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Mutter Matilda Aseo (Gökce Bahadir, r) und ihre Tochter Rasel Aseo (Asude Kalebek) in einer Szene der Netflix-Serie "Der Club". Quelle: Netflix/dpa

Zweite Staffel „Der Club“: Netflix-Serie beschäftigt sich mit Minderheiten in der Türkei

Istanbul. Istanbul in den 1950er-Jahren: Pera ist ein Schmelztiegel, jüdische, armenische und griechische Istanbuler prägen den Stadtteil. Doch die Ressentiments gegen Nicht-Muslime erstarken. Zwei von ihnen sind die sephardischen Jüdinnen Matilda und ihre Tochter Rasel – und Protagonistinnen der Netflix-Serie „Der Club“. Nun ist die zweite Staffel erschienen, in der thematisiert wird, was sonst nur selten in der türkischen Öffentlichkeit Platz findet.

In der Türkei hat die Serie nicht nur großen Erfolg, sondern auch viel Diskussion angeregt. Es geht zum Beispiel um das September-Pogrom von 1955. Türkische Nationalisten griffen damals Juden, Armenier und Griechen sowie deren Einrichtungen an, es gab Tote, Dutzende Frauen erstatteten Anzeige wegen Vergewaltigung. „Das sind Themen, die in türkischen Schulbüchern nicht vorkommen“, sagt Özgür Kaymak, die seit Jahren zu griechischen, armenischen und jüdischen Communities in Istanbul forscht. Mit „Der Club“ würden diese politisch und kulturell erstmals in einem derartig mächtigen Medium wie Netflix Platz finden und als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft gezeigt.

Scharfe Ausgrenzungspolitik gegen Minderheiten

Die Türkei habe sich propagandistisch zwar immer als tolerantes Aufnahmeland für Juden präsentiert, tatsächlich aber jahrelang eine scharfe Ausgrenzungspolitik gegen Minderheiten betrieben, sagt Corry Guttstadt. Sie ist Turkologin und unter anderem Autorin eines Buches über Migrationsgeschichten türkischer Juden im 20. Jahrhundert. Das von Hetze gegen Minderheiten begleitete Thrakien-Pogrom 1934 gegen die jüdische Bevölkerung resultierte etwa in der Vertreibung Tausender Menschen. Ab 1941 wurden nicht-muslimische Bürger zu Zwangsmilitärdiensten auf unbestimmte Zeit rekrutiert. Ab 1943 mussten dann nur Nicht-Muslimen eine teilweise horrende Vermögenssteuer zahlen, die für viele den finanziellen Ruin bedeutete.

In der Serie etwa werden Vater und Bruder von Matilda in ein Arbeitslager geschickt, weil sie die Steuer nicht zahlen können. „Bis Ende des Zweiten Weltkriegs lebten etwa 70 000 Juden in der Türkei“, sagt Guttstadt. Als Resultat der gegen sie gerichteten Politik habe mehr als die Hälfte mit der Staatsgründung Israels das Land verlassen.

Serie spiegelt Türkisierungspolitik unverblümt wieder

Die sogenannte Türkisierungspolitik spiegelt die Serie unverblümt wieder. So gibt der Besitzer des Clubs, der der Serie ihren Namen gibt, mit zunehmendem Erfolg auch immer mehr dem Druck türkischer Autoritäten nach, nur „echte“ Türken einzustellen und andere zu entlassen.

Juden, die die Türkei nicht verließen, hätten sich bemüht, nicht aufzufallen, sagt Kaymak. Auch viele der heute noch in der Türkei lebenden 16 000 Juden und Jüdinnen würden weiterhin vermeiden, in der Öffentlichkeit als solche erkannt zu werden. Namen würden abgeändert und religiöse Symbole versteckt.

Realitäten häufig ignorierter Geschichte auf die Bildschirme bringen

In der Drama-Serie „Der Club“ gelingt es, die Realitäten einer häufig ignorierten Geschichte auf die Bildschirme etlicher Menschen zu bringen. „Das braucht Mut, wenn man an das politische Klima in der Türkei denkt“, sagt Kaymak.

RND/dpa