden angerührt, der das Marvel Cinematic Universe (MCU) romantischen Herzens durchquerte. Steve Rogers alias Captain America schuldete seiner Liebsten noch einen Tanz und traf sie nach seinen unglaublichen Abenteuern erst tief in der Zukunft als uralte Frau wieder, während er selbst jung geblieben war. Am Ende des Films „Avengers: Endgame“ reiste der unzeitgemäße Superheld dann auf Weltrettungs­mission in die Zeit seiner Jugend zurück und blieb im Gestern bei Peggy. Der Tanz, der verloren schien, wurde getanzt. Und das Schild des Captains war frei für jemand anderen (in der Marvel-Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ wird klar, für wen). Happy End.

Es ist eine Männerwelt – Superfrauen sind unerwünscht

In der ersten Folge der Trickfilmserie „What If …?“, die jetzt beim Streamingdienst Disney+ gezeigt wird, ist es die britische Agentin Carter, die ihrem Liebsten den Tanz in Aussicht stellt, und sie ist es auch, die das Supersoldaten­serum abbekommt. Und so sieht man ihr zu, wie sie im Union-Jack-Superdress mit Britflaggen-Schild Nazis dezimiert. Viel Action in der ersten Marvel-Paralleluniversums-Story.

Klar, dass in der für Frauen nicht so guten alten Zeit eine Superheldin auch gegen die Vorstellungswelt der maßgeblichen Männer zu kämpfen hat. Captain Carters Frauenpower ist unerwünscht.

„What, if ...?“-Serie gründet auf einer langlebigen Comicreihe

Die „What, if …?“-Serie basiert auf den gleichnamigen Comicreihen des Marvel-Verlags, deren erste schon 1977 mit der in Panels und Sprechblasen gefassten Idee begann, Spider-Man (die wohl populärste Marvel-Figur) als Mitglied der Fantastischen Vier zu präsentieren. Bis Oktober 2018 reizten die Geschichten in insgesamt 13 Reihen die Vorstellungswelt der Fans. Was wäre, wenn Iron Man ein Verräter gewesen wäre? Was wäre, wenn Wolverine zurück in die Zeit gereist wäre und Hank „Ant-Man“ Pym umgebracht hätte, bevor dieser die schurkische K. I. Ultron erschaffen konnte?

Und was wäre, wenn die Fantastischen Vier in der Sowjetunion gelebt hätten (das gab es allerdings schon drei Jahre zuvor bei der Konkurrenz DC mit „Superman“ als Sowjetbürger)?

Aus der Frage, was wäre, wenn Spider-Man eine Frau wäre, entstand sogar eine Spin-off-Comicreihe. In der vierten „What if …?“-Collection kam Uatu, der Wächter (Watcher), dazu, ein uraltes kosmisches Wesen, das schon 1963 in den „Die Fantastischen Vier“-Comics aufgetaucht war. Hier nun gab er sich als eine Art Supervisor des Multiversums, der behauptete, historische Dokumente aus einer anderen Dimension gefunden zu haben – ein Verwissenschaftlichungs­versuch dessen, was zuvor eher eine amüsante Gedanken­spielerei gewesen war.

Der Watcher Uatu ist Showmaster der Parallelwelten

Uatu ist auch der Showmaster der neuen TV-Serie „Zeit – Raum – Realität“, hebt der Watcher zu Beginn jeder Folge mit viel Gravitas in der Stimme an, „mehr als ein geradliniger Pfad“. Als ein „Prisma endloser Möglichkeiten“ stellt er uns die Welt vor, „in dem eine Entscheidung in unendliche Realtäten abzweigen kann“. Es ist eine Einführung wie bei Gene Roddenberrys „Raumschiff Enterprise“ alias „Star Trek“ oder bei Rod Serlings „Twilight Zone“. „Ich bin der Watcher“, stellt sich Uatu vor, „ich werde euch durch diese unzähligen Wirklichkeiten führen.“ „Folgt mir!“, fordert er, und, na ja, der Marvel-Fan folgt freudig. Nichteinmischung ist das Prinzip des Watchers. Ob er wohl dabei bleibt?

Und wird in der zweiten Episode mit dem Jungen T’Challa aus dem afrikanischen Fantasie­königreich Wakanda konfrontiert. Der kleine Prinz ist wissbegierig und neugierig, will die Welt erkunden, während sein Vater zu Vorsicht und Geheimhaltung mahnt („Diese Welt hat Wakanda nichts zu bieten. Alles, was du dort finden wirst, ist Zerstörung und Schmerz“).

Versehentlich wird T’Challa von einem Raumschiff entführt

Man kennt T’Challas Geschichte aus dem vielleicht besten Marvel-Kinofilm „Black Panther“. Und erfährt nun in „What if …?“, dass der gern palastflüchtige Thronerbe eines Nachts von einem Raumschiff entführt wurde. Die sympathisch-ganovenhaften Ravagers, unter Führung des blauhäutigen Space-Punks Yondu Undonta haben T’Challa geschnappt statt Peter Quill. Dummes Versehen.

So wird eben T’Challa der Star Lord mit Robin-Hood-Nimbus („stiehlt von den Mächtigen, gibt den Machtlosen“), der das MCU in bislang zwei „Guardians of the Galaxy“-Filmen bestens unterhielt. Keine Frage, dass besonders in dieser Episode, in der es um den Diebstahl von „Sonnenglut“ geht – einer tote Planeten im Handumdrehen revitalisierenden Substanz – und in der sich auch Marvel-Kultfiguren wie Thanos, seine Adoptivtochter Nebula oder der grausame Collector einfinden, der Humor eine nicht unerhebliche Rolle spielt. In der alternativen Storyline heißt das Raumschiff Star Lords freilich nicht mehr „Milano“ sondern „Mandela“, nach dem südafrikanischen Anti-Apartheids-Kämpfer, der erst Freiheitsikone, dann Präsident des Landes wurde.

Bei der Ausgestaltung der animierten Figuren hat man sich an die Schauspieler der Marvel-Filme gehalten. T’Challa sieht aus wie der verstorbene Chadwick Boseman (dem die zweite Episode gewidmet ist), Yondu wie Michael Rooker, Thanos wie Josh Brolin und Steve Rogers trägt ganz klar die Züge von Chris Evans.

Das ist mehr als eine Erinnerung der Fans daran, sich doch die Filme auch noch ein weiteres Mal anzusehen. Showrunnerin und Haupt­schreiberin A. C. Bradley hat betont, dass „What if …?“ nicht nur ein netter Zeitvertreib für Fans mit zu viel davon ist, sondern kanonischer Bestandteil des MCU. Man erinnert sich an „Loki“, als das Multiversum quasi auf das MCU losgelassen wird. So könnte „What if …?“ die Einführung in die Gegenwelten sein, die Vorbereitung eines neuen MCU-Kapitels der unbegrenzten Möglichkeiten.

Als dann in der Vorschau auf die dritte Episode eine Spiderman-Story angekündigt wird, sind wir „am Haken eines Gefühls“, dass uns diese Serie ähnlich in Bann schlagen könnte wie zuvor die Real-Life-Serien „Loki“ und „WandaVision“.

„What if ...?“, neun Episoden, Animationsserie von A. C. Bradley (bereits streambar bei Disney+, jeden Mittwoch ab 9 Uhr eine neue Episode)

Von Matthias Halbig/RND

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