Eine ZDF-Comedyautorin ist mit fragwürdigen Äußerungen aufgefallen. Quelle: Andreas Arnold/dpa

Antisemitismusvorwürfe gegen Comedyautorin Yasmin Ayhan: Das ZDF erklärt sich

Mainz. Die Vorwürfe wiegen schwer und sie kommen zur ungünstigsten Zeit: Nur wenige Wochen nachdem der WDR die Moderatorin Nemi El-Hassan nach Kritik von der Wissenschaftssendung „Quarks“ abgezogen hatte, bahnt sich ein neuer Antisemitismuseklat an – diesmal beim ZDF.

Wie der Sender in dieser Woche bekannt gab, soll Ende des Jahres die Influencersitcom „Barrys Barbershop“ in der Mediathek online gehen. Sie erzählt die Geschichte von Influencer Barry, der sich mit einem Barbershop eine handfeste Existenz aufbauen will. Für Aufregung sorgt nun aber nicht die Handlung der Serie, auch nicht ihre Darsteller – sondern ihr Autorenteam.

Teil dieses Teams ist nämlich die Komikerin Yasmin Ayhan. Sie stand in den vergangenen Jahren nicht nur auf allen möglichen Poetry-Slam-Bühnen des Landes, sondern auch immer wieder wegen Antisemitismusvorwürfen in der Kritik.

Antisemitische Karikatur

Ein Artikel der „Welt“ aus dieser Woche fasst die Vorwürfe zusammen: 2015 trug Ayhan bei einer Veranstaltung der Hamas-nahen Deutschen Jugend für Palästina einen Text vor, in dem sie dem israelischen Staat das Existenzrecht absprach.

In Instagram-Beiträgen bezeichnete Ayhan die Soldaten der israelischen Armee offenbar als „Terroristen“. In einem weiteren Clip erklärt die Autorin, Medien würden durch „Zionisten finanziert“. Und ebenfalls auf Instagram verbreitete sie eine antisemitische Karikatur, die einen Juden mit Hakennase zeigt. Für letzteres entschuldigte sie sich später.

Es sind nicht die einzigen Fälle dieser Art. Der Grünen-Politiker Volker Beck hatte bereits im März auf Twitter angemerkt, Ayhan könne man „nicht in einem ÖRR-Format als Teil des demokratischen Diskurses tolerieren“. Damals ging es um ein Format für den SWR. Für den Sender MTV Germany hatte Ayhan im vergangenen Jahr eine Folge der Sendung „WYKAT“ moderiert. MTV distanzierte sich später von ihr und beendete die Zusammenarbeit.

Empörung von links bis rechts

In den sozialen Netzwerken sorgt Ayhans Verpflichtung für die ZDF-Sendung entsprechend für Empörung. Zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer kommentieren die Personalie kritisch, etwa der jüdische Comedian Shahak Shapira.

Die „Bild“-Zeitung tönt „ZDF holt islamistische Autorin ins Team“ und zitiert den CSU-Bundestagsabgeordneten Florian Hahn. Die „Einstellung von Mitarbeitern mit abstoßend antisemitischen Klischees“ beim öffentlich-rechtlichen Sender sei „absolut inakzeptabel“. „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt erkennt in dem Fall bereits ein „strukturelles Problem“ beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und auch die Rechte hat das Thema längst für sich entdeckt, wenn nicht sogar intensiv befeuert. In einer Pressemeldung der AfD poltert etwa Beatrix von Storch: „Erst eine Islamistin beim WDR, jetzt auch beim ZDF Israel-Hass und Antisemitismus“. Wer sich so verhalte wie Ayhan habe „im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen“.

Ayhan solidarisiert sich mit Ofarim

Doch ist der Fall tatsächlich so heiß, wie er gekocht wird? Nun, an den Vorwürfen gegen Ayhan lässt sich nicht rütteln. Wenngleich sie auch nur eine Momentaufnahme zeigen. Immer wieder hatte sich die Komikerin auf ihren Kanälen auch gegen Antisemitismus ausgesprochen, ihre strittigen Postings immer wieder erklärt.

In einem Post vom Mai betonte Ayhan beispielsweise: „Jeder, der generell etwas gegen Juden hat, ist mein Feind.“ Am 6. Oktober, einige Tage vor den aktuellen Vorwürfen, solidarisierte sich die Autorin auf Instagram auch mit dem jüdischen Sänger Gil Ofarim, nachdem dieser einem Hotel in Leipzig Antisemitismus vorgeworfen hatte.

In einem Statement auf ihrem Instagram-Kanal beklagt die Autorin am Donnerstag eine Kampagne der Boulevardmedien: Für die Karikatur habe sie sich bereits entschuldigt, fünf Monate später würden nun „Tatsachen verdreht und Hetze gegen mich betrieben“, schreibt sie. Ayhan kämpfe „seit Jahren öffentlich gegen Antisemitismus und setze mich für Opfer ein“. Antisemitismus aus muslimischen Kreisen habe sie in der Vergangenheit mehrfach verurteilt.

Auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) hat das Management Ayhans bislang nicht reagiert.

Kein ZDF-Problem

Klar ist: An diesem Fall ein „strukturelles Problem“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auszumachen, dürfte ein bisschen weit hergeholt sein. Denn tatsächlich wird die Serie „Barrys Barbershop“ gar nicht vom ZDF selbst produziert, sondern von der ProSiebenSat.1-Tochter Studio 71 – das ZDF ist nur Abnehmer der Show und dürfte wenig Einfluss auf das Autorenteam haben.

Bei der Produktionsfirma erklärt man auf Anfrage des RND: „Feyza-Yasmin Ayhan eckt mitunter an und polarisiert. Studio71 schätzt Meinungsfreiheit, verurteilt aber entschieden jegliche Form von Diskriminierung und Rassismus. Unsere Produktionen werden redaktionell sowohl von uns als auch vom jeweiligen Auftraggeber geprüft und freigeben.“

Ein weiterer Aspekt: Der Einfluss Ayhans auf die ZDF-Show dürfte weitaus geringer sein als angenommen. Sowohl Studio 71 als auch das ZDF bezeichnen die Komikerin auf Anfrage als „Junior Gag-Autorin“. Ayhan habe „auf Grundlage der bereits existierenden ersten Drehbuchfassungen an Dialog-Formulierungen mitgewirkt. Diesen Input hat das Team der Hauptautoren gemeinsam bewertet und in die Drehbücher integriert“, so ein ZDF-Sprecher.

„Glaubhaft von Antisemitismus distanziert“

In der Serie gehe es um den Neustart eines Social-Media-Stars, um Karrierepläne, um Beziehungskrisen. „In der Serie finden sich also inhaltlich keine Anknüpfungspunkte, für die die Autorin derzeit in der Kritik steht“, heißt es vom ZDF.

„Es gilt: Alle vom ZDF beauftragten Produktionen werden redaktionell geprüft und inhaltlich abgenommen. Selbstverständlich ist für antisemitische, diskriminierende und rassistische Inhalte kein Platz im Programm des ZDF.“

Mit Ayhan selbst habe es inzwischen ein Gespräch gegeben, wie es vom ZDF heißt. „Frau Ayhan hat der Produktionsfirma gegenüber zu ihren Aussagen von 2015 Stellung bezogen, sie eingeordnet, und sich dabei glaubhaft von Antisemitismus distanziert.“

Von Matthias Schwarzer/RND

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