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Kosack ist Ufa-Geschäftsführer. Quelle: Bernd Jaworek

Ufa-Geschäftsführer sieht Fachkräftemangel als Chance für Filmbranche: „Win-win-Situation“

Joachim Kosack, 1965 als Sohn eines christlichen Missionars in Indonesien geboren, widmete sich früh dem Theater, bevor er mit 30 zur Ufa wechselte und dort Serien wie „GZSZ“ schrieb. Nach einer Zwischenetappe bei Sat1 kehrte er 2012 zurück. Er ist Geschäftsführer der UFA GmbH und von UFA Serial Drama

Herr Kosack, die Ufa wirbt wegen Fachkräftemangels um Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger für ein Weiterbildungsprogramm. Ist das ein Hilfegesuch oder ein Hilferuf?

Joachim Kosack: Zunächst mal ist es eine Win-win-Situation. Auch wenn die Ufa ihre Projekte noch produzieren kann, ist der Fachkräftemangel ein Thema, das die ganze Branche betrifft. Keiner steht mehr Schlange, um beim Film zu arbeiten.

Weshalb?

Durchs Streaming wird seit Jahren so viel produziert, dass es schlicht nicht genug Leute gibt. Man hat gerade Leuten wie mir vom Theater früher die Jobs förmlich hinterhergeschmissen. So einfach funktioniert das nicht mehr – zum Glück.

Zum Glück?

Weil die Branche damals bürgerlich, akademisch, weiß und männlich geprägt war, kann es ihr nur guttun, wenn sie durch Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen diverser wird. Vor der Kamera gibt es mittlerweile Leute genug, die sich dafür interessieren. Dass es auch dahinter interessante Jobs gibt, muss vielen erst noch vermittelt werden. Wer weiß schon, was ein Focus-Puller ist?

Sie meinen Kameraassistenz?

So etwas wird auf unserer Homepage erklärt. Darüber hinaus haben wir den dringlichsten Bedarf evaluiert und vier Felder gefunden: Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Script/Continuity, Filmgeschäftsführung. Dafür werben wir auf Social Media, aber auch analog mit einer Agentur, die im deutschsprachigen Raum Casting-Events in Einkaufspassagen organisiert, bei denen wir Bewerber und Bewerberinnen für Scripted-Reality-Formate auch über Berufe jenseits der Kamera informieren. An denen besteht seit dem Telenovelaboom der Nullerjahre ein Riesenbedarf.

Zumal diese Jobs selten lineare Ausbildungsberufe sind.

Unserer Branche ist von Learning by Doing geprägt. Selbst Gewerke, die wie Kostüm, Maske, Ausstattung handwerklich orientiert sind, wurden lange nicht in der Lehre, sondern in der Praxis erlernt. Film und Fernsehen waren immer eine Quereinstiegsbranche. Dem wurde erst durch Mindestlohn, Praktikumsregulierung und der Anerkennung vieler Ausbildungen durch In­dus­trie- und Handelskammern richtigerweise politisch Einhalt geboten. Ob man sich noch grundsätzlich orientiert, wegen des kaputten Rückens umsatteln oder noch einmal was Neues erlernen möchte: Bei uns sind alle willkommen, die Interesse an unserer Ausbildung haben.

Wofür Sie Ihnen auch etwas zahlen?

Im Rahmen rechtlicher Vorgaben; auch das gehört zur Professionalisierung. Und es wirkt. Nach 24 Stunden hatten wir bereits 20 Bewerbungen für die Ufa-Academy.

Interessierte dürfen laut Homepage 26 bis 60 sein. Bildet sich die Ufa Leute aus, die sieben Jahre später vielleicht in Rente gehen?

Zum einen erleben wir, dass Menschen heute länger arbeiten und auch mit 60 agiler sind als zur Zeit von Norbert Blüms Satz, die Rente sei sicher. Zum anderen schließt Diversität auch das Alter ein. Warum sollen wir dringend benötigte Fachkräfte aufgrund ihrer Reife ausschließen, also diskriminieren?

Nehmen Sie dem Quereinstieg somit ein wenig vom Makel des Scheiterns im alten Beruf und der Unterqualifikation im neuen?

Den Gedanken hatte ich als jemand, der selbst vom Theater zum Filmgeschäftsführer quereingestiegen ist, zwar nie, aber es stimmt: Quereinstiege hatten lange keinen allzu guten Ruf. Nur: Die Wendigkeit der Start-up-Gesellschaft macht elitäres Expertentum zusehends überflüssig, während soziale Kompetenz, Gestaltungswille, Leidenschaft wichtiger werden. Beruflich ­flexibler zu sein, hat – auch durch Corona – an Bedeutung gewonnen. Die Zeit des Makels ist vorbei.

Wenn Ihnen die Ufa-Leitung zu langweilig wird, welcher Quereinstieg wäre denkbar?

Kein Quereinstieg, eher ein Rückeinstieg: Theaterintendant im kleinen Dreispartenhaus der deutschen Provinz. Ich plane das nicht, fände es aber toll.

Von Jan Freitag/RND