Donnerstag , 20. Januar 2022
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Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt) hatten es in ihrem neuen Fall mit einem wahrhaft schwer durchschaubaren Beziehungsgeflecht zu tun. Einer der Verdächtigen ist ein Pick-up-Artist, der Männern das „Macho-sein“ beibringt. Quelle: WDR/Zeitsprung pictures/Thomas Kost

Dortmunder „Tatort“ über Pick-up-Artists: Wer sind die echten Stars der fragwürdigen Szene?

Dortmund. Der neue Fall des Quartetts Faber (Jörg Hartmann), Bönisch (Anna Schudt), Herzog (Stefanie Reinsperger) und Pawlak (Rick Okon) war für Dortmunder Verhältnisse einer der leisen Töne. Eine Beziehungstat mit vielen Verdächtigen, die sehr kunstvoll – weil psychologisch stimmig erzählt und exzellent gespielt – mal mehr, mal weniger als Täter oder Täterin infrage kamen. Dabei änderte das Beziehungsgeflecht der Figuren immer wieder chamäleonhaft seine Farbe, ohne dass das Ganze unglaubwürdig wurde.

Ein Erzählstrang berichtete von einem Pick-up-Artist, mit dem sich das Opfer ein gockelhaftes Duell rund um die Frage lieferte, wer der erfolgreichere Liebhaber war. Schon im Kieler „Tatort“ vom März 2021, „Borowski und die Angst der weißen Männer“, stand ein Pick-up-Artist (damals gespielt von Arnd Klawitter) im Zentrum der Erzählung. Damals ging es jedoch auch um rechte Gewalt, diesmal „nur“ um männliche Dominanz. Gibt es tatsächlich Pick-up-Artists, die von ihren „Followern“ wie Superstars verehrt werden?

Worum ging es?

Ein junger Polizist wird auf seiner morgendlichen Joggingrunde mutwillig überfahren. Das Opfer, Nicolas Schlüter, stand kurz vor der Beförderung, die Frau des 28-Jährigen erwartet das erste Kind. Viele sind schockiert über den Tod des attraktiven Polizeihauptmeisters. Katrin Steinmann (Anne Ratte-Polle), seine Vorgesetzte und Leiterin der Wache in Dortmund-Hörde, kennt Martina Bönisch von früher.

In der Polizeischule waren sie so etwas wie Freundinnen. Auch Steinmanns Tochter Jessica (Michelle Barthel), die als junge Polizistin auf der Wache der Mutter arbeitet, nimmt der Tod ziemlich mit. Ebenso geht es dem uniformierten Kollegen Paul Lohse (Jonas Friedrich Leonhardi), der mit dem Opfer eng befreundet war. Hatte Nicolas Schlüter also nur Freunde?

Worum ging es wirklich?

Keine Beziehung in diesem „Tatort“ war tatsächlich so, wie sie am Anfang schien. Daher der Titel „Masken“. Sogar die heimlich gelebte Liebe von Kommissar Faber zur Kollegin Bönisch, die gegenwärtig mit ihrem KTU-Kollegen Sebastian Haller (Tilmann Strauß) glücklich zu sein schien, wurde subtil infrage gestellt: In einer wunderbaren Szene, als Bönisch von einem sehr traurigen Arbeitstag zurückkehrt und den Freund an der Haustür wortkarg nach Hause schickt, reagiert der bisherige Frauenversteher wie folgt: Er tritt der Freundin heimlich den Autospiegel kaputt.

„Masken“ erzählte davon, welch absurde Verrenkungen Menschen unternehmen, um ihre wahren Gefühle zu verschleiern: Da ist das allseits beliebte Opfer, ein werdender Vater, eigentlich ein Riesenarschloch. Und Geliebte werden schon mal als Verwandte ausgegeben, wenn es besser in den Alltag passt. Dass die „Tatort“-Charade trotzdem glaubwürdig blieb, war ein Verdienst des guten Drehbuchs (Arnd Mayer, Claudia Matschulla) sowie der superben Darstellerinnen und Darsteller.

Was genau macht ein Pick-up-Artist?

Pick-up-Artists, zu Deutsch: Aufreißkünstler, sind ein Produkt der in den USA entstandenen „Seduction Community“. Wie der Name schon sagt, geht es um die Verführung von Frauen mithilfe erlernbarer Techniken, die teilweise auf NLP (Neurolinguistisches Programmieren) zurückgehen sollen. Ein Bekanntheit-Booster der Bewegung war 2005 der Bestseller „The Game“ („Die perfekte Masche“) des „Rolling Stone“-Autoren Neil Strauss. Heute gibt er an, sich für sein Werk – ein durchaus autobiografischer Eroberungsbericht – zu schämen.

Die heutigen Stars der Pick-up-Szene geben Seminare – meist sind ihre Kunden Männer mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl –, in denen sie sich die Vermittlung ihrer „Kunst“ teuer bezahlen lassen. Im Dortmunder „Tatort“ ist der Pick-up-Artist (gespielt von Simon Böer) einfach nur ein Macho-Unternehmer mit gutem Geschäftssinn. Im Kieler „Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer“ stand er in Verbindung mit der rechtsradikal denkenden Incel-Szene („involuntary celibate men“, also für unfreiwillig im Zölibat lebende Männer), die dafür sind, dass ihnen Frauen „zugeteilt“ werden sollten.

Gibt es bekannte Pick-up-Artists in Deutschland?

50.000 Männer, so schätzte die Tageszeitung taz vor sechs Jahren, sind in Deutschland auf dem Pick-up-Trip. Sprich: Sie wollen lernen, möglichst viele Frauen „klarzumachen“. Man kann davon ausgehen, dass der Anteil schüchterner und selbstunsicherer Männer in der Szene groß ist – daher verkaufen viele Anbieter ihr Angebot als Flirtkurse. Bekannte Marken im Netz sind Royal Campus (dort kostet der „Premium Flirtkurs“ 779 Euro) oder man findet sich im größten Forum zum Thema zusammen, dem „Pickup-Forum“.

Maximilian Pütz, der seit 2005 geholfen hat, die deutsche Szene aufzubauen, galt als einer der Vordenker der Szene. Mittlerweile agiert die Pick-up-Szene weniger offensiv, gerade nachdem Verbindungen zwischen Pick-up, toxischer Männlichkeit und rechter Szene in den Medien viel diskutiert wurden. Im Netz findet man nun auch defensiver formulierte Angebote wie die Webseite „Flirtforschung“ von Mateo Diem.

Wie geht es beim Dortmunder „Tatort“ weiter?

Der nächste Dortmunder Fall soll den Namen „Gier und Angst“ tragen, er wird 2022 zu sehen sein. Nachdem auf dem Hafengelände ein Vermögensberater erschossen aufgefunden wurde, ermittelt das Dortmunder Team unter jenen Menschen, denen der Mann auf der Jagd nach mehr Reichtum unter die Arme gegriffen hat. In dieser Folge wird übrigens die Geschichte um Ella (Anke Retzlaff) weitererzählt.

Die Mutter der Tochter von Ermittler Jan Pawlak (Rick Okon) war vor über einem Jahr verschwunden. Ein Sendetermin für „Gier und Angst“ (Buch: Sönke Lars Neuwöhner, Martin Eigler, Regie: Martin Eigler) steht noch nicht fest.

RND/Teleschau