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Ein Weihnachtshit muss her: Helena Zengel (von links), Iwan Rheon und Freida Pinto spielen die Hauptrollen im Sky-Weihnachtsfilm „A Christmas Number One“. Quelle: Sky Deutschland/©XN1 Ltd 2021/o

„A Christmas Number One“: Da kommen kaum Weihnachtsgefühle auf

Musikmanagerin gefordert. Die selbstbewusste Big-Biz-Witch Meg Rai (Freida Pinto) soll nach London reisen, um die Boyband Five Together zu retten. Wie bei allen Boybands seit den seligen Bay City Rollers scheint die älter werdende Gefolgschaft ihren Teenie-Idolen entfliehen zu wollen – jedenfalls: Das letzte Album schwächelte, die Band gibt dem Produzenten die Schuld, was auch nicht hilft. Ein Hit muss dringend her.

Und weil November ist und die Adventszeit naht, kommt dem Plattenfirmenchef die naheliegende Idee, es müsse ein Weihnachtshit sein. Ein „Christmas Number One“ solle die zuletzt euterschwache „only cash cow“ des musikwirtschaftlichen Betriebs wieder bestens melkbar machen. Er setze Meg keinem Druck aus, meint er, aber einen Fehlschlag werde er nicht hinnehmen, sie hingegen bitterlich bereuen. Vier Wochen Zeit.

Megs Retter ist der unwahrscheinlichste von allen: Blake Cutter (Iwan Rheon), Bassist der von ihm gegründeten Trash-Metal-Band Scurve. Erst hat er ihr im Liveclub den Drink übers Revers gekippt, dann ihre Oberlippe mit seinem Basshals blutig geschlagen. „Wie alt bist du?“ fragt sie Blake gehässig. „Du träumst immer noch davon, dass es eines Tages passieren wird, was?“ Scurves Sound ist weiter von Weihnachten weg als eine skandinavische Mittsommerfeier. Brettharter Rock, der Schlagzeuger hat eine Monstermaske übergezogen, die Gitarristin hat einen Wolkenkratzeriro auf dem Haupt. Der erste Eindruck auch der Zuschauenden dieses Weihnachtsfilms ist: „Die schaffen es nie aus ihrem Szenewinkel!“

Helena Zengel spielt die Schlüsselrolle für die Romanze des Films

Aber Blake hat eine Nichte, rangerster Five-Together-Fan, und Weihnachtsmaniac. Nina (Helena Zengel) ist im Krankenhaus, sie gibt dem Lieblingsonkel den Auftrag, ein Lied für sie zu schreiben. Am selben Tag erfährt er, dass sie unheilbar krank ist. Er schreibt ihr einen Brecher namens „Godzilla“. Metal. Sie möchte einen anderen Sound. „Schreib mir ein Weihnachtslied.“ Und im Hintergrund läuten sogleich die Glöckchen. „Okay“, sagt er. Damit gibt es einen Anlass für die zweite Begegnung mit Meg.

Keine Frage, dass ihr Song zugleich der Weihnachtssong für ihre Lieblingsband Five Together werden wird, denkt man zunächst. In Filmen wie diesen geht alles so simpel zusammen wie ein Fünfteilepuzzle für Grundschulkinder. Zumal sich Meg auch nur musikalische Knalltüten mit Weihnachtsmützen auf dem Kopf ins Studio geladen hat, die Sachen singen wie „I build a snowman – out of love.“

Five Together – eine Boygroup der Dumm-und-dümmer-Sorte

Dann sieht man die Teenieband selbst – fünf kindsköpfige Schmaldenker, die jedes Klischee von künstlich gezüchteten Popphänomenen erfüllen. Meg holt Five Together sogar an Ninas Krankenbett. Nie werde er sein Lied diesen Schleimbolzen zur Verfügung stellen, schwört sich Blake. Nicht das letzte Künstlerwort.

Nina zählt zuvor in einem ihrer Smartphonevideos, die nicht unbeträchtliche Zeit des Films einnehmen, die angeblichen fünf Merkmale eines Weihnachtssongs auf: Schnee muss drin sein, Santa oder Jesus, das Wort Weihnachten, Hoffnung auf eine gute Zukunft und eine „bittersweet quality“. Aha! Wir wüssten noch: Sentimentalität, gute Melodie, Glöckchen. Glöckchen streut Regisseur Chris Cottam gefühlt alle fünf Minuten in diesen Film, der fast zwei Stunden dauert und einem schon nach 40 Minuten ziemlich lang vorkommt.

Iwan Rheon ist der nette Metalfreak von nebenan

Immerhin: Iwan Rheon kann also auch ohne Hinterlist und Mordlust lächeln. Man kennt ihn vor allem als sadistischen Bastard Ramsay Bolton aus „Game of Thrones“, hier sieht er aus, als habe Jack Black seit „School of Rock“ (2003) abgespeckt. Freida Pinto ist seit „Slumdog Millionär“ (2008) auf dem Schirm der Cineasten. Und Helena Zengel war 2019 die „Systemsprengerin“, die mit Tom Hanks einen Western drehte. Eigentlich ein gewinnendes Ensemble, doch die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Films bleiben skizzenhaft, umgeben von übelst cartoonesken Nebenfiguren, deren schlimmster der Plattenfirmenchef Grainger Cocksmith (Alfie Boe) ist, für dessen „Erschaffung“ sich Regisseur Cottam wohl einmal zu oft das Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ (2018) angeschaut hat.

Der Schnitt ist grob, drei Drehbuchautoren schreiben keine einzige Zeile von Belang, keinen Gag gibt es, der abliefert und eine Zengel, die eine Halbdeutsche spielt und darob das „the“ vor Konsonanten wie „thi“ spricht, lässt das Zwerchfell auch unbewegt. Als sie dann als das Kind ohne nächste Weihnacht sichtbar wird, gibt sie nach vielen wenig ausdrucksvollen Szenen ein Beispiel ihres überragenden Talents. Die Romanze zwischen der New Yorker Musikfrau und dem Londoner Musiker ist allerdings ohne jedes Knistern. All das wirkt, als habe eine KI das Skript verfasst, auch, als habe keine Schauspielführung stattgefunden. Hier schlägt kein Herz.

Der Film ist ein (längliches) Plädoyer für handgemachte Musik

Als Plädoyer für die „handmade music“, für Folk und Rock ‘n‘ Roll dient „A Christmas Number One“ allenfalls, aber nur weil Five Together hier wie extrem kandierte Lackaffen herumnerven und sie Blakes „Christmas Morning“ extrem manieriert durchkauen. Wenn Leadsänger Marcus im Studio ins Superfalsett steigt, sieht sich der Rocker fassungslos im Regieraum um. Ein Rubber-Soul-Take um den anderen wird verworfen. Und einigermaßen rüber kommt der Weihnachtspopsong erst dann, als Blake selbst die Führung übernimmt und das Lied zu einem extrem emotionalen Anlass singt. Geschrieben wurde das Stück übrigens von Guy Chambers – dem Songwriter der besten Lieder von Robbie Williams. Das Kaliber von „Feel“, „Angels“ oder Millennium“ wird indes nicht erreicht – „Christmas Morning“ ist nett, mehr nicht.

Wer wissen will, was es mit der Weihnachts-Nummer-eins in England auf sich hat, der schaut sich also nach wie vor am besten Bill Nighy als alternden Rockstar Billy Mack in „Tasächlich ... Liebe“ (2003) an, der wie versprochen nackt im Fernsehen auftritt (mit der Gitarre vorm Gemächt), nachdem seine pompöse Weihnachtsversion des Troggs-Klassikers „Love Is All around Me“ es tatsächlich an sämtlichen Teenieacts vorbei an die Chartspitze geschafft hat. So geht ein Hit! Und so geht großes Kino!

„A Christmas Number One“, 113 Minuten, Regie: Chris Cottam, mit Iwan Rheon, Helena Zengel, Freida Pinto (ab 12. Dezember bei Sky)

Von Matthias Halbig/RND