Donnerstag , 27. Januar 2022
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Bei „Maybrit Illner“ ging es am Donnerstag darum, ob es endlich einen Corona-Plan gibt (Archivbild).

„So können Sie nicht mit mir reden“: Corona-Lage in Sachsen sorgt bei „Maybrit Illner“ für heftigen Streit

Berlin. Täglich steigende Infektionszahlen, immer weniger freie Intensivbetten – nach zwei Jahren der Pandemie befähigt die Politik Moderatorin Maybrit Illner dazu, ihren Gästen die Frage stellen zu können, ob es endlich einen politischen Plan zur Bewältigung der Pandemie gebe.

Das Thema

Anlass zu der Fragestellung sind die neuen Corona-Beschlüsse, welche am Donnerstag auf dem Bund-Länder-Gipfel getroffen wurden. Ebenso wurde eine mögliche Impfpflicht diskutiert, die immer wahrscheinlicher scheint.

Die Gäste

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach – schließlich darf er in kaum einer politischen Talkshow fehlen, in der über die Pandemie debattiert wird. Seine These: „30 Millionen Impfungen bis Weihnachten, das können wir schaffen.“ Von Moderatorin Illner wurde er als der „Gesundheitsminister der Herzen“ bezeichnet, wird er in der neuen Regierung doch als solcher gehandelt. Kommentieren wollte er das nicht, nutzte dafür aber seinen ersten Redebeitrag gekonnt: Ganze drei Minuten lobte er die neuen Beschlüsse. „Es ist gut, dass die Wissenschaft so viel Einfluss hatte. Daraus wurden Instrumente entwickelt“, sagte er.

Marco Buschmann, künftiger Justizminister aus den Reihen der FDP. Abgesehen von seinem verbalen Schlagabtausch mit Michael Kretschmer fiel er vor allem damit auf, die neue Regierung – und damit sich selbst – zu loben: „Wer hätte gedacht, dass die Ampelparteien so schnell Beschlüsse fassen können?“, sagte er zu den am Donnerstag auf den Weg gebrachten Corona-Maßnahmen. Wichtig sei es ihm und seiner Partei gewesen, einen kompletten Lockdown zu vermeiden, „der mit vielen seelischen und gesundheitlichen Problemen verbunden ist“, sagte er.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Erwartbar wäre von jemandem aus der kommenden Oppositions-Partei ein Hagelsturm der Kritik an die Vertreter der neuen Regierungsparteien gewesen. Aber: „Das Gegeneinander musste dringend aufhören“, sagte er. Es gehe nicht um parteipolitische Kämpfe, sondern darum, das Richtige zu tun. Ansonsten war Sachsens Ministerpräsident überwiegend damit beschäftigt, die hohe Inzidenz in Sachsen von 1080 zu erklären und – vor allem – zu beteuern, warum sich das durch die neuen Beschlüsse ändern wird.

Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, war zugeschaltet und hatte den geringsten Redeanteil. Dieser war dadurch aber nicht minder wichtig. Beispielsweise erklärte sie, warum der Impfstoff auch gegen die neue Variante Omikron schütze und die Menschen nicht auf einen angepassten Impfstoff warten müssten.

Eva Quadbeck, stellvertretende Chefredakteurin und Leiterin des Hauptstadtbüros vom RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), sprach vor allem den Vertrauensverlust der Bürger in die Politik an, wenn eine allgemeine Impfpflicht entgegen aller politischen Versprechungen eingeführt wird. So verwies sie etwa auf den Großen Zapfenstreich von Angela Merkel, bei der die Noch-Kanzlerin sagte, dass Vertrauen der Kern von Politik sei. „Vertrauen geht mit einer Impfpflicht kaputt“, sagte Quadbeck.

Das Duell des Abends

„So können Sie nicht mit mir reden“, ermahnte Michael Kretschmer den designierten Justizminister Marco Buschmann. „Reißen Sie sich am Riemen“, konterte Buschmann. Es folgte ein chaotisches Stimmenwirrwarr, in dem beide Streithähne versuchten, sich gegenseitig zu übertönen. Grund des verbalen Schlagabtauschs war die Chat-Plattform Telegram.

Bekanntlich tummeln sich dort Tausende Corona-Leugner und Rechtsradikale, um ihre kruden Ansichten auszutauschen. Kretschmer bat dem wohl künftigen Justizminister ein Gespräch an, um dagegen vorzugehen. „Andere Dinge sind wichtiger. Zum Beispiel das Geld des Bundes zu nehmen und Impfzentren wieder aufzubauen“, war Buschmanns Antwort auf das Gesprächsangebot Kretschmers. Der FDP-Mann kritisierte Sachsens Ministerpräsident dafür, den Corona-Instrumentenkasten nicht vollumfänglich ausgeschöpft zu haben.

„Wenn jemand aus Berlin kommt und mit mir über das Geld des Bundes reden will, ist Schluss“, sagte Kretschmer und kritisiert, dass Buschmann in Sachsen nicht „an der Front“ und viel zu weit weg sei, um darüber zu urteilen. Ihm zur Seite sprang Karl Lauterbach: „Die Zahlen in Sachsen zeigen einen positiven Trend, die Maßnahmen wirken“, sagte er. Dann sagte er den beiden Streithähnen das, was durchaus auch für Gesamtdeutschland gilt: „Wir müssen zusammenhalten, sonst kommen wir nicht klar.“

Das beste Zitat

Der Satz des Abends kam von Immunologin Christine Falk: „Es geht um Menschenleben. Wir haben über 70.000 Neuinfektionen pro Tag und immer weniger Intensivbetten. Wenn das keine Notsituation ist, weiß ich nicht, wie man sie sonst beschreiben soll.“ Damit äußerte sie ihr Unverständnis über das Auslaufen der epidemischen Notlage. Für diese Kategorie aber empfahl sich Falk mit noch einem Satz:

„Was wir in der Pandemie gelernt haben, ist, dass man schnell handeln muss“, sagte sie. Die Frage, ob die Politik denn inzwischen aufgewacht ist, stellte ihr Illner leider nicht. Stattdessen zeichnete Falk ein düsteres Bild. Wenn die Zahlen nicht in den Griff zu bekommen seien, wären die Intensivkapazitäten noch vor Weihnachten ausgeschöpft.

Fazit

Gefragt wurde, ob es endlich einen Plan zur Bewältigung der Pandemie gibt. Wenig überraschend lobten Lauterbach und Buschmann die neuen Corona-Beschlüsse. Durchaus überraschend tat das auch CDU-Mann Kretschmer. Letztlich scheint es dennoch aber, als müsste man die Frage mit einem Nein beantworten.

Gegen Mitte der Sendung wurde vermehrt über eine mögliche Impfpflicht gesprochen. Das Thema zog sich bis zum Ende. „Ich bin für eine Impfpflicht“, sagt Lauterbach. Kretschmer schließt sich dem an, „erst recht, wenn sie von Ihnen kommt“, schmeichelt er Lauterbach. Auch Buschmann sprach sich für eine Impfpflicht aus. So bleibt der Eindruck, als gäbe es noch keinen fertigen Plan – zumindest so lange nicht, bis der Weg für eine Impfpflicht geebnet ist.

Von Steve Reutter/RND