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Waren eng befreundet: Autorin Rosamunde Pilcher und der Pilcher-Produzent Michael Smeaton – hier im Mai 2013.

„Rosamunde Pilcher“: ein Modernisierungsversuch

Schöne Küstenlandschaften im britischen Cornwall und romantische Happy Ends, die sich schon lange vor Filmschluss andeuten: Dafür sind die „Rosamunde Pilcher“-Filme bekannt, dafür werden sie von ihren Fans geliebt. Kritikerinnen und Kritiker hingegen sprechen immer wieder von angestaubtem Kitsch. Letzteres hört der Pilcher-Produzent Michael Smeaton (69) ungern. „Wenn Sie Romantik sagen, wäre mir das lieber“, sagt er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Beleidigt sei er aber auch beim Wort Kitsch nicht, er höre das schließlich nicht zum ersten Mal.

Aber in Sachen Kitsch oder Romantik muss es nicht angestaubt zugehen: Das weiß auch das ZDF und versucht, an einigen Stellschrauben zu drehen, um die Reihe, die es seit 1993 gibt, zu modernisieren, vielleicht ein etwas jüngeres Publikum anzusprechen, und doch die bewährte Zuschauerschaft nicht zu verschrecken. So ist etwa im neuesten Pilcher-Film mit dem Titel „Im siebten Himmel“, der am 5. Dezember im Fernsehen läuft, gleich zu Anfang eine Hochzeit zweier Frauen zu sehen, für die die Vikarin aber von ihrem konservativen Boss in eine andere Gemeinde versetzt wird.

Pilcher-Produzent: lesbische Ehe als Modernisierungsstellschraube

Die gezeigte gleichgeschlechtliche Ehe bezeichnet Smeaton, der seit Anfang an die Reihe produziert und auch mit der 2019 verstorbenen Rosamunde Pilcher eng befreundet war, als so eine kleine Modernisierungsstellschraube. Auch, dass die Vikarin in dem Film sich danach in einen verlobten Mann verliebt und dadurch in einen Konflikt gerät, sei seiner Meinung nach „moderner als eine reine Romantikgeschichte“. „Gleichzeitig bedient es die Marke noch gut. Das Prinzip ‚boy meets girl‘ wird gewahrt. Es geht immer noch darum, ob der oder diejenige am Ende die oder denjenigen bekommt, den er oder sie verdient.“

An diesem Kern, der das Ende der „Rosamunde Pilcher“-Filme doch meist recht vorhersehbar macht, soll auch nicht gekratzt werden, so Smeatons Auffassung. „Der Zuschauer soll ahnen, dass A mit B zusammenkommt“, sagt er. „Das ist ein Merkmal der Filme, das gehört zur Marke.“ Die Zuschauenden könnten vielleicht mit ein paar „Nebelkerzen“ zwischendurch kurz irritiert werden, doch grundsätzlich sollten sie vermuten können, wer der oder die Auserwählte ist und dass es am Ende, natürlich, zum Happy End kommt.

Gleichgeschlechtliche Hochzeit: nichts Neues im TV

Aber sind junge Menschen, die komplexe, überraschende Geschichten von Streaminganbietern wie Netflix, Amazon und Co. gewohnt sind, mit so etwas zu überzeugen? Ist es unter diesen Voraussetzungen nicht ein verklärtes Ziel, eine jüngere Zielgruppe erreichen zu wollen? Smeaton ist da zum Teil Realist: „Der ARD gelingt das mit dem ‚Tatort‘ ganz gut, Jüngere zu erreichen; dem ZDF nur eingeschränkter. Das soll sich ändern. Ob das speziell mit Pilcher gelingt, muss man sehen“, meint er. „Ich glaube nicht, dass das nur mithilfe einer lesbischen Hochzeit klappt“, sagt er ehrlich. Es sei ein Schritt, aber kein riesiger.

Tatsächlich: Eine gleichgeschlechtliche Hochzeit im Fernsehen zu zeigen ist nichts Neues und besonders Modernes. Die Filmreihe geht damit einen Schritt in die Modernität, der in der deutschen Gesellschaft längst Alltag ist. Seit 2001 ermöglichte ein Gesetz homosexuellen Paaren die eingetragene Lebenspartnerschaft, seit 2017 ist die Ehe für alle im Gesetz verankert. In anderen Serien ist dies schon lange Thema. So überzeugen vor allem die bereits genannten Streamingdienste immer wieder mit ihren diversen Casts und Geschichten, wie etwa die Coming-of-Age-Serie „Sex Education“ oder die utopische Historienserie „Hollywood“ bei Netflix. Davon sind Formate wie „Rosamunde Pilcher“, wohl auch bewusst, noch weit entfernt.

Unklar, ob „Rosamunde Pilcher“ nach 2023 im ZDF weitergeht

Ob es mit „Rosamunde Pilcher“ nach 2023 noch weitergeht im ZDF, ist währenddessen noch unklar, wie Christian Schäfer-Koch vom ZDF dem RND mitteilt. „Wir haben noch bis 2023 die Verfilmungsrechte, bis dahin können wir noch neun Filme drehen“, sagt er. Ob es einen Fortsetzungsvertrag geben wird, sei noch offen. Die Quoten waren in den letzten Jahren zurückgegangen: Waren es 2002 etwa noch 9,27 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer bei einer Pilcher-Episode, sahen sich die letzte Pilcher-Verfilmung „Herzensläufe“ im September dieses Jahres nur noch 4,46 Millionen Menschen an.

Smeaton, der zuletzt auch die ARD-Historienserie „Ein Hauch von Amerika“ mitproduziert hat, glaubt aber auch nicht, dass die traditionellen, noch gebliebenen Pilcher-Zuschauerinnen und -Zuschauer durch Veränderungen wie etwa die lesbische Hochzeit verschreckt würden. „Auch ältere Menschen schauen gern moderne Geschichten“, ist er sich sicher. Blickt der Produzent auf die Pilcher-Filme Mitte der 90er zurück, sieht er einen „krassen Unterschied“ zu heute. „Am Anfang der Reihe gab es immer vier Hauptprotagonisten, heute sind es sechs, und die Beziehungen sind verschachtelter“, sagt er und nennt die Geschichten „realitätstüchtiger“.

Diversität Englands auch in den Pilcher-Filmen zeigen?

Außerdem verweist er auf einen Aspekt, bei dem die Pilcher-Reihe ganz „organisch“ moderner sein könne: „Moderner kann man auch gestalten, dass man zwar ein England zeigt, das es nicht gibt – also mit schönen Küstenstraßen und ohne Telegrafenmasten und so was –, aber gleichzeitig auch ein England, das seit Kolonialzeiten eine Diversität hat, die wir uns in Deutschland in dieser Form nicht vorstellen können“, so der Produzent. „Das kann man auch ein Stück weit versuchen, in einem Pilcher-Film organisch zu übernehmen.“

Während die Filme anfangs noch recht originalgetreu an den Romanen und Kurzgeschichten der britischen Autorin Rosamunde Pilcher dran waren, lösten sie sich mit der Zeit mehr davon, wurden in Absprache mit der Schriftstellerin ausgebaut. Irgendwann gingen den Filmemacherinnen und -machern die Vorlagen aus – die Anzahl der Filme überlagerte die ihrer Geschichten, also mussten eigene Storys her. Immer in Absprache mit der Namensgeberin der Filmreihe.

„Lesbische Hochzeit hätte Rosamunde super gefunden“

Doch ihre Nachkommen haben nun für Nachschub gesorgt. Im Oktober ist ein neues Pilcher-Buch mit 15 bislang unveröffentlichten Erzählungen der Bestsellerautorin erschienen. Die Rechte daran hat sich das ZDF gesichert, doch eins zu eins so verfilmt werden sollen sie deshalb nicht: „Wir werden sie in die heutige Zeit versetzen“, so Smeaton, der sich sicher ist, dass Rosamunde etwa die gleichgeschlechtliche Hochzeit im aktuellen Film gefallen hätte. „Die lesbische Hochzeit hätte Rosamunde super gefunden, auch wenn sie sie selbst vielleicht nicht so geschrieben hätte“, sagt er. „Brillant idea“, hätte sie wohl gesagt, oder „well done“ nach dem Sehen des Films. Das seien ihre Lieblingsworte gewesen.

Sowieso findet der Produzent: „Rosamunde Pilcher war ganz anders als ihre Geschichten, sie war überhaupt keine Kitschlady“ – und nimmt damit nun selbst das Wort „Kitsch“ in den Mund. Seine Kinder hätten sie wohl mit den Worten „Was ’ne coole Oma“ bezeichnet – die Pilcher-Filme des Vaters sehen sie sich trotzdem nicht an. Die müssen erst noch zu „coolen Filmen“ werden.

Von Hannah Scheiwe/RND