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Mentorin Sandra weist Jenny Elvers in „Die Herzblut-Aufgabe“ ein: Wie geht sie am besten mit den Kleinen auf der Geburtshilfestation um? Quelle: SAT.1 / André Kowalski

Kritik an „Herzblut-Aufgabe“ von Sat.1: „Pflegealltag wird geschönt“

Das Format „Herzblut-Aufgabe“ von Sat.1 will Pflegenden Aufmerksamkeit schenken, ihrer wichtigen Arbeit Sendezeit geben, Anerkennung schaffen. So heißt es in den Werbetexten des Senders für die Sendung. Deswegen haben sich sechs Prominente, Wayne Carpendale, Jenny Elvers, Jorge Gonzales, Faisal Kawusi, Patrick Lindner und Lilly Becker, für ein vierwöchiges Praktikum in eine Klinik begeben. Auf der Geburtsstation, in der Unfallchirurgie, Pädiatrie, Geriatrie und auf der HNO-Station sollen sie nach einem zweitägigen Crashkurs den Pflegealltag im Krankenhaus kennenlernen. Am 18. Oktober lief die erste Folge – fünf weitere sind jeweils montags zu sehen.

Doch nicht bei allen Pflegern kommt das Format gut an, so hat sich Ralf Berning zum Beispiel gleich mit mehreren Kritikpunkte an das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gewandt. Der 38-Jährige arbeitet selbst auf einer Intensivstation, sagt: „Das Bild, das beim ‚Herzblut-Projekt‘ gezeigt wird, ist total geschönt. Keiner hat in der Realität die Zeit und Ruhe, die dort bei Sat.1 gezeigt wird“. Auch seien die Stationen, die gezeigt werden, eher die, auf denen es ruhiger zugehe. Operative Stationen seien noch eine andere Hausnummer.

Pflegende äußern Kritik auf Twitter

Mit seiner Kritik scheint Berning nicht allein zu stehen - auf Twitter wird das Thema viel diskutiert. Eine Frau wünscht sich dort zum Beispiel, dass die Unterbesetzung auf der Station gezeigt werden würde.

In „Die Herzblut-Aufgabe“ werden berühmten Pflegepraktikanten und Pflegepraktikantinnen Mentoren zugeteilt, die ihre Arbeit und Fortschritte überwachen. Laut Berning fehlten im wirklichen Pflegealltag hingegen häufig Praxisanleiter oder Praxisanleiterinnen bei den Auszubildenden.

Berning selbst spricht trotzdem mit Zuneigung und Leidenschaft von seiner Arbeit: „Es ist der schönste Beruf der Welt“, sagt er. Seitdem er ein Schulpraktikum in einem Krankenhaus absolviert hat, fasziniere ihn der medizinische Blick auf den menschlichen Körper und die Fähigkeit von Pflegenden sowie Ärztinnen und Ärzten, die Gesundheit wieder herzustellen.

Aufmerksamkeit für Pflegende

Öffentlich prangert er gleichzeitig immer wieder Missstände an – nicht nur auf seinem Instagram-Account, sondern auch im Fernsehen. So war er in der Sendung „Pflege ist #NichtSelbstverständlich“, die Ende März diesen Jahres beim Sat.1-Schwestersender Pro Sieben lief, zu sehen. Im Gespräch mit dem RND spricht er vom Pflegenotstand, von fehlenden Fachkräften, von fehlender Anerkennung in Politik und Gesellschaft. „Keinen interessieren die Probleme in der Pflege – bis man selbst betroffen ist, weil enge Freunde oder Verwandte im Krankenhaus liegen. Weil man eine halbe Stunde klingeln muss, bis ein Pfleger kommt, weil der gerade mit einem Notfall beschäftigt war.“

Deswegen begrüße er auch, dass Sat.1 das Thema überhaupt mit der Dokumentationsserie aufgreift – und ihm mit Prominenz wie Jenny Elvers oder Wayne Carpendale Aufmerksamkeit verleiht. „Es gibt ja wirklich gute Reportagen, die die Pflege im TV realistisch darstellen. Aber die erreichen dann nicht so eine große Reichweite und verschwinden als Sachreportage in den Mediatheken.“ In den Medien beobachte er, dass beispielsweise in Talkshows häufig über die Pflege gesprochen werde anstatt mit Pflegenden.

Aufgaben für Praktikanten meist realistisch

Die Aufgaben, die die Promis übernehmen, würden so auch im realen Alltag von Pflegepraktikantinnen und Praktikanten gehandhabt werden. Nur bei einer Szene wurde Berning mulmig: „Wenn Drainagen von Schülerinnen oder Schülern gezogen werden, finde ich das knackig. Aber andererseits stand ja auch erfahrenes Personal zur Überprüfung daneben“, so der Pfleger.

„Es entsteht der Eindruck, dass man mit einem zweitätigen Crashkurs den Job eines Pflegers übernehmen könnte“, findet Berning. „Aber ich habe, wenn ich im Dezember fertig bin, fünf Jahre Ausbildung und zwei Examen hinter mir. Deswegen bin ich geeignet, um auf der Intensivstation zu arbeiten.“ Seine Sorge sei, dass junge Menschen, die eventuell an der Pflege interessiert seien, durch die Serie unrealistische Vorstellungen vom Alltag erhielten. Ähnlich beschreibt es auch eine Nutzerin bei Twitter, die sich dort als Pflegerin vorstellt: „Unser Beruf wird trivialisiert.“

Sat.1 äußert sich nicht

Für Sat.1 hat Berning eine Botschaft: „Ich wünsche mir eine gute Mischung aus realistischen, ungeschönten, aber auch positiven Aspekten. Denn die Pflege ist der schönste Beruf der Welt“, sagt er dem RND.

Pro Sieben Sat.1 Media ließ eine Anfrage des RND bislang unbeantwortet. Vier Folgen der Dokumentationsserie werden noch ausgestrahlt.

Von Geraldine Oetken/RND