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Polizistin Naia Thulin (Danica Curcic) in der Netflix-Serie „Der Kastanienmann“. Quelle: Netflix

Creepy in Kopenhagen: die Nordic-Noir-Serie „Der Kastanienmann“ bei Netflix

Der Prolog zur Krimiserie „Der Kastanienmann“ spielt 1987 auf einem verwitterten Bauernhof in Dänemark, einer Gruselbude mit schäbigem Mobiliar und farblosen Tapeten. Ein Ort, an dem achtlose Menschen leben, und wohin der Polizist Marius gerufen wurde, weil dem Bauern angeblich Kühe entlaufen seien.

Was er nacheinander findet: ein totes Schwein, die tote Bauersfrau, die toten Kinder des Bauern, den toten Bauern selbst und die beiden jüngeren Adoptivkinder – lebend, aber in einer Art Schockzustand. Auf einem Regal stehen zahllose Kastanienmännchen, unheimliche Kreationen, als würden ihre leeren Augen den Horror der Bluttaten betrachten. Der Beamte meldet sich in der Zentrale. Von dort bekommt er den Tipp „Raus aus dem Haus, Marius!“ Häuser sind Fallen, tja, und Marius sitzt in einer.

Kastanienmännchen neben Frauenleichen

24 Jahre später steht ein solches Kastanienmännchen auf einem Kinderspielplatz in einer Vorstadt von Kopenhagen neben einer Leiche. Die alleinerziehende Mutter Laura Kjaer wurde Opfer eines Verbrechens. Ihr fehlt eine Hand und ein Auge, was selbstverständlich obskure Hinweise des Mörders auf irgendetwas Persönliches, ihm am Herzen Liegendes sind und was den Polizisten Naia Thulin (Danica Curcic) und Marc Hess (Mikkel Boe Følsgaard) für sechs TV‑Stunden Rätsel aufgibt.

Richtig mysteriös wird die Sache, als Fingerabdrücke auf dem Kastanienmännchen gefunden werden. Sie gehören der vor Jahresfrist entführten Tochter der Ministerin Rosa Hartung (Iben Dorner). Gerade erst war die Politikerin aus der Trauerstarre erwacht, hatte Kraft gefunden, sich mit dem Tod ihres Kindes abzufinden.

Ihr Ehemann Steen (Esben Dalgaard Andersen) schöpft nun neue Hoffnung – Kristina und ihre Freundinnen hatten auf der Straße Kastanienmännchen verkauft. Sie könnte noch leben. Der Forensiker Simon Genz (David Gencik) freilich erklärt, dass derlei Spuren nichts zu sagen hätten, dass sie über Jahre weg an Kastanien haften bleiben können. Und doch: Zwei Kriminalfälle, die nichts miteinander zu tun haben dürften, verschmelzen miteinander.

Immer noch faszinierend - die Formel des Nordic Noir

Die Nordic-Noir-Formel wird in dieser dänischen Netflix-Serie ein weiteres Mal gekonnt angewandt. Gut aufgebaute, komplexe Charaktere, extrem langsames Anrollen der Geschichte. Zwei gegensätzliche Kriminaler, vom Schicksal hart geprüft der eine (Hess), von Schuldgefühlen geflutet die andere (Thulin), müssen sich zusammenraufen, um effektiv gegen die offizielle Polizeilinie arbeiten zu können. Das alles geschieht in der gewohnt düsteren Atmosphäre unter den Anthrazithimmeln des Herbstes, der Vergänglichkeitsjahreszeit, die im Dänemark dieser Serie besonders trist erscheint.

Bisherige Beweise im Entführungsfall Kristina scheinen gegenstandslos, ein überführter, inhaftierter Täter scheint unschuldig zu sein. Einige vielversprechende Spuren, manche durchaus unheimlich, führen die beiden sperrigen Helden ins Nichts. Es gibt weitere Tote, weitere Kastanienmännchen, weitere Fingerabdrücke von Kristina. „Blicken wir nach vorn“, sagt die Ministerin, deren Mann sich mehr und mehr im Gestern zu verlieren scheint. Dann wird auch noch beider Sohn entführt.

Creepy in Kopenhagen: Die Bilder der Kastanienfiguren mit ihren leeren Augenhöhlen und den grotesk geschnitzten Mündern sind so gespenstisch wie die Strohpuppen im tiefen Wald von „Blair Witch Project“. Und das Lied eines Kinderchores über die Titelfigur, die von einem bei Jungen und Mädchen willkommenen Mythenwesen zu einem Mörder geworden ist, schickt einem Schauer über den Rücken. Den geheimnisvollen Killer scheint ein pervertiertes Moralverständnis anzutreiben: Es sterben offenbar Mütter, die ihre Kinder schlecht behandeln.

Eine Geschichte von „Kommissarin Lund“-Schöpfer Søren Sveistrup

Søren Sveistrup hat die Romanvorlage geschrieben und ist auch einer der Serienschöpfer. Von ihm stammen die Drehbücher zu den drei Staffeln von „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“, dem unbestrittenen TV-Meisterwerk des Nordic Noir.

Man erinnert sich: In der ersten Staffel der Lund-Serie ging ein Mädchenmörder um, ein junger Politiker wurde während des Wahlkampfs in den Fall verwickelt, es gab viele Verdächtige, dunkle Vergangenheiten, die Untadelige in ein trübes Licht rückten. Viele Wendungen hielt dieses „Twin Peaks“ ohne Mystery-Faktor mit der fantastischen Sofie Grabøl in der Hauptrolle bereit. 1100 Minuten Atmosphäre, Atmosphäre, Atmosphäre! Wenn Fernsehen so all seine Trümpfe ausspielt, kann sich Kino hinten anstellen, dachte man damals.

Alles nicht unähnlich, aber ganz so dicht ist „Der Kastanienmann“ nicht gewoben – man hätte sich noch etwas mehr Erzählzeit gewünscht, als die sechs Episoden bieten. Und doch ist dies einer der stärksten Netflix-Serienoutputs der vergangenen Monate, deren Cliffhanger das Publikum bis zum Ende der sechsten Episode bei der Stange halten – bis der Schatten zum Showdown ins Licht tritt.

Hess und Thulin? Wenn sie am Ende der sechs Krimistunden nicht gestorben sind, geben sie ein Traumpaar ab für weitere Reisen ins skandinavische Herz der Finsternis.

„Der Kastanienmann“, sechs Episoden, von u. a. Søren Sveistrup, Dorte Warnø Høgh; Regie: Kasper Barfoed, Mikkel Serup; mit Danica Curcic, Mikkel Boe Følsgaard, Iben Dorner (bei Netflix)

Von Matthias Halbig/RND