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Auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, mit Kontakt in die Zukunft: Melody Pendras (Dina Shihabi) in einer Szene der wirklich unheimlichen Netflixserie „Archive 81“. Quelle: CLIFTON PRESCOD/NETFLIX

„Archive 81“: Rebecca Sonnenshine liefert bei Netflix perfektes Grauen

Nun ja, noch immer stellen sich einem automatisch die Nacken­härchen steil, wenn auf dem Bildschirm (oder der Leinwand) ein katholischer Priester jemandem zum Weglaufen rät. Auch wenn derselbe Priester gerade einem ängstlichen Teenager­mädchen mit einem Krug Wasser in den Mund goss, als wäre er ein kindes­miss­brauchender Folterknecht. Katholische Priester haben im Horrorgenre eben Kompetenz im Fach „böse Mächte“.

„Es herrscht hier eine schreckliche Dunkelheit“, warnt Pater Russo die filmende Melody, eine Doktorandin in sozio­kultureller Anthropologie an der Universität von New York. Und unser Zuschauer­instinkt, geprüft in Sachen Gebäude­dunkelheit mindestens seit Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ (1968), sagt: „Lauf weg, Melody, so schnell du kannst!“

Sie bleibt natürlich. Offiziell will Melody Pendras (Dina Shihabi) eine Arbeit über „individuelle Anpassung an kulturelle Veränderungen“ schreiben und dazu die Bewohner des Visser Apartment­gebäudes in der East Side – etwa den allzeit allzu sanften, freundlichen Samuel (Evan Jonigkeit) – interviewen. Im Grunde aber ist die angehende Wissenschaftlerin auf der Suche nach sich selbst, nach einem Geheimnis, das tief in ihrer Vergangenheit liegt.

Der Museumsrestaurator und der 100.000-Dollar-Auftrag

Die Ereignisse, derer wir in dem äußerst seltsamen Gebäude mit seinen äußerst seltsamen Bewohnern Zeuge werden, liegen freilich selbst in der Vergangenheit. Das Visser ist, so erfahren wir in der – laut Synopsis auf dem gleichnamigen Horrorpodcast basierenden Netflixserie „Archive 81“ – in den Neunziger­jahren, während Melody dort recherchierte, abgebrannt. Der eigentliche Held von „Archive 81“ ist der junge Bandrestaurator Dan Turner (Mamodou Athie), ein Mitarbeiter des „New Yorker Museums des bewegten Bildes“, der Melodys gefundene Videobänder und ihre von ihr Constance genannte Sony-Kamera retten soll.

Da das verschmorte Material keinen Transport überstehen würde, so bedauert sein Auftraggeber Virgil Davenport (Martin Donovan), muss Dan – immerhin für stolze 100.000 Dollar – außerhalb seines vertrauten Labors arbeiten. In einem Haus jwd, das, wiewohl aus Glas und Beton errichtet, nicht minder unheimlich ist als das Visser. Auch hier draußen in den Catskills scheint eine „schreckliche Dunkelheit“ zu herrschen.

Sonnenshine und Wan sind versiert im Liefern von Gänsehaut

Man fragt sich eine Weile, ob die zunehmenden Grenz­über­schreitungen zwischen den Zeitebenen Dans und Melodys, die zunächst äußerst lebendige (Tag)Träume zu sein scheinen, darin begründet liegen, dass der VHS-Maniac in seiner Kindheit selbst eine traumatische Begebenheit mit Feuer hatte. Aber natürlich kommen Showrunnerin Rebecca Sonnenshine („The Boys“, „Vampire Diaries“) und der ausführende Produzent James Wan („Saw“, „Conjuring“) aus dem Spuk-und-Schrecken-Genre und wollen mehr liefern als Studien der Auswirkung von Einsamkeit auf die menschliche Psyche.

Beide Gebäude haben geheime respektive verbotene Räume. In beiden erscheinen undurch­schau­bare Personen. Auf den Bändern entdeckt Dan unter anderem von Melody heimlich gefilmte Sitzungen eines unheimlichen Kults der Hausbewohner – und natürlich findet sich auch eine wirklich übernatürliche Sphäre. Aus dem „Bildschnee“ der letzten Umdrehungen einer Kassette scheint am Ende der ersten (von acht einstündigen Episoden) plötzlich für Sekundenbruchteile eine Dämonenfratze zu starren.

Kann man eine Tote retten?

Immer mehr scheinen die Dinge, die auf den zu restaurierenden Tapes zu sehen sind, Dans Leben zu berühren oder bereits berührt zu haben, scheint der Inhalt der alten Bänder mit dem Heute zu korrespondieren. Bis der Restaurator auf die Idee kommt, die ganz offensichtlich bedrohte Melody nachgerade vor ihrem vermeintlichen Untergang retten zu können. Und Melody forscht ihrerseits nach dem irritierenden „Gesprächspartner“ aus der Zukunft. Es wird ziemlich „creepy“ – so viel ist versprochen.

Beide Helden haben Unterstützung aus dem Reich des Alltags und des Lichts. Melodys abgeklärte Künstler­freundin Anabelle (Julia Taylor-Ross), die sich wiederholt als ihre Kamerafrau nützlich macht, und Dans bester Freund Mark (Matt McGorry), Moderator des Podcasts „Mystery Signals“, der für ihn recherchiert, sind die Stimmen der Vernunft im herauf­ziehenden Gewölk des Wahnsinns. „Was ist so wichtig an einem Uniprojekt, dass sie 100.000 Dollar investieren?“, fragt Mark Davenport, als der ihn im Studio besucht.

Wir Zuschauer sind froh, dass er und Anabelle da sind, und uns die Spannung erträglich machen. Und wissen doch aus vielen leidvollen Erfahrungen mit Geschichten aus der „Twilight Zone“, mit Gruselstoff wie wie „Spuk in Hill House“ (2018), „Hausen“ (2020) und vielen anderen, dass sie höchst­wahrscheinlich nicht da sein oder scheitern oder außer Gefecht gesetzt worden sind, wenn es zählt. Dass sie niemanden wirklich retten werden können, der in Finsternisse hinabzusteigen bereit ist, dorthin, wo Monster warten.

Immer wieder sind in den Episoden zunächst die ersten Minuten der beschädigten „found footage“-Bilder der VHS-Kassetten Melodys zu sehen, bevor dann die Vergangenheit für den Zuschauer als tatsächlicher Handlungs­strang abrollt. All das wird begleitet von den trauererfüllten Klängen einer Kirchenorgel und schwirrender, schwellender, sich wölbender Geräuschmusik, von der wir erfahren, dass zumindest manches davon auch von den Protagonisten gehört werden kann.

Mit jeder Enthüllung wird „Archive 81“ geheimnisvoller

Episode um Episode wird mehr enthüllt, dabei ist „Archive 81“ eine jener Serien, die nichts­desto­weniger immer geheimnisvoller wird. So dass man sie einfach nicht loslassen kann. Versierte Regisseurinnen wie Haifaa al-Mansour („Das Mädchen Wadjda“, 2012) und Rebecca Thomas („Stranger Things“) bauen die Atmosphäre der Bedrohung kunstvoll auf. Klassiker des fantastischen Genres standen Pate – von „Der Exorzist“ (1973) bis „The Ring“ (2002), von Nicholas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) bis zu Andrej Tarkovskys „Solaris“ (1972), von dem in „Archive 81“ sogar ein Ausschnitt zu sehen ist.

Zeit hat keine verbindliche Richtung in den Gewölben des Schreckens, die Geister bewegen sich in ihr vor und zurück, als wäre sie eine Straße. In Stanley Kubricks „Shining“ (1980) beschied ein impertinenter Butler auf dem großen Ball der Gespenster im Overlook dem betrunkenen Jack Torrance, er sei schon immer der Hausmeister jenes schaurigen Hotels gewesen, das da auf dem eingeschneiten Berg lag wie ein geducktes prähistorisches Tier. Und ganz am Ende ruhte die Kamera dann auf einem Bild, das diese widersinnige Behauptung zu bestätigen schien.

Solchermaßen zweideutig wird gutes Grauen fabriziert und so ist es auch in „Archive 81“: Indem die Dinge zwischen Himmel und Erde ihr Potenzial entfalten, streben sie zugleich danach, sich vor gesunden Menschen­verständen zu verbergen und als Ausdruck des gestörten Unterbewusst­seins des „verrückten“ Verstands kranker oder süchtiger Individuen zu gelten. Nur nicht täuschen lassen! Und das Ende – Übergang zu einer zweiten Staffel im Rahmen des Möglichen – ist dann alles andere als verschwurbelt.

Sonnenshine hat dem Genre mit „Archive 81“ jedenfalls schon zu Jahresbeginn einen Höhepunkt geschenkt – einen formidablen Angstmacher.

„Archive 81“, Staffel1, acht Episoden, von Rebecca Sonnenshine, mit Mamoudou Athie, Dina Shihabi, (streambar ab 14. Januar bei Netflix)

Von Matthias Halbig/RND