Gendern als Studienthema: Was weiß die Wissenschaft bislang über die Sprachform? Quelle: picture alliance / ZB

Sternchen, Doppelpunkt und Co.: die große Debatte um das Gendern

Das Thema Gendern ist in Deutschland zu einer hochemotionalen Debatte geworden. Gegner sprechen sogar von einer „Vergewaltigung der Sprache“. Worum geht es bei den Diskussionen?

Das generische Maskulin

In Deutschland wird das generische Maskulinum benutzt. Gemeint ist damit der Definition nach die Verwendung eines maskulinen Wortes für alle Geschlechter. Das Problem: Bei der Verwendung des generischen Maskulinums wird nicht klar, ob eine weibliche oder männliche Person gemeint ist.

Beim Gendern geht es darum, verschiedene Geschlechter in der Sprache zu repräsentieren. Dies kann auf verschiedene Weisen umgesetzt werden. Eine Möglichkeit ist, die männliche und weibliche Form zu nennen – die sogenannte Feminisierung. Bei der Neutralisierung werden geschlechtsneutrale Formen, wie zum Beispiel Studierende, verwendet. Eine neuere Form ist das Genderzeichen.

Hier wird zwischen Wortstamm und weiblicher Endung ein Sternchen oder Doppelpunkt gesetzt (zum Beispiel Student:innen), bei der Aussprache wird dies durch eine gesprochene Pause symbolisiert. Der Stern beziehungsweise der Doppelpunkt gilt als Platzhalter für alle, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Da diese Form des Genderns noch nicht sehr lange genutzt wird, gibt es kaum wissenschaftliche Befunde. In den genannten Studien geht es daher insbesondere um die Formen der Feminisierung oder Neutralisierung.

Wie machen es andere?

Existiert dieses Problem also nur in Deutschland? Nein. Auch in anderen Sprachen gibt es die Debatte um geschlechtsneutrale Sprache – mit jeweils anderen Voraussetzungen.

Im Japanischen gibt es kein grammatikalisches Geschlecht. Das Geschlecht wird in vielen Fällen durch Voranstellen oder Anhängen der Schriftzeichen für Mann (otoko, dan-) oder Frau (onna, jo-) angezeigt. Trotzdem gibt es auch hier eine Gender­problematik. Denn das vermeintlich neutrale Geschlecht wird vor allem für männliche Personen genutzt und auch beim Lesen so verstanden. Wird eine Frau gemeint, wird diese in vielen Fällen explizit mit einem weiblichen Wort bezeichnet – zum Beispiel bei Ärzten und Ärztinnen (Isha und Joi).

Im Spanischen gibt es entweder die männliche oder die weibliche Form – ein neutrales Pronomen existiert nicht. Die Debatte ist hier ähnlich wie in Deutschland. Im Fokus stehen aber vor allem Berufsbezeichnungen. Spanierinnen fordern eigene Begriffe, wie zum Beispiel „la jefa“ für die Chefin. Um sich geschlechtergerecht auszudrücken, wird entweder die Feminisierung verwendet oder im Plural die Endung „-es“ angehängt (statt „-os“ für männlich und „-as“ für weiblich).

Da die englische Sprache kaum unterschiedliche Endungen für die Geschlechter kennt, sind die meisten Bezeichnungen geschlechtsneutral, so zum Beispiel „teacher“ für Lehrer und Lehrerin. Will man bei einem bestimmten Thema deutlich machen, dass es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, muss „male“ oder „female“ davor stehen. Im Englischen ist der geschlechtsneutrale Sprachgebrauch zumindest in formalen Kontexten sehr gebräuchlich. Allerdings gibt es auch noch vereinzelte geschlechtsspezifische Berufsbezeichnungen wie „stewardess“ oder „policeman“. Diese werden zunehmend ersetzt durch „flight attendant“ oder „police officer“. Die geschlechtsneutrale Ansprache von Gruppen und die Bezeichnung für nonbinäre Menschen wird durch die Ansprache „they“ gelöst.

Weg mit dem Geschlecht?

Noch ein Stück weiter sind die Schweden. Dort wird seit einigen Jahren bereits das geschlechtsneutrale Pronomen „Hen“ verwendet. „Hen“ bezieht sich auf ein Individuum, ohne das Geschlecht dabei festzulegen. In einer Studie zeigte sich, dass Probandinnen und Probanden nach dem Verwenden des neutrale Pronomens offener gegenüber Frauen und der LGBTQIA-Community eingestellt waren. 2015 wurde es in das Wörterbuch der Schwedischen Akademie aufgenommen, das Äquivalent zum deutschen Duden. Noch einfacher ist es sogar in Finnland: Dort gibt es sowieso bloß ein Personalpronomen: „hän“.

Auch im Deutschen gibt es neutrale Pronomen, wie zum Beispiel „xier“. Diese tauchen im alltäglichen Sprachgebrauch bislang eher selten auf. Eine weitere Form der geschlechtslosen Sprache ist das „Entgendern nach Phettberg“. Statt einer männlichen oder weiblichen Form wird ein „y“ an den Wortstamm angehängt. Vorbild für diese Sprech- und Schreibart ist der österreichische Schauspieler, Aktionskünstler, Schriftsteller und Talkshowmoderator Hermes Phettberg. Er verwendet bereits seit vielen Jahren diese besondere Form der Sprache: Er nennt seine Leserschaft „Lesys“.

Männliches Bild im Kopf

Studien zeigen, dass sich Menschen beim Lesen des generischen Maskulinums vor allem Männer vorstellen. Bereits 2001 erforschten zwei Wissenschaftlerinnen der Uni Kiel und der Uni Mannheim den Effekt der Nennung von beiden Geschlechtern in Fragen. Das Ergebnis: Wurde in der Frage von Musikerinnen und Musikern gesprochen, nannten die Versuchspersonen deutlich mehr Frauen, als bei der Frage nach Musikern. Das generische Maskulinum hatte in den Köpfen der Befragten eine männliche Bedeutung. Die Vorstellung von Weiblichkeit sei bei dieser Form eher untypisch. Derselbe Effekt zeigte sich bei der Nennung von Politikerinnen und Politikern.

Aktuellere Studien maßen die Reaktionszeit der Probandinnen und Probanden. Diesen wurden Sätze präsentiert, in denen eine Gruppe von Personen als weiblich oder männlich eingeleitet wurde. Der Satz wurde dann in Bezug auf das Geschlecht inkongruent fortgesetzt. Die Sätze „Die Studenten gingen zur Mensa, weil manche der Frauen Hunger hatten“ und „Die Studentinnen gingen zur Mensa, weil manche der Männer Hunger hatten“ führten zu Irritationen – und somit zu der längsten Reaktionszeit. Das zeige laut Studie, dass maskuline Formen ungeeignet seien, um Geschlechter gleichermaßen zu repräsentieren.

Eine Onlinestudie aus dem Jahr 2018 stellte fest, dass bereits das Lesen eines kurzen Textes in geschlechtergerechter Sprache diese vorwiegend männliche Vorstellung im Kopf verändert und Geschlechtsstereotypen reduziert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie lasen einen Wissenstest – entweder gegendert oder im generischen Maskulinum. Danach mussten sie das Rätsel eines „Spezialisten“ lösen. 44 Prozent der Probandinnen und Probanden nahmen nach dem gegenderten Text an, dass der Spezialist eine Frau sei. Bei der Verwendung des generischen Maskulinums waren es lediglich 33 Prozent.

Im selben Jahr wurde eine Studie veröffentlicht, die den Effekt der Neutralisierung und der Feminisierung miteinander verglich. Das Ergebnis: Die Neutralisierung machte Geschlechtsstereotypen weniger sichtbar. Um diese aber zu korrigieren oder zu beheben, sei der Einsatz von Feminisierung sinnvoller.

Durch das generische Maskulinum entstehen also vor allem männliche Bilder im Kopf. Diese können durch den Einsatz von geschlechtergerechter Sprache reduziert werden.

Mehr weibliche Bewerberinnen

Untersucht wurde auch der Einsatz von Gendersprache bei Jobanzeigen. Es stellte sich heraus, dass sich sowohl Männer als auch Frauen eher auf eine Führungsposition bewarben, wenn in der Jobanzeige gegendert wurde. Außerdem war auch die Wahrscheinlichkeit, den Job zu bekommen, für beide gleich hoch sowie die Wahrnehmung der Firma in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit positiver.

Übrigens: Stellenanzeigen müssen mittlerweile geschlechtergerecht gekennzeichnet sein. Seit Ende 2018 können Menschen in Deutschland auch den Eintrag „divers“ im Geburtenregister wählen. Paragraf 11 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) schreibt deshalb vor, dass Stellen geschlechtsneutral ausgeschrieben werden müssen – zum Beispiel durch den Zusatz (m/w/d).

Kinder trauen sich mehr zu

In einer Studie aus dem Jahr 2015 wurde ein Experiment mit fast 600 Grundschulkindern durchgeführt. Dabei wurden ihnen Berufe entweder in der männlichen und weiblichen Form oder im generischen Maskulinum vorgelegt. Mädchen trauten sich eher traditionell männliche Berufe zu, wenn die Berufsbezeichnung gegendert wurde. Ebenso wählten Jungen häufiger stereotype „Frauenberufe“, wenn gegendert wurde. Problematisch war jedoch, dass die gegenderten Berufe gleichzeitig als einfacher und schlechter bezahlt wahrgenommen wurden – entsprechend den klassischen Geschlechtsstereotypen.

Diesen Effekt bestätigten auch andere Studien. Die Nennung beider Geschlechter reduzierte eine männerdominierten Vorstellung und erhöhte die Sichtbarkeit von Frauen, gleichzeitig verringerte sie die geschätzten Gehälter für die jeweiligen Berufe. Mehr Menschen trauten sich somit geschlechteruntypische Berufe zu – werten diese aber gleichzeitig ab.

Gendern im mündlichen Sprachgebrauch

Das Gendern in der mündlichen Sprache ist bisher noch nicht ausreichend untersucht worden. In einer Pilotstudie wurde die Akzeptanz gegenderter Sprache anhand von Hörbeispielen getestet. Die Neutralisierung und die Feminisierung wurde dabei am am positivsten bewertet. Vor allem die Neutralisierung wurde im Anschluss auch praktisch umgesetzt. Im Hinblick auf die Beurteilung des generischen Maskulinums in der gesprochenen Sprache zeigten sich deutliche Geschlechterunterschiede: Während ein Großteil der Männer das generische Maskulin als passender für Personenbezeichnungen in der Mündlichkeit beurteilt, bevorzugten die Frauen die gegenderten Formen.

Kritik am Gendern

Eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr zeigte: Wenn es um die Verwendung von genderneutraler Sprache in den Medien und der Öffentlichkeit geht, bestehen bei den Deutschen deutliche Vorbehalte. Mehr als die Hälfte der etwa 1000 Befragten lehnte deren Verwendung ab. Warum – wenn die Wissenschaft doch dafür spricht? Mit der gendergerechten Sprache wird eine Anpassung und Veränderung der bislang gewohnten Sprache gefordert. Für viele ist dies zunächst mühsam und irritierend, manche empfinden es als Eingriff in die künstlerische Freiheit.

Kritisiert wird auch, dass die Verständlichkeit des Satzes darunter leide. Studien zeigten jedoch, dass weder die Textqualität noch die Lesbarkeit, die sprachliche Ästhetik oder die beanspruchte kognitive Kapazität darunter leide.

Dennoch bleibt die Frage nach der Praktikabilität. Bei der Feminisierung, also der Nennung der männlichen und weiblichen Form, wird der Satz sehr viel länger. Gegnerinnen und Gegner der gendergerechten Sprache führen den Wissenschafts­kommunikator Jean Luc Dumont an. Er vertritt, dass Kommunikation nie neutral, sondern immer entweder Signal oder Rauschen sei. Ein guter Text enthält laut Dumont keine Füllwörter und keine Ablenkung von den eigentlichen Inhalten, also dem Signal. Die Information zum Geschlecht einer Person sei irrelevant für die eigentliche Information und sollte demnach reduziert und nicht doppelt genannt werden.

Die Einstellung zum Gendern hängt erwiesenermaßen auch mit der Einstellung gegenüber Geschlechterrollen zusammen. Studien stellten fest, dass Menschen mit einer konservativen politischen Einstellung weniger offen für Neuerungen waren und sich stärker für traditionelle Geschlechterrollen einsetzten. Eine Studie der Universität Bern und der Fernuniversität Hagen zeigte, dass die Befragten mehr geschlechtergerechte Sprache nutzten, nachdem ihnen Argumente dafür vorgelegt wurden. Ihre Einstellung dem gegenüber änderte sich jedoch nicht.

Gesellschaftliche Debatte

Einige Autorinnen und Autoren kritisieren auch, dass das Gendern selbst sexistisch sei. Durch die Nennung der weiblichen Form werde diese im Vergleich zur männlichen abgewertet, und immer wieder auf den Unterschied der Geschlechter hingewiesen. Sie vertreten die These, dass Frauen im generischen Maskulinum eben nicht „mitgemeint“, sondern genauso gemeint sind. Die Theologin Dorothea Wendebourg nahm als Beispiel ein Zitat aus einer amerikanischen Zeitung: „Angela Merkel is the leading politician of the western world.“ Übersetzt wurde die Formulierung in der deutschen Presse mit „Politikerin“. Dies führe zu dem Missverständnis, dass Angela Merkel die Nummer eins unter den leitenden Politikerinnen der westlichen Welt sei – und nicht der gesamten Politiklandschaft.

Das zeigt: Beim Gendern geht es nicht nur um sprachliche Differenzen. Es ist ein ebenso gesellschaftlicher Diskurs, bei dem jeder seine eigene Vorstellung von Gleichberechtigung vertritt. Insbesondere bei der Inklusion von nicht binären Menschen (weder männlich noch weiblich) in den Sprachgebrauch ist unklar, wie groß dieser Anteil der Gesellschaft tatsächlich ist. Inwieweit man diese Minderheit nun sprachlich abbildet, ist daher ein kontroverses Thema.

Von Yvonne Schmidt/RND

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