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Sisi (Dominique Devenport) wird von ihrem zukünftigen Ehemann Kaiser Franz Joseph I. (Jannik Schümann) ins Schloss geführt. Quelle: RTL / Story House Pictures / Louis-Zeno Kuhn

„Sisi“ ist zurück: tiefgründige Wiederauferstehung einer Kult-Schmonzette

Vorbilder können gut sein oder übel, richtig oder falsch, förderlich oder hinderlich. Eins gilt oft: Sie rauben den Nachfolgern alle Chancen zur freien Entfaltung. Die besten – oder eher schlechtesten – Beispiele dafür liefert seit jeher das Fernsehen mit seiner hellen Freude am Erhitzen (k)alter Ideen. Wie zum Beispiel soll man Sisi 66 Jahre nach Ernst Marischkas wirtschaftswunderbunter Quotenkaiserin wiederbeleben, ohne am Ideal zu scheitern?

Indem man es so überraschend und bedeutsam, originell und komplex, so amüsant und fesselnd, vielschichtig und modern, also schlicht fabelhaft macht wie RTL. Ausgerechnet der oberflächenverliebte Privatkanal hat verglichen mit der Unzahl an Verfilmungen – zwei weitere allein in diesem Jahr – ein tiefgründiges Remake der Schnulzentrilogie von 1955–57 gemacht. Zu sehen ist das Ergebnis ab heute bei RTL+ und Ende Dezember im Hauptprogramm. Es lohnt sich. Trotz des aufdringlichen Anfangs.

Denn gleich zu Beginn der Neuauflage sieht man die Kaiserin der Herzen in spe beim, kein Scherz: Masturbieren. Sisi (Dominique Devenport) hat nämlich ein Auge auf irgendeinen Adelsspross geworfen, der bei Herzogs in Bayern zu Gast ist. So richtig gehen die Hormone mit dem Teenager allerdings erst durch, als Sisi zum österreichischen Kaiser Franz Josef nach Ischl fährt, der indes Schwester Néné (Pauline Rénevier) versprochen war. Der Rest ist weithin bekannt.

Politisch informative, feministisch wertvolle Frischzellenkur

Franz heiratet Sisi, deren Freigeist fortan mit der höfischen Etikette, namentlich Erzherzogin Sophie (Désirée Nosbusch), kollidiert und mit anmutigem Trotz um Liebe, Gesundheit, Frieden, Glück kämpft. RTL – war zu befürchten gewesen – würde die gut überlieferte Herzschmerzerzählung der kindlichen Kaiserin ungeniert mit Sex und Crime andicken, damit sich der Massengeschmack unserer enthemmten Gegenwart mit demjenigen der Nachkriegszeit vereinigt. Doch weit gefehlt.

Nach den Drehbüchern von Headautor Andreas Gutzeit verpasst Sven Bohse der klassizistischen Version von Lady Di und Prinz Charles eine politisch informative, feministisch wertvolle Frischzellenkur (fast) ohne überflüssigen Weichzeichner, geschweige denn Weichspüler.

Franz Josef etwa, von Karlheinz Böhm einst zum philanthropischen Machtskeptiker verseift, wird dank Jannik Schümann zum standesbewussten Machtfanatiker, der sich zwischen Kriegserklärung und Brautschau im Bordell verlustiert oder kaltblütig ungarische Freischärler hängen lässt. Ganz schön nah dran an der hässlichen Wirklichkeit, dieses Melodram.

Statt kauzigem Hochadel der Marke Grimms Märchen verkörpert dieser Regent nämlich das zeitgenössische Ideal vom Alleinherrscher über Freund, Feind, Reich und vor allem: sein Weib, das sich derweil um Würde, Sitten, Gebärfähigkeit zu kümmern hat.

Für RTL fast ein Wunder

Anfangs ein Wildfang mit tradiertem Rollenbewusstsein, emanzipiert Sisi sich auch dank ihres liberalen Vaters Max (Marcus Grüsser) zum Subjekt weiblicher Selbstermächtigung. Sie nimmt ihre Fortpflanzungsfunktion zwar an, bereitet sich aber selbstbewusst auf die bevorstehende Hochzeitsnacht vor, indem sie eine Prostituierte als ihre Kammerzofe engagiert. RTL lässt Sisi indes etwas zu oft mit zerrissenem Kleid über den Bodennebel Österreich-Ungarns reiten.

Weil sich der ästhetisch verantwortliche Regisseur Bohse wie bereits in „Ku‘damm 59″ nie völlig vom Mainstream lösen mag, taucht er den Sechsteiler gelegentlich in arg geigenumflorte Überwältigungsoptik. Inspirierender war für ihn aber spürbar Marvin Krens psychedelisches Netflix-Biopic „Freud“, mit dem „Sisi“ nicht nur die Kerzenscheinatmosphäre teilt. Am Ende geht es zwar auch darin um ein Familiendrama mit bekanntem Ausgang. Das zugehörige Kostümfest – genauer die Kostümschlacht – steht allerdings strikt im Dienst der Story statt umgekehrt. Für RTL fast ein Wunder!

„Sisi“, RTL, mit Dominique Devenport, 28., 29. und 30. Dezember, 20.15 Uhr, und schon ab 12. Dezember bei RTL+

Von Jan Freitag/RND