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Viele junge Menschen träumen von einem Job in der Gamingbranche. Experten warnen aber, dass die Jobs „weder stabil noch gut bezahlt“ seien. Quelle: Gorodenkoff - stock.adobe.com

Jobs in der Gamingbranche – von wegen Traumberuf?

Die Umsätze mit Videospielen wachsen und wachsen. Verschiedene Marktforscher schätzen, dass der globale Markt in einem der nächsten Jahre die Marke von 200 Milliarden US-Dollar Umsatz knacken dürfte. Die Branche ist jung, kreativ und boomt in vielen Bereichen – bei Handy- und Computerspielen, Konsolen und Virtual Reality. Viele junge Menschen träumen von einem Job in der Sparte.

Der Experte Jason Schreier jedoch warnt: Jobs in der Industrie seien „weder stabil noch gut bezahlt“. Die Branche verkaufe vor allem „die Illusion einer Karriere“. Zehn bis 15 Jahre bleibe kaum ein Mensch bei ein und demselben Studio. Das sagte der US-Autor auf der Werbetour für sein Buch „Press Reset“, in dem er der Branche grundlegende Probleme mit ihrer Arbeitskultur vorwirft.

Klage gegen Activision Blizzard

Das börsennotierte Traditionsunternehmen Activision Blizzard zum Beispiel stand bisher für Hits von „World of Warcraft“ bis „Call of Duty“. Nun stehen Vorwürfe im Raum, dass hier über viele Jahre hinweg Diskriminierung und sexuelle Belästigung geduldet wurden. Vergangenen Juli verklagte eine Behörde der kalifornischen Regierung den Konzern wegen der Vorwürfe.

Viele der Enthüllungen sind streng genommen nicht neu. Beachtung fand jetzt etwa ein zehn Jahre altes Youtube-Video einer Entwicklerfragerunde. Darin fragt eine Spielerin die „World of Warcraft“-Macher, ob sie auch weibliche Charaktere entwickeln könnten, die nicht wie Models aus dem Unterwäschekatalog aussähen. Eines schaffen die Herren im Panel augenscheinlich nicht: die Frage ernst zu nehmen. „Aus welchem Katalog denn?“, ist eine der von Gelächter untermalten Antworten. Inzwischen stehen sogar Vorwürfe im Raum, dass Konzern-CEO Bobby Kotick eine weibliche Angestellte bedroht habe. Hunderte Angestellte fordern seinen Rücktritt.

Talentflucht bei Ubisoft

Jüngst enthüllte die Fachpublikation „IGN“ interne Querelen bei Bungie. Das Studio steht für Hits von „Halo“ bis „Destiny“. Hier gehörten massive Überstunden offenbar zum guten Ton. Auf guten Umgang wurde weniger Wert gelegt: Wichtige Mitarbeiter konnten sich laut dem Bericht Wutanfälle leisten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Bei Riot Games, den Machern des E-Sport-Hits „League of Legends“, wurden bereits 2018 Fälle von sexueller Belästigung bekannt. Inzwischen ist eine 100 Millionen US-Dollar schwere außergerichtliche Einigung in Sicht. Und Ubisoft („Assassin‘s Creed“, „Just Dance“) hat bisher so langsam auf den Skandal um Fälle sexueller Belästigung reagiert, dass sich Berichte über Talentflucht aus dem Unternehmen mehren.

Publikum wehrt Kritik oft ab

Bereits im Jahr 2004 machte eine Bloggerin unter dem Aliasnamen „EA Spouse“ Schlagzeilen, weil sie von regelmäßigen, exzessiven Überstunden berichtete. Der geläufige Ausdruck der Branche für diese immer noch häufig tolerierte Praxis lautet „crunch time“. 2013 schlugen die Youtube-Videos der Medienwissenschaftlerin Anita Sarkeesian hohe Wellen, in denen sie den Sexismus vieler Videospiele thematisierte.

Wer unbequeme Wahrheiten ausspricht, wird jedoch häufig ignoriert oder auch scharf angegriffen – nicht zuletzt von einem meinungsfreudigen Teil des Publikums, der abwehrend auf jede Kritik an Spielen oder den Studios dahinter reagiert. Doch der Wandel ist angestoßen. Erin Hoffmann, die Frau hinter dem Alias „EA Spouse“, lobt den Konzern inzwischen für seine verbesserte Arbeitskultur. Kritikerinnen wie Anita Sarkeesian haben keinesfalls nur Ablehnung erfahren, sondern sind auch in der Gamingbranche für ihre Arbeit gelobt und ausgezeichnet worden. Offensichtlich geht es voran, aber quälend langsam. Brancheninsiderinnen wie die Entwicklerin und Funktionärin Kate Edwards bescheinigen der Industrie im Ganzen, sie „kämpfe immer noch darum, mündig zu werden“.

Und in Deutschland?

Dass bisher kaum Skandale aus Deutschland bekannt geworden sind, ist nicht unbedingt ein Grund zur Beruhigung. Demonstrativ setzt sich der deutsche Branchenverband Game für eine „liberale und offene Gamingbranche“ ein. Eine „positive Arbeitskultur“ spiele eine „immer wichtigere Rolle“ in den Unternehmen, attestiert Geschäftsführer Felix Falk. Einer Initiative von Game mit dem vielsagenden Titel „Hier spielt Vielfalt“ haben sich bisher mehr als 1500 Menschen angeschlossen.

Der US-Experte Jason Schreier fordert Entwicklerinnen und Entwickler auf, sich in Gewerkschaften zu organisieren. Insiderinnen wie Kate Edwards pochen auf die Notwendigkeit einer starken Öffentlichkeit. Die Skandale bei Activision Blizzard und anderswo seien „qualvoll“ gewesen, aber sie machten eine bessere Zukunft erst möglich. Der Wandlungsprozess wird andauern.

Von Jan Bojaryn/RND