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Raufen sich zusammen: die Ermittler Antoine (Eugene Boateng) und Svenja (Katharina Schlothauer). Quelle: NDR/ARD Degeto/Christine Schroeder

„Der Flensburg-Krimi: Der Tote am Strand“: der Coole und die Kühle

Neue Reihen müssen Impulse setzen, die sie von anderen unterscheiden. Bei den Donnerstagskrimis im Ersten ist das vor allem der Schauplatz, der bis auf „Nord bei Nordwest“ stets auch den Titel prägt: Zürich, Barcelona, Kroatien, Usedom und nun Flensburg. Die ungleich größere Herausforderung besteht jedoch in der Suche nach einem zentralen Duo, das nicht dem Muster „Alter weißer Mann plus junge Frau mit Migrationshintergrund“ entspricht.

Trotzdem soll die Paarung natürlich divers sein, das ist mittlerweile quasi Voraussetzung. Für ihren gemeinsamen „Flensburg-Krimi“ kombinieren der NDR und die ARD-Tochter Degeto daher eine lesbische weiße Kommissarin und einen etwa gleichaltrigen schwarzen Kollegen.

Reizvoll in der Umsetzung

Was zunächst nach Reißbrett klingt, entpuppt sich in der Umsetzung als reizvoll und unterhaltsam, weil gerade Eugene Boateng, in erster Linie durch (Tragi-)Komödien wie zuletzt „Werkstatthelden mit Herz“ bekannt, seine Rolle cool und lässig verkörpert: Sein Kommissar Antoine Haller hat ein Problem mit Hierarchien und tut sich schwer damit, die ranghöhere Svenja Rasmussen (Katharina Schlothauer) als Vorgesetzte zu akzeptieren. Deren Rolle wiederum lebt vor allem von zwei Vorgeschichten: Bei ihrem letzten Einsatz als Hamburger Kripokommissarin hat sich ein Raubmörder vor ihren Augen erschossen. Sie lässt sich nach Flensburg in ihr früheres Revier versetzen, weil Vater Morten (Uwe Rohde) erhebliche psychische Probleme hat, seit sich sein Sohn ebenfalls das Leben genommen hat: Svenjas Bruder war auch Polizist, hatte jedoch Schulden und daher mit beschlagnahmtem Rauschgift gehandelt.

Gemessen an diesen Rahmenbedingungen ist der eigentliche Fall auf den ersten Blick eine gewöhnliche Krimistory (Drehbuch: Stephan Wuschansky): Der titelgebende Tote am Strand entpuppt sich als dänischer Staatsbürger. Christian Rommedahl hat mit einem Freund und Kollegen eine Schiffswerkstatt betrieben und mit gebrauchten Ersatzteilen gehandelt. Gemäß der üblichen Routine („Wo waren Sie …?“) befragen Rasmussen und Haller zunächst die Ehefrau und den Geschäftspartner, bis sich schließlich herausstellt, dass Rommedahl aus einem ganz anderen Grund in Flensburg war.

Spur führt zu einem verwitweten Familienvater

Die Spur führt zu einem verwitweten Familienvater, Philipp Schaaf (Max von Pufendorf). Aber warum hatte der Däne auf seinem Smartphone Fotos von Schaafs halbwüchsiger Tochter? Die Antwort auf diese Frage ist gleichzeitig auch die Lösung für ein Verbrechen, das viele Jahre zurückliegt und nie aufgeklärt worden ist.

Die Umsetzung des Drehbuchs haben die Verantwortlichen Janis Rebecca Rattenni anvertraut. Die Inszenierung ihres Fernsehfilmdebüts nach diversen Serienfolgen zeichnet sich neben der guten Arbeit mit dem Ensemble vor allem durch die Vielfalt der atmosphärischen Vorzeichen aus. Der Prolog, als Rasmussen den Raubmörder stellt, ist auch dank der Actionmusik (Michael Klubertanz) fesselnd wie ein Thriller. Die Szenen mit dem zentralen Duo haben dagegen wegen der unterschwelligen Dissonanzen einen heiteren Tonfall, für den in erster Linie Boateng zuständig ist.

Boateng kürzlich mit Deutschem Schauspielpreis ausgezeichnet

Der Sohn ghanaischer Einwanderer ist kürzlich als Hauptdarsteller des Kinofilms „Borga“ mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet worden. Schlothauer, bekannt geworden als bemerkenswerte Titeldarstellerin des ZDF-Zweiteilers „Dina Foxx – Tödliches Spiel“ (2014), verkörpert ihre Rolle dagegen betont kühl; das „Du“ des Kollegen lehnt die Hauptkommissarin ebenso dankend ab wie seine regelmäßigen Wettangebote. Ihre sanftere Seite zeigt sie nur ihrer Lebensgefährtin.

Sehr berührend sind dagegen die Auftritte von Rasmussen senior, der in seinem Haus sämtliche Glühbirnen entfernt hat; das Kerzenlicht verleiht den Bildern eine trügerische Heimeligkeit. Der pensionierte Polizist sorgt zudem für einen Schluss, der neue Fragen zum Tod seines Sohnes aufwirft. Ob aus dem „Flensburg-Krimi“ tatsächlich eine Reihe wird, hängt jedoch davon ab, wie gut der Film beim Publikum ankommt.

„Der Flensburg-Krimi: Der Tote am Strand“ läuft am 25. November ab 20.15 Uhr in der ARD.

Von Tilmann P. Gangloff/RND