Streaminganbieter wie Apple TV+ oder Disney+ sägen am Trend des Binge-Watchings. Sie veröffentlichen neue Serienepisoden lieber wöchentlich als auf einen Schlag. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

Das Ende des Binge-Watchings? Warum so viele Serien wöchentlich erscheinen statt auf einen Schlag

Hannover. Es ist wahrscheinlich einer der größten Glaubenskriege unter Streaminganbietern, Serienmacherinnen und -machern und vielleicht auch unter Serienfans: Sollte eine Serie besser sofort komplett am Stück verfügbar sein? Oder ist es nicht viel geschickter, Fans über Wochen, wenn nicht gar Monate, bei Laune zu halten und auf eine wöchentliche Veröffentlichung der einzelnen Episoden zu setzen?

Tatsächlich lässt sich – zumindest gefühlt – in letzter Zeit ein Trend beobachten: Immer mehr Streaminganbieter entscheiden sich offenbar für das klassische, wöchentliche Releasemodell und sagen damit dem über Jahre antrainierten Binge-Watching den Kampf an. Zahlreiche Produktionen, etwa die Erfolgsserie „The Morning Show“ (Apple TV+) oder „Loki“ (Disney+), werden dem Serienfan nicht mehr auf einen Schlag nach Hause geliefert – stattdessen muss er wöchentlich auf neue Episoden warten. Warum ist das eigentlich so?

Auf die Lindenstraße musste man warten

Zugegeben: Bis vor ein paar Jahren gab es eine Diskussion wie diese noch gar nicht. Serien liefen klassischerweise nicht bei Streamingdiensten, sondern linear im Fernsehen – und eine wöchentliche Ausstrahlung war gar nicht zu vermeiden.

Wer mit einem Cliffhanger zurückgelassen wurde, musste zwangsläufig eine ganze Woche warten, um die Geschichte weiterverfolgen zu können – das galt für US-Produktionen wie „Friends“ gleichermaßen wie für die „Lindenstraße“.

Heute ist das anders. Schon in den 2000er-Jahren begannen erste TV-Sender, größere Sendeplätze für einzelne Serien freizuräumen. Pro Sieben etwa zeigte irgendwann statt einer Folge „Two and a Half Men“ auch mal zwei oder drei oder vier am Stück. RTL 2 veranstaltete zuletzt sogar mehrmals ganze Marathonnächte zur Erfolgsserie „The Walking Dead“. Und natürlich kauften sich auch echte Serienfreaks schon lange vor dem Streamingzeitalter ganze DVD-Boxen ihrer Lieblingsproduktionen, um ganze Nächte vor dem Fernseher zu verbringen.

Als Netflix das Binge-Watching erfand

Die endgültige Abkehr vom wöchentlichen Releaserhythmus trieb allerdings Netflix voran – ab 2013 um genau zu sein. Seinerzeit begann der Streaminganbieter als einer der ersten, auch eigene Inhalte zu produzieren. Fortan war man nicht mehr auf eine wöchentliche Ausstrahlungsweise angewiesen und beglückte Fans stattdessen mit einem riesigen Berg neuer Serienproduktionen, von denen alle Folgen auf einen Schlag verfügbar waren – von „House of Cards“ bis „Orange is the New Black“.

Diese neuen Möglichkeiten führten nicht nur zu dem Phänomen, das wir heute als Binge-Watching (frei übersetzt: Koma-Glotzen) bezeichnen – es verhalf auch der ein oder anderen Serienproduktion zu einem Überraschungserfolg. Etwa als an einem Sommertag im Jahr 2016 plötzlich die Mysteryserie „Stranger Things“ auf Netflix auftauchte, Zigtausende Zuschauerinnen und Zuschauer verzückte und dann über Tage hinweg einen riesigen Hype auslöste.

Doch auch wenn Netflix mit dem Binge-Watching eine Trendwende eingeleitet hat – tot ist der wöchentliche Erscheinungsrhythmus von Serien keinesfalls, das zeigen die aktuellen Beispiele. Insbesondere die vergleichsweise jungen Netflix-Konkurrenten Apple TV+ und Disney+ setzen immer wieder auf das wöchentliche Releasemodell, auch bei Amazon Prime Video ist das zu beobachten.

Die Bedeutung der TV-Sender bleibt

Ein Grund für diese Variante ist zunächst einmal ein ganz rationaler. Denn auch wenn es inzwischen große Streamingdienste gibt, so werden viele Erfolgsserien noch immer von großen TV-Kanälen produziert – und die strahlen klassischerweise im Wochenrhythmus aus.

Das prominenteste Beispiel ist wahrscheinlich die Erfolgsserie „Game of Thrones“, die stets an die wöchentliche TV-Ausstrahlung des US-Kabelsenders HBO gekoppelt war und demnach auch im wöchentlichen Rhythmus erschien. Auch der „Breaking Bad“-Ableger „Better Call Saul“ erschien beim deutschen Netflix nur deshalb wöchentlich, weil man die TV-Ausstrahlung des US-Kabelsenders AMC abwarten musste. Bei „Riverdale“ war der TV-Sender The CW involviert – auch hier müssen Fans bei Netflix wöchentlich auf neue Folgen warten.

Doch nicht immer gilt das TV-Argument. Zahlreiche Streamingdienste setzen auch bei Eigenproduktionen auf das wöchentliche Modell. In Deutschland ist das zum Beispiel auch die ProSiebenSat.1-Marke Joyn mit ihrer Serie „Jerks“ – und das, obwohl die Serie exklusiv für den Streamingdienst produziert wird und die TV-Ausstrahlung bei Pro Sieben erst sehr viel später geplant ist.

Ein großes Geheimnis

Warum man sich bei „Jerks“ für dieses Modell entschieden hat, lässt sich schwer herausfinden. Die Pressestelle von Joyn antwortet auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland gar nicht (*siehe Update unten) – und auch andere Streamingdienste machen ein Geheimnis daraus, warum sie sich für die eine oder für die andere Strategie entscheiden. Es liegt aber nahe, dass die Abonnentenbindung eine Rolle bei dieser Entscheidung spielen dürfte.

Denn eines liegt auf der Hand: Durch den wöchentlichen Erscheinungsrhythmus hält man Abonnentinnen und Abonnenten länger bei der Stange. Wer wöchentlich auf eine neue Episode wartet, wird in dieser Zeit auch sein Abo wahrscheinlich nicht kündigen. Wer in einer Nacht alle Episoden einer Serie durchschauen kann, ist danach vielleicht auch ganz schnell wieder weg und wandert schlimmstenfalls zum nächsten Streamingdienst.

Ebenso dürfte die wöchentliche Erscheinungsweise Streamingdiensten helfen, eine Serie überhaupt erst bekannt zu machen. Eine bis dato unbekannte Produktion bleibt auf diese Weise bestenfalls über Wochen wenn nicht gar Monate im Gespräch. Die Hulu-SerieThe Handmaid‘s Tale“ beispielsweise könnte gerade wegen ihrer wöchentliche Erscheinungsweise in den USA so erfolgreich geworden sein. Wird eine solche Show auf einen Schlag veröffentlicht, entsteht vielleicht ein kurzer Hype – nach einigen Tagen oder Wochen ist dieser dann aber auch wieder vorbei. Und schlimmstenfalls wird gar nicht über sie gesprochen.

Auch der Inhalt spielt eine Rolle

Und letztendlich kann es natürlich auch inhaltliche Gründe haben, Serienfans Woche für Woche warten zu lassen. Es gibt Serien, die sich perfekt zum „bingen“ eignen. Langsame Erzählungen wie „House of Cards“ zum Beispiel. Und dann gibt es wiederum Serien, in denen Folge für Folge so viel passiert, dass eine Woche Pause zwischen den Episoden sogar ganz guttun kann.

In Foren und Blogs streiten Serienfans leidenschaftlich über diese Frage. Ein Autor des „Pop Culture Studio“ beispielsweise hält die Marvel-Serie „Loki“ (Disney+) in seinem Text für die perfekte Produktion, um sie wöchentlich zu genießen – und nicht als Binge-Watching-Event. Sein Argument: Die Serie spielt mit der Vorfreude des Publikums auf die nächste Folge – mehr als Serien, die eher zum „Bingen“ konzipiert wurden. Zwischen den Episoden entstünden heiße Diskussionen unter Freunden oder in den sozialen Medien, in welche Richtung die Geschichte wohl als Nächstes geht. Würde man die Show in „halsbrecherischer Geschwindigkeit sehen“, so der Autor, habe man „einfach nicht die Zeit (oder die Notwendigkeit), das zu analysieren“.

Bei „Loki“ gehe es letztendlich um viel mehr als nur darum, Abonnentinnen und Abonnenten bei der Stange zu halten. Es gehe darum, Serienfans „mehr Zeit zu geben, diese Shows zu schätzen, und zu verhindern, dass sie sich in der Inhaltsflut verlieren, die die heutige TV-Landschaft prägt“, glaubt der Autor.

Netflix will sich nicht verändern

Der bisherige Platzhirsch Netflix will sich von all diesen Theorien bislang allerdings nicht so richtig beeindrucken lassen. Schon 2015 stellte der Streamingdienst in einer eigens durchgeführten Untersuchung fest, dass Zuschauerinnen und Zuschauer nur selten eine Serie lieben lernen, wenn sie nur den Piloten sehen und dann eine Woche warten müssen. Häufig brauche es zwei, drei, manchmal sogar acht Folgen, um in die Geschichte reinzukommen – also entschied man sich vorrangig für das „All you can binge“-Modell.

Einen kurzen Aufschrei gab es allerdings im Herbst 2019, als Netflix die Backwettbewerbsserie „The Great British Baking Show“ und die Hip-Hop-Castingshow „Rhythm + Flow“ veröffentlichte. Hier setzte man dann plötzlich doch auf die wöchentliche Erscheinungsweise – wobei es sich bei den Sendungen um keine Serienproduktionen, sondern eher klassische TV-Shows handelt. Unmissverständlich machte der Streamingdienst allerdings später deutlich: Bei diesen Formaten handele es such um Ausnahmen. „We‘re not changing“, schrieben die Verantwortlichen als Antwort auf einen Kommentar bei Twitter – „wir werden uns nicht verändern“.

Ob eine Serie wöchentlich oder auf einen Schlag erscheint, ist also nicht immer nur eine Frage des Geldes – oder eine Frage des Ausspielweges. Es ist auch eine Haltungsfrage. Und das Schöne für alle Binge-Watching-Fans: Egal, ob ein Streaminganbeiter das eine oder andere Modell bevorzugt – irgendwann ist eine Serie auch immer komplett verfügbar. Man muss nur vielleicht ein bisschen länger darauf warten.

*Update, 29. September 2021: Inzwischen hat der Streamingdienst Joyn auf die Anfrage des RND geantwortet. Demnach gibt es neben den im Text genannten Gründen auch noch „lizenzrechtliche Vorgaben unserer Content-Partner“, die den Streamingdienst zum wöchentlichen Ausstrahlungsmodus verpflichten. Bei Eigenformaten gehe es vor allem um „ein optimales Streaming-Erlebnis“, wie Joyn schreibt. Neuen, unbekannten Formaten gelinge es „oft leichter ein Publikum im Binge-Modus für sich zu gewinnen. Bei besonders beliebten Formaten hingegen versuchen wir einen Spannungsbogen aufzubauen und die Zuschauer*innen somit Woche für Woche mitfiebern zu lassen“, so eine Joyn-Sprecherin.

Von Matthias Schwarzer/RND

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