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RTL greift Netflix an: „RTL+ soll das größte deutsche Entertainmentangebot werden“

Herr Tewes, RTL soll künftig für ein „neues Gefühl und ein neues Selbstverständnis“ stehen, meldet Ihr Sender. Was ist das für ein Gefühl und was für ein Selbstverständnis?

Für uns steht die Marke RTL programmlich auf zwei Säulen: Einerseits politisch und wirtschaftlich unabhän­giger Journalismus, zum anderen die positive Unterhaltung. In beiden Bereichen bieten wir künftig noch mehr an. Was den Journalismus angeht: Wir haben über 700 Journalisten, die seit vielen Jahren erfolgreich Nachrichten, Reportagen und Magazine produzieren. Das Bedürfnis nach Information haben wir sehr lange vor allem über das Flaggschiff „RTL Aktuell“ bedient. Doch der Bedarf der Menschen an Orientierung und Einordnung wächst. Deshalb weiten wir unser journalistisches Angebot deutlich aus. In regelmäßig wiederkehrenden Sendungen ebenso wie an Themenabenden zu gesellschaftlichen Debatten wie zum Beispiel „Angriff auf unsere Kinder“, einer sehr eindringlichen journalistischen Betrachtung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder im Netz.

Und was ist „positive Unterhaltung“?

Positive Unterhaltung bedeutet familienaffines Entertainment etwa am Freitag und am Samstagabend. Dazu gehören neu aufbereitete bekannte Marken wie „DSDS“ oder „Das Supertalent“, aber auch neue Shows wie „Lego Masters“ oder „Top Dog“. Und unter der Woche setzen wir auf verschiedene Programmfarben aus der Fiktion, der Information und der Unterhaltung – auch der Reality. Wir sind mit der neuen Machart des „Sommerhauses“ zum Beispiel überaus zufrieden, und wir freuen uns auf „Unbreakable“, dass wir ab dem 10. November ausstrahlen. Hier trifft Reality auf inspirierendes Life-Coaching. Eine echte Programm­innovation, sowohl bei seinen Geschichten als auch seiner filmischen Umsetzung.

Im vergangenen Sommer räumte ihr eigener Unterhaltungschef Kai Sturm hinterher zerknirscht ein, dass die Show „Sommerhaus der Stars“ auch für ihn „jenseits der Schmerzgrenze“ gewesen sei. RTL stand seit 30 Jahren für Lautstärke, Bissigkeit, strategische Frechheit, durchaus auch Schadenfreude. Warum steuern Sie jetzt um?

In Ihrer Beschreibung blicken Sie zurück und treffen die Marke RTL dabei aus meiner Sicht nur zu einem kleinen Teil. Als die damaligen Programmacher in den 80er-Jahren RTL etabliert haben, gelang es ihnen, etwas Buntes und Überraschendes für die Zuschauer zu schaffen. Das wuchs in den Neunzigern stark und führte später in den Nullerjahren auch zu dem einen oder anderen Programmangebot, das recht laut war. Unser Verständnis von positiver Unterhaltung ist durch die frühen Jahre geprägt, eine Rückbesinnung mehr als eine Abkehr. Wir lieben das Bunte und Überraschende. Und seien Sie sicher: Wir werden mit RTL auch weiterhin anecken – und Tacheles reden.

Es gibt das Bonmot einer ehemaligen Führungskraft, der Ruf von RTL liege „irgendwo kurz hinter Nordkorea“. Wo sehen Sie denn Ihr künftiges Wunschimage: im Bereich Ikea? Lego? Disney? Ravensburger? Nivea? Mit wem messen Sie sich, was die Ausstrahlung angeht?

RTL ist einzigartig. Als Marktführer beim jungen Publikum haben wir eine breite Ansprache, um möglichst viele Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu erreichen. Wir schließen niemanden aus. Und wir machen Programm aus einem positiven Menschenbild heraus, denn wir mögen die Menschen, so wie sie sind.

Wen haben Sie denn bisher ausgeschlossen?

Die Gesellschaft fragmentiert, Institutionen verlieren an Zuspruch, und der Ton ist rauer geworden. Als Medium, das täglich Millionen von Menschen erreicht, wollen wir Gemeinschaft und Austausch fördern. Dabei stellen wir uns selbst infrage: Auch wir haben in der Vergangenheit Formate gezeigt, die wir heute so nicht mehr zeigen würden. RTL soll eine positive und inspirierende Marke sein, die auf all unsere Programme abstrahlt – und umgekehrt.

Sie läuten das Ende der Flegeljahre ein? RTL als sanfter Riese?

Na ja, wir werden schon auch weiterhin dahin gehen, wo es wehtut.

RTL hat sein Logo verändert – weg vom Rot-Gelb-Blau, hin zu wechselnden Wellness-Pastellfarben, die sanfter und wärmer wirken sollen. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass RTL-Zuschauer ihren Sender optisch und inhaltlich nicht wiedererkennen und abwandern?

Wir sind im Aufbruch und starten etwas Neues. Wir selbst sind in Bewegung und wollen auch die Menschen bewegen – und Menschen für uns gewinnen, die vielleicht bisher keinen Zugang zu RTL hatten. Das Multi-Color-Logo steht dabei für Vielfalt, Individualität und Inspiration. Neben dem Neuen und Frischen bleibt das ikonische Logo mit den drei Kästchen klar erkennbar.

An wen denken Sie bei denen, die bisher keinen Zugang zu RTL hatten?

In Deutschland leben über 80 Millionen Menschen. Wir wollen einfach die ganze Breite der Gesellschaft in ihrer Vielfalt erreichen – und abbilden. Schon früh haben wir in unseren Shows gesellschaftliche Vielfalt gezeigt – lange, bevor das Wort „Diversität“ in aller Munde war, ob bei „Let‘s Dance“ oder „DSDS“. Das ist als gelebte Selbstverständlichkeit tief in unserer DNA verwurzelt.

Die Transformation ist in vollem Gange. Aber die ersten Sendungen der Nachrichtenshow „RTL Direkt“ mit Neuzugang Jan Hofer lagen im Schnitt bei nur 1,24 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 5,9 Prozent. Bei den jüngeren Zuschauern sahen nur 430.000 Menschen zu. Das kann Sie auf Dauer nicht zufriedenstellen.

„RTL Direkt“ ist ein gutes Beispiel für unser aktuelles Vorgehen, teils radikal mit unseren bisherigen Programmmachergewohnheiten zu brechen – und damit auch mit denen unseres Publikums. Wir glauben fest daran, dass 22.15 Uhr ein guter Zeitpunkt für eine journalistische Einordnung des Tagesgeschehens ist und dass wir die Kompetenz haben, diese zu liefern. Während wir mit den Marktanteilen zum Start noch nicht zufrieden waren, geht die Entwicklung inzwischen deutlich aufwärts. Es kostet eben Zeit und harte Arbeit, eine neue Nachrichtensendung zu etablieren. Und es kostet für eine etablierte Marke auch Mut, sich selbst infrage zu stellen und die Erneuerung in aller Konsequenz zu leben.

Zumal die „Tagesthemen“ und das „heute-journal“ beide seit 1978 auf Sendung sind.

Zuallererst haben wir unser Publikum und seine Bedürfnisse im Blick. Wettbewerb scheuen wir nicht, er kann uns nur besser machen. Aber wir sind nicht angetreten, um zuallererst gegen diese beiden Sendungen zu programmieren.

Tatsächlich? Den Verdacht haben Sie doch selbst erregt, indem Sie auf zwei sehr bekannte öffentlich-rechtliche Gesichter zurückgreifen. Warum eigentlich?

Wenn Sie ein neues Primetime-Format auf komplett ungelerntem Sendeplatz etablieren wollen, können Sie heute nicht mehr ausgiebig neue Moderatoren aufbauen. Unser Ziel ist es, Zuschauer an uns zu binden, die wir entweder schon haben oder die sich gegen 22.15 Uhr beim Umschalten neu orientieren und einen neuen Anker suchen. Auf diesem Weg sind wir mit „RTL Direkt“ mit Pinar Atalay und Jan Hofer als gleichermaßen bekannten und erfahrenen Journalisten, denen die Menschen vertrauen.

Das heißt, Sie wollen durchaus von Hofers und Atalays öffentlich-rechtlicher Ausstrahlung profitieren.

Eher von ihrer journalistischen Kompetenz und Glaubwürdigkeit.

Pinar Atalay hatte bei ihrer „RTL Direkt“-Premiere nur 840.000 Zuschauer. Aber Sie haben Geduld?

Unbedingt. Erst am Mittwoch vergangener Woche haben wir mit knapp 1,8 Millionen Menschen und 15 Prozent Marktanteil bei den Jungen einen neuen Rekord erzielt und waren damit das stärkste Newsangebot vor „Tagesthemen“ und „heute-journal“, um Ihren Vergleich zu bemühen. Die Sendung hat sich gefunden. Auch ihr Programmumfeld passt jetzt besser. Wir sind auf gutem Weg.

Zur Symbolfigur des angestrebten Wandels bei RTL ist Dieter Bohlen geworden, der als „DSDS“- und „Supertalent“-Juror keinen Platz mehr hat. Wie ist das Verhältnis aktuell?

Wir sind in Kontakt.

Warum ist Bohlen nicht mehr bei RTL?

Weil dauerhafter Erfolg Veränderung braucht und Formate wie „DSDS“ und „Das Supertalent“ wie vieles in der Unterhaltung einem Wandel unterliegen. Das ist bei uns so ebenso wie auch in anderen Ländern, wo man nach drei bis fünf Staffeln die Konstellation einer Jury wechselt. Simon Cowell war in den USA neun Jahre lang Chefjuror bei „American Idol“ und damit der international am längsten amtierende.

Bohlen war 18 Staffeln lang dabei. Er war RTL, und RTL war Bohlen. Das ist ja nicht irgendeine Personalie. Passt seine pöbelnde, auch prollige Kinderbeschimpfung nicht zum neuen RTL-Wunschton?

RTL war und ist immer mehr als ein einziges Genre oder gar eine Person, sondern immer die Summe zahlreicher Facetten. Jenseits dessen erwartet das Publikum zu Recht auch Neues. Genau das bieten wir und haben deshalb die Jurys, die ja beide Formate sehr prägen, komplett erneuert.

Und das soll gar nichts damit zu tun haben, dass Sie keinen Chefjuroren mehr möchten, der sich über den Pipifleck auf der Hose eines Kandidaten lustig macht oder verletzende Sprüche klopft wie „Ich könnte dich in meinem Garten vergraben, als Kompost für die Blumen“?

Alles hat seine Zeit. Das „Supertalent“ hat eine neue Tonalität, die uns gut gefällt. Uns geht es um große und staunende Augen und Gänsehaut, um Überraschung – aber auch um Respekt. Auch diese Farbe noch stärker zu etablieren braucht seine Zeit.

Nach diesen Kriterien müsste man aber auch Teile des Wirkens von Oliver Pocher infrage stellen.

Bei „5 gegen Jauch“ macht Oliver Pocher einen hervorragenden Job. Andere Formate schauen wir uns an. Insgesamt sind wir aber von einer guten, positiven Gemeinsamkeit geprägt.

Sie betonen das Positive sehr oft. Oprah Winfrey hat vor Jahren mal gesagt, dass die Zukunft des linearen Fernsehens der Liebe und dem Zusammenhalt gehöre. Sehen Sie auch eine gewachsene Sehnsucht nach Harmonie in der Gesellschaft?

Ich würde sogar noch weiter gehen: Ich glaube, dass die Härte, mit der Debatten heute, oftmals virtuell und digital ausgetragen werden, die Kehrseite der Tatsache ist, dass die Menschen solche Debatten in ihrem wirklichen Leben gar nicht möchten.

Das heißt, die Neuausrichtung ist auch eine Reaktion auf die giftigere, aggressivere Tonalität in der gesellschaftlichen Debatte? Liefert das neue, freundlichere Fernsehen quasi das Gegenprogramm zur allgemeinen Anschreierei?

Wie würde Fernsehen denn wirken, wenn es noch rauer, noch aggressiver wäre als das, was wir täglich im Netz erleben können? Nein, wir glauben fest daran, dass in einer stark fragmentierten Welt die Gemeinschaftserlebnisse das wirklich Besondere sind. Und dass wir als großer Sender, der täglich Millionen von Menschen erreicht, für diese Gemeinsamkeit stehen. Trotz mehr Individualität ist auch der Wunsch nach Lagerfeuermomenten, nach Gemeinschaftserlebnissen wieder gewachsen, durch die Pandemie sicher deutlich verstärkt. Es gibt aber immer weniger Institutionen, die genau solche Erlebnisse stiften.

Sie hoffen also, dass sich die fragmentierte Gesellschaft mit all ihren Fliehkräften dann doch wieder vor dem klassischen linearen Fernsehen versammelt? Das alte Lagerfeuer lodert noch?

Fernsehen schafft Lagerfeuermomente. Und Fernsehen wird eingeschaltet, wenn’s wichtig wird. Das haben die vielen Breaking-News-Situationen der vergangenen Monate eindrucksvoll gezeigt. Gleichzeitig führt die Explosion der digitalen Angebote dazu, dass in Familien der eine auf das iPad, der andere auf den Fernseher und der dritte auf den Laptop schaut. Als Medienhaus RTL Deutschland aber werden wir immer besser im Zusammenspiel aller Gattungen und wollen ein Entertainmentangebot schaffen, über das am nächsten Morgen sehr viele Menschen sprechen, getrieben vom linearen Fernsehen.

Aber was interessiert denn noch fast alle – außer Fußball? Hat sich nicht längst jeder in seinen eigenen Interessenkosmos verabschiedet?

Fußball ist ein unverändert attraktives Thema, deshalb sind wir hier weiterhin engagiert. Mit Shows wie „Let‘s dance“ sind wir hochzufrieden. Die News gewinnen immer dann, wenn es wichtig wird. Und wir glauben weiterhin, dass auch das Dschungelcamp etwas ist, das wirklich alle interessiert.

Im Ernst? Da habe ich Zweifel. Es sind doch immer dieselben Stereotypen: die Zicke, der Lustgreis, die Mutter der Kompanie, der Schönling…

Die Mischung muss natürlich stimmen, um dieses bestimmte Klassenfahrtgefühl in der Wildnis zu erzeugen. Ich glaube aber schon, dass die Menschen noch jedes Mal wieder Überraschungsmomente haben. Sonst würden ja nicht so viele zuschauen. Über fünf Millionen Menschen im Schnitt sind heutzutage sehr viel. Auch der „Tatort“ bietet durchaus ein starkes Gemeinschaftserlebnis. Ich glaube fest, dass das lineare Fernsehen weiterhin eine große Chance hat, die andere Medien für sich allein nicht haben: die Fähigkeit, Gemeinschaft zu stiften.

Aber sind nicht auch Fans von „Stranger Things“ bei Netflix eine Gemeinschaft – nur eben über alle Welt verstreut statt entlang nationaler Grenzen?

Das mag sein. Ich glaube aber, dass das eigene Land als andauernder, kultureller Referenzrahmen noch einmal etwas anderes ist. Der persönliche Austausch in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Straßenbahn ist ungleich intensiver als der über das Netz.

Sie entfernen sich also zugunsten der viel beschworenen Positivität von Schadenfreude-Formaten wie „Schwiegertochter gesucht“, die doch vor allem dazu dienten, sich über arme Hascherl erhaben zu fühlen?

Da möchte ich mal eine Lanze für die Realityformate brechen. Es geht aus Sicht der Zuschauer selbst nicht primär darum, sich zu erheben.

Na! Herr Tewes. Ich bitte Sie.

Das Genre wird vor allem von zwei großen Gruppen konsumiert: Das eine sind die, die sich identifizieren und voll in diese Welt eintauchen. Das andere ist die Gruppe derer, die das Geschehen beobachten und dann darüber sprechen.

Was wären denn prototypische Sendungen für die neue Linie von RTL? Ich beobachte eine wiedererwachte Lust am fiktionalen Erzählfernsehen.

So ist es. Wir haben im Fiktionalen eine regelrechte Explosion an Qualität und Vielfalt. Natürlich hätte sich ein linearer Sender allein eine groß erzählte, opulente Produktion wie unsere neue „Sisi“-Serie nicht leisten können. Unser Vorteil ist, dass wir mit den linearen Sendern und dem Streamingdienst RTL+, der bisher TV Now hieß, beide Ausspielarten bedienen und immer enger verzahnen.

Was planen Sie noch?

Neu zum Beispiel ist eine sechsteilige Serie mit dem Titel „Gute Freunde“, die gerade in der Entwicklung ist. Sie basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Thomas Hüetlin, Bestsellerautor und mehrfach ausgezeichneter „Spiegel“-Journalist, über die Jahre zwischen 1965 und 1974, in denen der FC Bayern München zum großen europäischen Club wurde. Wir erzählen den Aufstieg einer eher unterklassigen Mannschaft zur festen Größe anhand ihrer Protagonisten Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Meier oder Paul Breitner. Es ist einerseits eine klar deutsche Geschichte, aber sie kann um die Welt reisen, weil der FC Bayern ja weltweit populär ist. Wir planen den Dreh für das Frühjahr 2022. Außerdem haben wir für RTL „Der Schiffsarzt“ angekündigt und die „Auris“-Thrillerreihe von Sebastian Fitzek in der Entwicklung. Wir planen „Alarm für Cobra 11″, den Alpenthriller „Die Grenzgänger“ und das Reboot der erfolgreichen Krimi-Comedy-Serie „Balko“ als 90-Minüter. Und wir erzählen den „Stern“-Skandal um die vermeintlichen Hitler-Tagebücher im Sechsteiler „Faking Hitler“. Nicht nur für die Zuschauer, auch für uns als Programmacher bedeutet TV in Kombination mit Streaming eine ungeheure Bereicherung.

Aber das Werben um die Kreativen wird schwieriger.

Nicht unbedingt, denn wir erleben einen sehr guten Zuspruch – weil die Kreativen sehen, dass wir interessante Projekte haben. Wir bieten kreative Freiheiten, Budgets in beachtlicher Größe – und einen einzigen Ansprechpartner für Streaming und TV.

Netflix brüstet sich ununterbrochen damit, wie viel Freiheit man den Machern lässt – doch die Wahrheit ist, dass auch dort fast niemand Carte Blanche hat.

Natürlich beauftragen wir Projekte nicht, ohne auch in den kreativen Austausch zu gehen. Kreative wollen ja den Diskurs! Sie wollen debattieren, ihre Ideen vorstellen. Sie wollen vor allem Feedback. Jeder Drehbuchautor, der allein etwas schreibt, möchte wissen, ob er auf dem richtigen Weg ist. Und diesen direkten und persönlichen Austausch bieten wir. Wenn mein Gegenüber an der amerikanischen Westküste sitzt, ist da erst mal nicht nur eine räumliche, sondern auch sprachliche, vor allem jedoch kulturelle Barriere, insbesondere dann, wenn es um lokale Themen und Betrachtungen geht.

Sie wollen weitgehend ohne internationale Partner auskommen?

Ich denke, dass unsere Projekte, mit denen wir jüngst beim Filmfestival in Cannes die Kritik begeistert haben, das Interesse global agierender Kollegen wecken werden. Aber zunächst einmal wollen wir in Deutschland erfolgreich sein. In den Köpfen der Menschen hier soll verankert sein: Bei RTL+ gibt es die besten Geschichten in Deutschland. Unsere Ambition ist: RTL+ soll das größte deutsche Entertainmentangebot werden – mit internationalen Topserien und -filmen, mit Unterhaltung, Sport, Comedy und Dokumentationen.

Ein teures Ziel. Wann sind Sie so weit?

Wir sind mit den Abonnentenzahlen und dem Wachstum sehr zufrieden, im Juni hatten wir zwei Millionen Nutzer, inzwischen sind es einige mehr. Bei den Inhalten haben wir in diesem Jahr etwa 70 Produktionen, die vornehmlich für RTL+ produziert sind. Manche werden auch den Weg ins lineare Programm finden, aber das ist nicht entscheidend. Viel wichtiger ist perspektivisch die Reichhaltigkeit des Angebotes von RTL+.

Sie sind im Vergleich zur Konkurrenz nicht gerade früh dran mit Ihrer Streamingoffensive. Für wie viele Streamer ist denn überhaupt Platz im deutschen Markt? Netflix-Gründer Reed Hasting sagt: Am Ende werden höchstens drei bis vier übrigbleiben.

Und davon werden wir die lokal erste Adresse sein. Ich setze auf die Einzigartigkeit unseres Angebots mit ganz engem Bezug zum Publikum bei uns. Keiner kennt unseren Markt besser als wir. Wenn ich jetzt der fünfte oder sechste amerikanische Player wäre, der mit US-Serien auf den deutschen Markt drängt, würde ich mir mehr Gedanken machen. Als lokal verankerter Platzhirsch mit fest etablierten Marken und Gesichtern ist das anders, zumal wir als einer der wenigen Anbieter Gattungen wie TV, Streaming und Audio – und künftig noch mehr – perfekt aufeinander abgestimmt zusammenspielen können.

RTL war 30 Jahre lang kein Pay-TV. Der RTL-Zuschauer bekam sein Programm werbefinanziert und kostenlos. Es wird nicht leicht, ihn massenhaft davon zu überzeugen, 4,99 Euro im Monat zu bezahlen.

Die Zeiten ändern sich, die Bereitschaft der Menschen, für Inhalte zu zahlen, steigt, wie das schnelle Wachstum von TV Now, demnächst RTL+ beweist. Streaming von heute ist nicht Pay-TV vor 20 Jahren. Die bequeme Nutzung des Streamings ist riesig und längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es macht im Übrigen großen Spaß, in einem Markt aktiv zu sein, der schnell wächst. Wir sind mit unseren Fortschritten sehr zufrieden und haben noch viel vor – zumal wir sehen, dass unsere Zuschauer den Weg mitgehen.

Können die Streamingerlöse denn sinkende Werbeeinnahmen im linearen Fernsehen ausgleichen?

Sie wachsen erfreulich. Und gleichzeitig hat sich der TV-Werbemarkt nach der Corona-Delle von 2020 in diesem Jahr gut erholt. TV hat sich als Werbemedium immer wieder als resilient erwiesen.

Aber noch mal die Frage: Für wie viele Streamer ist denn Platz in Deutschland?

Was hiesige Streamer mit überwiegend deutschen Inhalten angeht, ist nur für einen dauerhaft Platz.

Und das wird am Ende RTL+ sein und nicht Joyn? Oder Sky Deutschland?

Richtig, das wollen wir sein mit einem Angebot, wie es kein anderer bieten kann.

Noch einmal zurück zu den Stars: Sie setzen auf gestandene Persönlichkeiten wie Jan Hofer und Peter Kloeppel und haben auch mit Rückkehrer Hape Kerkeling neue Pläne. Ich will nicht behaupten, dass ältere TV-Helden kein Feuer mehr haben, aber wie wichtig sind Veteranen für lineares Fernsehen in diesen Zeiten?

Die Frage ist nicht, wie alt jemand ist, sondern wie er wahrgenommen wird. Jan Hofer zum Beispiel kommt bei jungen Zuschauern wahnsinnig gut an. Günther Jauch und Peter Kloeppel sind auch lange dabei, haben aber eben auch in allen Altersgruppen eine sehr hohe Beliebtheit. Aber natürlich müssen wir uns weiterentwickeln. Ich denke da zum Beispiel an Daniel Hartwich (43), der mit seiner Schlagfertigkeit und seinem Witz ein begnadeter Moderator und sehr wichtig für uns ist. Oder auch Jan Köppen (38). Und eine Altersebene darunter kommen dann Chris Tall (30) oder Lola Weippert (25) oder Victoria Swarovski (28) – das zeigt ja, dass wir die ganze Altersbandbreite abbilden wollen.

Claus Kleber hört Ende des Jahres beim „heute-journal“ auf. Haben Sie schon Interesse angemeldet?

Ich finde, wir sind bei unserem Nachrichtenpersonal hervorragend aufgestellt.

Und muss sich die ARD um Judith Rakers sorgen?

Pinar Atalay und Jan Hofer machen einen tollen Job – genau wie die anderen Nachrichtenmoderatoren und -mo­de­ratorinnen und Journalisten aus unserem eigenen Nachwuchs. Wir sind stark aufgestellt und werden dennoch sicher noch für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Wird es das lineare RTL-Programm in zehn Jahren noch geben?

RTL als starke, gattungsübergreifende Marke wird es geben, auch im linearem TV. Ich bin fest davon überzeugt, dass uns dann sogar eine noch größere Bedeutung in der Gesellschaft zukommen wird, weil Institutionen wie Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften immer weniger Gemeinschaft werden stiften können. Anders als wir.

Herr Tewes, vielen Dank für das Gespräch.

ZUR PERSON

Henning Tewes, geboren 1972 in Mülheim an der Ruhr, ist seit März 2021 Geschäftsführer von RTL Television, seit November 2019 Co-Geschäftsleiter von TV Now (ab 4. November RTL+) sowie seit Mai 2019 Chief Operating Officer Programme Affairs & Multichannel der Mediengruppe RTL Deutschland. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft an der Universität Oxford und promovierte an der Universität Birmingham. Im Anschluss leitete er zunächst die Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen, bevor er nach einem MBA an der Wirtschaftsuniversität Insead in Frankreich und Singapur 2005 zu RTL wechselte.

Von Imre Grimm/RND