Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel moderieren ihre neue wöchentliche Magazinsendung. Quelle: Felix Hörhager/dpa

Qualitätsoffensive bei RTL und Pro Sieben: Es läuft noch schleppend

Köln/Unterföhring. So viel sei schon einmal festgehalten: Mit ihrer journalistischen Qualitätsoffensive meinen es RTL und Pro Sieben offenbar verdammt ernst.

Beim Kölner Privatsender flimmert nun bereits seit über einem Monat das Nachrichtenjournal „RTL Direkt“ über die Bildschirme – für die Sendung hatte man im Sommer mit großem Medientamtam die Moderatoren Jan Hofer und Pinar Atalay, die vorher bei der ARD tätig waren, eingekauft. Bei Pro Sieben lief am Montagabend die inzwischen zweite Sendung des neuen Nachrichtenmagazins von Ex-Tagesschausprecherin Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel.

Auch beim TV-Triell mischten RTL und Pro Sieben traditionell mit – in diesem Jahr aber so sehr, dass sie den öffentlich-rechtlichen Anstalten zeitweise die Show stahlen. Während sich das ARD/ZDF-Duo Maybrit Illner und Oliver Köhr in einem unharmonischen Moderations-Hick-Hack verzettelte, führten Pinar Atalay und Peter Klöppel (RTL) sowie Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch (Pro Sieben Sat.1) deutlich souveräner und zeitweise überraschend anders durch ihre Sendungen.

Es lohnt sich also ein näherer Blick auf die journalistische Qualitätsoffensive der Privatsender. Was machen die da eigentlich genau? Wie läuft es? Und hat diese Neuausrichtung tatsächlich eine Zukunft?

Die Inhalte

Schaut man sich die neuen journalistischen Formate der Privaten genauer an, so fällt auf: Große Innovationen im Nachrichtenjournalismus sind da bislang noch nicht zu sehen. Wenn Linda Zervakis im TV-Triell ein Mickymausheft auspackt, um auf die Bedeutung des Klimawandels vor 30 Jahren zu verweisen, dann ist das vielleicht ein erfrischender Fernsehmoment – aber auch nicht die Art von Innovation, die man sich vielleicht erhofft hatte.

Tatsächlich ist Zervakis’ neue Magazinsendung „Zervakis & Opdenhövel. Live“ bislang völlig frei von solchen Überraschungsmomenten. Zusammen mit Matthias Opdenhövel präsentiert die Ex-Tagesschausprecherin neuerdings jeden Montag eine ganz solide Magazinsendung – also das, was etwa „Stern TV“ bei der Konkurrenz RTL seit mehr als 30 Jahren auch schon macht. Das Moderatorenduo führt mit Witz und Charme durch die Sendung – Profis eben. Und man hat auch hochkarätige Gäste im Studio, wie etwa Gesundheitsminister Jens Spahn in der zweiten Sendung.

Was jedoch völlig fehlt, sind die eigenen Akzente. Wer die neue Montagssendung bei Pro Sieben schaut, hat vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas dazugelernt – er verpasst aber auch nicht viel, wenn er es einfach sein lässt.

Bei „RTL Direkt“, dem neuen Hoffnungsträger für mehr Seriosität bei der Kölner Konkurrenz, ist das ganz ähnlich. Ex-Tagesschausprecher Jan Hofer moderiert sich durch die Themen des Tages, über die auch sonst alle berichten. Und er empfängt Studiogäste, die über Dinge reden, über die auch vorher schon alle anderen geredet haben. Eine aufrüttelnde Reportage? Ein Gespräch, über das der RTL-Zuschauer noch am Frühstückstisch diskutiert (oder zumindest abends in den sozialen Medien)? Bislang Fehlanzeige.

Immerhin: Eine gewisse Abwechslung zu den Magazinsendungen der öffentlich-rechtlichen Sender sind die neuen Formate schon. Denn sie folgen – im Gegensatz zu ARD und ZDF – der alten Schule des Privatfernsehens, deren oberste Regel lautet: Einzelschicksale, Einzelschicksale, Einzelschicksale. Themen werden so heruntergebrochen, dass es auch den Letzten noch irgendwie vom Sofa holt, der sich nach Feierabend nur ein bisschen vom Fernseher berieseln lassen will.

Bei Pro Sieben und RTL braucht es in jeder Geschichte immer die alleinerziehende Mutter, den am Boden zerstörten Malermeister und – wenn sich nichts davon finden lässt – irgendeinen gestressten Familienvater, der bei einer Straßenumfrage ins Mikrofon spricht. Nicht zu kompliziert, Probleme immer an Menschen erklärt. Zu beobachten war das ganz gut auch beim Kanzlertriell am Sonntagabend bei Pro Sieben, in dem zahlreiche solcher Einspieler gezeigt wurden.

Wenn „Zervakis & Opdenhövel. Live“ etwa über Afghanistan berichtet, dann hält man sich nicht lange mit dem politischen Drumherum auf. Man holt eine Popsängerin ins Studio, die aus ihrem Land vor den Taliban flüchten musste. Wenn „RTL Direkt“ über die Impfproblematik berichtet, dann erklärt ein zweifacher Vater, wie belastend die neue 2G-Regel für die Familie ist.

Böse formuliert könnte man sagen, die Sender trauen ihrem Publikum offenbar nicht allzu viel zu – man will die Zuschauerin und den Zuschauer nicht überfordern. Tatsächlich ist dieses Stilmittel jedoch eines, das wohl schon seit jeher im Handbuch eines jeden Privatfernsehen-Journalisten steht – und offenbar will man auch im Jahr 2021 von diesem Konzept nicht abrücken. Aber reicht das auch für die angestrebte Neuausrichtung?

Die Quoten

Mit Blick auf die Einschaltquoten muss man festhalten: Nein, bislang leider nicht. Die Auftaktausgabe von „Zervakis & Opdenhövel. Live“ erreichte vor einer Woche nur 470.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, das ist ein Marktanteil von gerade einmal 4,6 Prozent. Bei der zweiten Ausgabe am Montag sah es noch schlechter aus: Nur 450.000 Zuschauerinnen und Zuschauer konnten sich für die Sendung begeistern, der Marktanteil lag bei gerade mal 4,1 Prozent. Zum Vergleich: Das ZDF-Drama „Auf dünnem Eis“ sahen zur gleichen Zeit mehr als vier Millionen Zuschauer, „Wer wird Millionär“ schauten 3,45 Millionen.

Bei „RTL Direkt“ läuft es ein bisschen besser, wenn auch nicht gerade berauschend. Nach einer soliden Auftaktsendung im August (1,87 Millionen, 9,1 Prozent Marktanteil) gingen auch bei „RTL Direkt“ die Quoten in den Sinkflug über. Am 19. August schalteten erstmals weniger als eine Million Zuschauer das Magazin ein, der Marktanteil lag bei nur 4,4 Prozent. Gelegentlich werden die Einschaltquoten immerhin durch ein starkes Vorprogramm beflügelt. Das „Team Wallraff“ bescherte „RTL Direkt“ beispielsweise am 9. September einen Marktanteil von starken 15,9 Prozent. Von so einem Vorprogramm kann „Zervakis & Opdenhövel. Live“ in der Primetime nicht profitieren.

Angesichts der durchwachsenen Einschaltquoten werden die Privatsender nun vor allem eines brauchen: einen langen Atem. Einen solchen hätten sich alle Beteiligten bei Pro Sieben im Vorfeld auch versprochen, wie Moderator Matthias Opdenhövel kürzlich dem Medienmagazin „DWDL.de“ sagte.

„Wir gehen erst mal total optimistisch rein – mit der Hoffnung, dass die Menschen eine Sendung wie diese sehen wollen“, so der 51-Jährige. „Alle Beteiligten haben sich gegenseitig versprochen, einen langen Atem zu haben. Da kann man nicht nach ein paar Wochen einen Strich drunter ziehen und sagen: Das war’s. Die Sendung wird sich wöchentlich weiterentwickeln, und die Zeit dafür haben wir.“

Bei RTL ist die Stimmung offenbar ähnlich. Hier bezeichnete man die neue Sendung „RTL Direkt“ im Vorfeld als „Marathonlauf“ – die Entwicklung brauche also Zeit.

Die Reaktionen

Doch wie blickt die Branche auf die neuen journalistischen Gehversuche der Privaten? Zumindest im Medienjournalismus der Zeitungen des Landes waren zum Auftakt der ersten Magazinsendungen nicht gerade Begeisterungsstürme zu lesen, stellenweise stattdessen vernichtende Urteile. Als „Verloren im Nachrichten-Kuddelmuddel“ bezeichnete etwa die „Augsburger Allgemeine“ Jan Hofers Einsatz bei „RTL Direkt“, für den „Spiegel“ wirkt die Sendung eher wie „eine Quizshow“ als wie ein Nachrichtenmagazin.

Bei „Zervakis & Opdenhövel. Live“ stellt RND-Autor Jan Freitag noch viel „Luft nach oben“ fest, die „Süddeutsche Zeitung“ fand sie aber immerhin „mutig“.

Medienmacher Kai Blasberg, einst Chef beim Spatensender Tele 5, kritisierte „Zervakis & Opdenhövel. Live“ in seinem Podcast „Zwei Herren mit Hund“: „Eine Magazinsendung im Jahr 2021, die aussieht wie im Jahr 1999, hat keinen Platz im deutschen Fernsehen, weil alle Themen, die dort besprochen werden, jeder schon mehrfach hatte.“ Das Duo vor der Kamera sei zu wenig positioniert. „Das gesamte Konzept kann nicht funktionieren, weil es keine große Relevanz aufweist.“

Was der Sendung fehle, sei Innovation: „Die muss jetzt kommen“, so Blasberg. Es gehe nun darum, eine Lücke zu finden. Dann könne das Format auch erfolgreich werden. Gleichzeitig betete der Medienmacher eindringlich, Pro Sieben dürfe die neue Magazinsendung „um Himmels Willen nicht einstellen“. Sein Rat: „Das muss jetzt drei Jahre so laufen. Schaltet die Quotenmesser einfach aus.“

Und jetzt?

Tatsächlich könnte Blasberg mit seinem Rat recht haben. Eine Sendung, über die am nächsten Tag niemand spricht, ist eine Sendung, die niemand braucht. Und gerade die Privatsender hätten eigentlich das Potenzial, Relevantes zu produzieren und immer wieder Überraschungsmomente zu liefern.

Die Innovation findet ja auch sonst immer mal wieder Platz im Programm. Zum Beispiel mithilfe von Florida Entertainment, der Produktionsfirma von Joko und Klaas, die auch für die stundenlange und vielfach ausgezeichnete Pflegereportage bei Pro Sieben zuständig war.

Oder durch Köpfe wie etwa Thilo Mischke, der im vergangenen Jahr mit einer Reportage über Rechtsextremismus für Aufsehen gesorgt hatte. Oder auch Figuren wie Jenke von Wilmsdorff, der sich vor der Kamera für nichts zu schade ist, sorgen immer wieder für Überraschungsmomente. In der neuen Magazinsendung am Montagabend ist weder von diesen Köpfen noch von ihren Ideen etwas zu sehen – eine vertane Chance.

Auch bei „RTL Direkt“ hätte man vieles anders machen können. Stattdessen verharrt RTL bei Altbewährtem: den Zuschauer und die Zuschauerin bloß nicht mit dem eigenen Programm überfordern.

Genau davon werden sich die Privatsender jedoch lösen müssen, wenn sie es mit ihrer Qualitätsoffensive wirklich ernst meinen. Nein, es braucht kein neues „Monitor“ und kein neues „Panorama“ bei RTL oder Pro Sieben. Kein Mensch erwartet bei einem Privatsender knallharten Politikjournalismus. Aber auch mit den Mitteln des Privatfernsehens lässt sich journalistisch relevantes Fernsehen machen. Mit anderen, frischeren Akzenten als bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Die neu entdeckte Qualitätsoffensive hat man sich übrigens nur deshalb auferlegt, um auch in Zukunft neben Streaminganbietern und der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz relevant zu bleiben. Damit das gelingt, braucht es aber erst mal einen wichtigen Schritt: ein relevantes Programm.

Von Matthias Schwarzer/RND