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Zum elften Mal in diesem Jahr hebt eine Space-X-Rakete des Typs Falcon 9 ab. Quelle: David J. Phillip/AP/dpa

SpaceX-Start: Matthias Maurer fliegt in ein anderes All

Bei Alexander Gerst sah das nicht so schick aus. Als der deutsche Astronaut Matthias Maurer am Mittwochabend in Florida endlich in der Crew-Dragon-Kapsel sitzt, trägt er einen schlanken, weißen Anzug, dazu schwarze Stiefel. Das Raumschiff, das ihn zur Internationalen Raumstation (ISS) bringen soll, ist aufgeräumt und hell. Große Touchscreens, wenig Knöpfe – ein minimalistisches Design, wie es Apple und andere Techunternehmen zur Norm gemacht haben. So stellt man sich eine Expedition ins All im Jahr 2021 vor. Nicht eingepfercht wie Gerst in einer antiquierten russischen Raumkapsel, sondern scheinbar so unkompliziert, dass man sich sogar vorstellen kann, selbst einmal mitzufliegen.

Zwischen den Missionen von Gerst und Maurer sind nur drei Jahre vergangen. Doch nicht nur optisch liegen dazwischen Welten. Der 51-jährige Maurer fliegt in ein All, in dem sich die Kräfteverhältnisse, die Akteure und Interessen zum Teil erheblich geändert haben. Raumfahrt, das ist nicht mehr bloß eine Aufgabe für staatliche Weltraumorganisationen wie Nasa oder Esa, sondern ein Business. Nie war das so klar zu sehen wie in diesem Jahr.

Maurer fliegt als erster deutscher Astronaut mit SpaceX ins All

Einer der kräftig mitverdienen will, ist der berühmt-berüchtigte Milliardär Elon Musk. Maurer ist der erste deutsche Astronaut, der von Musks Unternehmen SpaceX zur ISS gebracht wird. Überhaupt hat SpaceX erst eine Handvoll von Menschen zur Internationalen Raumstation geflogen, das erste Mal 2020. Besonders nervös war man im Maurer-Team deshalb nicht. „Ich mache mir da keine Sorgen. Sicherheit wird überall großgeschrieben. Man wird sehr, sehr genau darauf achten, dass alles gut geht“, sagte Missionsleiter Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vor dem Start.

Dass SpaceX eines Tages tatsächlich Menschen in den Weltraum transportieren würde – davon waren zunächst wenige wirklich überzeugt. „Am Anfang wurde Musk von vielen belächelt“, sagt Schmid. Denn im Weltraum Geld zu verdienen, ist alles andere als leicht. Musk hätte schnell ein Superreicher werden können, der seinen Traum vom All teuer bezahlt. Doch spätestens als SpaceX vor einigen Jahren die ersten Versorgungsaufträge der Nasa ergattern und dann tatsächlich auch Fracht zur ISS bringen konnte, sei klar gewesen: „SpaceX hat ein funktionierendes System“, sagt Schmid. Und nicht nur das: Die Raketen und Raumschiffe von SpaceX sparen Kosten, indem sie wiederverwendet werden. „In Europa haben wir das bisher noch nicht hinbekommen“, sagt Schmid. Tatsächlich kann derzeit keine staatliche Weltraumorganisation mit wiederverwendbaren Systemen aufwarten. Ganz im Unterschied zu anderen illustren Unternehmern, die wie Musk in der Schwerelosigkeit ein Geschäft wittern.

Das Jahr der Weltraummilliardäre

2021 ist schon jetzt das Jahr der Weltraummilliardäre. Den Anfang machte Richard Branson, Gründer von Virgin Galactic, der mit seinem eigenen Raumflugzeug im Juli an der Grenze zum Weltraum kratzte. Wenige Tage später erreichte Amazon- und Blue-Origin-Gründer Jeff Bezos in seiner „New Shepard“ für kurze Zeit die 100-Kilometer Marke, die allgemein als Übergang in den Weltraum gilt. SpaceX wiederum sandte im September vier Laien für eine mehrtägige Reise rund um die Erde. Im nächsten Jahr will SpaceX drei Touristen aus den USA, Israel und Kanada dann sogar zur ISS bringen.

Bisher sind alle Weltraumtouristen und -touristinnen heil auf die Erde zurückgekommen. Prominente Passagiere wie Star-Trek-Schauspieler William Shatner (Captain Kirk) könnten dafür sorgen, dass ihnen weitere folgen. Ob der Weltraumtourismus jedoch wirklich dauerhaft abhebt, tatsächlich genügend Menschen bereit sind, Millionen für einen Kurztrip ins All zu bezahlen, ist noch keine ausgemachte Sache. Erst kürzlich sagte das Weltraumunternehmen Space Adventures seine mit SpaceX gebuchten Flüge ab: Es fanden sich nicht genügend Kunden und Kundinnen.

Die ISS ist in die Jahre gekommen

Doch der Tourismus ist nur ein Teil des Weltraum-Business‘. Auch mit Satelliten, Raumstationen, Habitaten oder Transportflügen lässt sich beispielsweise Geld verdienen. Schon heute ist daher klar: „Die Zahl und das Engagement der Akteure aus der Industrie werden besonders im niedrigen Erdorbit zunehmen“, sagt Schmid. Das hat auch Folgen für die Internationale Raumstation.

Im November 1998 brachte eine russische Rakete das erste ISS-Bauteil ins All, seit November 2000 ist die Internationale Raumstation in gut 400 Kilometern Höhe dauerhaft besetzt. Rund 250 Menschen aus mehr als 20 Ländern waren bisher an Bord. Doch der bekannteste Außenposten der Menschheit ist in die Jahre gekommen – und versprüht mittlerweile eher einen Retrocharme. Zuletzt hatten Lecks im russischen Teil der Raumstation die Raumfahrer und Raumfahrerinnen auf Trab gehalten. Etwa 80 Prozent der Ausrüstung im russischen Segment sei veraltet, sagte der Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin im April. Ein anderer russische Raumfahrtexperte bemängelte im Sommer, die Systeme im russischen Abschnitt seien „in hohem Maße“ verschlissen.

Die Zukunft der ISS ist ungewiss

„Das ist wie bei einem Auto, das mehr als 20 Jahre in Betrieb ist: Da gibt es dann eine höhere Reparaturbedürftigkeit“, sagt Schmid. „Aber das heißt nicht, dass es seine Arbeit nicht verrichtet.“ Die ISS lasse sich updaten und ausbessern. Tatsächlich hat Russland erst diesen Sommer ein neues Forschungsmodul zur ISS geschickt. Die Wasserpumpen und Wärmetauscher werden regelmäßig ausgetauscht, die Solarpanels gerade ausgewechselt.

Trotzdem ist die Zukunft der ISS derzeit so ungewiss wie noch nie. Der Vertrag über die internationale Zusammenarbeit läuft vorerst noch bis 2024. Die Nasa würde gerne noch einige Jahre mehr dranhängen, auch Europa wird wohl nächstes Jahr offiziell sein Engagement verlängern. Russland dagegen hat dafür bisher wenig Begeisterung gezeigt. Stattdessen kündigte die russische Raumfahrtorganisation im April an, 2025 aus der Kooperation auszusteigen und lieber eine eigene Raumstation aufzubauen. Das müsse aber nicht das Ende der ISS bedeuten, sagte Rogosin damals. „Es ist nur so, dass wir die Verantwortung für unser Segment an unsere Partner übertragen werden.“ Russland ist nicht das einzige Land mit eigenen Raumstation-Ambitionen. China, das auf Drängen der USA nie an der ISS beteiligt war, hat den Traum einer eigenen Raumstation in diesem Jahr bereits in die Tat umgesetzt.

Wird die ISS bald kommerziell betrieben?

Es könnte also künftig eine Vielzahl an Raumstationen im Erdorbit geben – staatliche und kommerzielle. Denn auch private Unternehmen sind längst dabei, eigene Raumstationen zu entwickeln. Das US-Unternehmen Axiom Space hat beispielsweise von der NASA den Auftrag erhalten, ein neues Modul an die ISS anzuschließen. Vielleicht geben die Weltraumorganisationen die ISS sogar eines Tages ganz in private Hand, statt sie zur Entsorgung im Meer zu versenken. Bezos und Blue Origin dagegen kündigten kürzlich an, eine eigene Raumstation namens „Orbital Reef“ zwischen 2025 und 2030 ins All zu bringen. Sie solle Platz für bis zu zehn Menschen bieten und außerdem als eine Art „Gewerbegelände“ dienen, sowie als Anlaufpunkt für Weltraumtouristen und -touristinnen.

„Wir sollten den niedrigen Erdorbit jedoch nicht nur den kommerziellen oder industriellen Anbietern überlassen“, warnt Schmid. Unternehmen investierten nicht gerne in Unterfangen, deren Nutzen vielleicht erst in einigen Jahren erkennbar sei. Bei Forschung im All, wie sie etwa jetzt auch Matthias Maurer auf der ISS machen wird, sei aber genau das oft der Fall. Andererseits brächten die neuen Anbieter aber Dynamik in die Raumfahrt, sagt Schmid. Ihr Engagement gibt den Weltraumagenturen die Möglichkeit, sich auf große Projekte, auf Exploration zu konzentrieren.

Zurück zum Mond – um dort zu bleiben

Ganz oben auf der Liste steht dabei der Mond. USA, Europa, aber auch China und Russland planen die Rückkehr von Menschen auf den Erdtrabanten. „Nicht, um dann wieder zu gehen, sondern um dort zu bleiben“, sagt Schmid. Ob die verschiedenen Nationen dabei zusammenarbeiten werden, ist derzeit jedoch noch offen. China und Russland kündigten erstmal an, sich nicht dem US-amerikanischen Projekt anschließen zu wollen, sondern eine eigene internationale Mondstation aufzubauen.

Doch selbst, wenn alles nach Plan verläuft: Bis wieder Menschen auf dem Mond sind, dort sogar dauerhaft wohnen, werden noch einige Jahre vergehen. Schmid geht daher nicht davon aus, dass Matthias Maurer der letzte Deutsche auf der ISS gewesen sein wird. „Aber Elon Musk hat ja angekündigt, alles daran zu setzen, zum Mars zu fliegen. Das geht vielleicht schneller.“

Von Anna Schughart/RND