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In der Nacht der Entscheidung entschuldigt sich Ulrike (Silke Bodenbender, l) in "Bring mich nach Hause" bei ihrer Schwester Sandra (Anneke Kim Sarnau) wegen ihrer abfälligen Bemerkung zu Sandras Schwangerschaft. Quelle: Hannes Hubach/ZDF/dpa

„Bring mich nach Hause“: Schweben zwischen Leben und Tod

Nur noch den Jungen bei der Oma abliefern und dann schnell zum nächsten Termin. „Auf einen Kaffee bleibst du doch noch?“, fragt Martina (Hedi Kriegeskotte) in „Bring mich nach Hause“ ihre hereinrauschende Tochter. Aber Ulrike (Silke Bodenbender) hat es eilig und ruft im Hinausgehen, dass sie den Sohn um halb neun wieder abholen werde. Die Großmutter protestiert noch, das sei ihr zu spät. Dann fällt die Kaffeekanne zu Boden und es herrscht Stille.

Eine starke Hirnblutung reißt Martina aus dem hektischen Familienalltag – und sie wird nicht mehr zu Bewusstsein kommen. Für die beiden Töchter ist es ein langer Prozess des Hoffens und Bangens auf der Intensivstation. Schon hier zeigt sich, dass die Geschwister sehr unterschiedlich auf die Situation reagieren. Ulrike lebte als Erzieherin und Mutter dreier Kinder immer in nächster Nähe und hat die Oma stets als Babysitterin in Gebrauch genommen, auch wenn Martina mit ihrer Arbeit als Blumenhändlerin in ihrem Alter voll ausgelastet war. Der abrupte Verlust, die tiefe Zuneigung und das schlechte Gewissen versetzen Ulrike in einen Zustand zwanghaften Optimismus’.

Dass ihre geliebte Mutter nicht mehr aus dem Wachkoma herauskommen wird und nur noch durch medizinische Apparate am Leben gehalten werden kann, will sie lange Zeit nicht wahrhaben. Ihre Schwester Sandra (Anneke Kim Sarnau) hat im fernen Berlin als Astronomin Karriere gemacht. Das Projekt, auf das sie die letzten fünfzehn Jahre hingearbeitet hat, befindet sich in der Zielgeraden, als sie die Nachricht vom Schlaganfall der Mutter erreicht. Als Wissenschaftlerin hat sie einen realistischeren Blick auf die medizinische Situation.

Großes Einfühlungsvermögen

Mit großem Einfühlungs- und Differenzierungsvermögen schildern Regisseurin Christiane Balthasar und Drehbuchautorin Britta Stöckle in ihrem Fernsehfilm „Bring mich nach Hause“ die Sorgen, Nöte, den enormen Druck und das moralische Dilemma von Angehörigen, deren enge Verwandte sich ohne Hoffnung auf Veränderung in einem Wachkoma befinden. Etwa 8000 Menschen sind deutschlandweit in dieser Schleuse zwischen Leben und Tod gefangen und können selbst nicht mehr über ihr Schicksal bestimmen. Die Entscheidung darüber, ob ihre Liebsten weiterhin durch medizinische Apparaturen am Leben gehalten werden, liegt dann oft bei den überforderten Angehörigen.

Zwar hat die Mutter ihrer Tochter Ulrike eine Vorsorgevollmacht für den Ernstfall ausgestellt, aber die Patientenverfügung liegt noch unausgefüllt in einem Aktenordner auf dem Dachboden. Und so geraten die Geschwister nicht nur, was ihre eigenen Vorstellungen und Gefühle angeht, auf unsicheres Terrain, sondern auch in rechtlicher Hinsicht. Nach mehrmonatigem Aufenthalt im Krankenhaus wird die Mutter in einem kirchlichen Pflegeheim untergebracht, dessen hohe Kosten für die Familie eine starke finanzielle Belastung bilden. Hier kümmert man sich vorbildlich um die Bewusstlose und dennoch kommen die Schwestern allmählich gemeinsam zu der Erkenntnis, dass ihre Mutter nicht weiter in diesem Zustand künstlicher Lebensverlängerung und würdelosem Dahinsiechens verharren soll.

Konflikt spitzt sich zu

Und so kommt es zum dramatischen Konflikt zwischen den Töchtern und der Heimleitung, die sich aus ihrer christlichen Anschauung dem Prinzip unbedingter Lebenserhaltung verpflichtet fühlt. Beruhend auf tatsächlichen Begebenheiten tastet der Film das ganze Feld moralischer und emotionaler Widersprüche ab, ohne einzelne Positionen verurteilen zu wollen. Das außerordentlich klug und umsichtig verfasste Drehbuch, die sensible Inszenierung und die beiden fabelhaften Hauptdarstellerinnen, die sich voll und ganz auf das Dilemma ihrer Figuren einlassen, machen aus „Bring mich nach Hause“ ein ebenso berührendes wie erhellendes Fernseherlebnis, das weit über einen bloßen Themenfilm hinausgeht. Im Anschluss zeigt das ZDF noch die Doku „Zwischen den Welten“, die sich mit den Themen Wachkoma und Patientenverfügung beschäftigt.

Von Martin Schwickert/RND