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21 „Brennpunkte“ in 39 Tagen: WDR-Moderatorin Ellen Ehni im ARD-„Brennpunkt: Krieg gegen die Ukraine“. Quelle: WDR/Annika Fußwinkel

ARD reduziert Ukraine-„Brennpunkte“: Die gefährliche Gewöhnung an den Krieg

Groß war das Entsetzen, als Wladimir Putin vor knapp sechs Wochen Ernst machte in der Ukraine. Friedensdemonstrationen in westlichen Großstädten. Eine Flut von Ukraine-Flaggen in den sozialen Medien. Millionenspenden an Hilfsorganisationen. Solidarappelle, Gottesdienste, Schüleraktionen, die Welt in Aufruhr. Noch immer ist die Hilfsbereitschaft groß, noch immer berichten Medien in hoher Schlagzahl über die russische Invasion. Doch selbst Krisen historischen Ausmaßes folgen den Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie: Schleichend setzt Gewöhnung ein.

Der Krieg ist nicht mehr Dauerthema in Privatgesprächen. Die Fassungslosigkeit lässt langsam nach. Die Empörungswelle in den sozialen Medien schwillt ab und weicht eher stummem Kopfschütteln. Und nun will auch die ARD die Frequenz ihrer „Brennpunkt“-Sondersendungen zum Krieg in der Ukraine reduzieren. „Ich glaube, dass wir viele überfordern, wenn wir weiterhin jeden Abend das komplette Abendprogramm von ‚Tagesschau‘ bis ‚Tagesthemen‘ und noch danach monothematisch mit dem Thema Ukraine gestalten“, sagte ARD-Chefredakteur Oliver Köhr der Deutschen Presse-Agentur. „Irgendwann müssen wir als Verantwortliche für das Vollprogramm auch wieder unserem Auftrag zur Bandbreite nachkommen.“

21 „Brennpunkte“ in knapp sechs Wochen

Stolze 21-mal hat Das Erste seit dem russischen Überfall auf die Ukraine das Programm um 20.15 Uhr geändert – also statistisch gesehen an jedem zweiten Tag. Bis zu elf Millionen Zuschauer schalteten ein, berichtet das Medienmagazin „DWDL.de“. Selbst kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020 war die „Brennpunkt“-Frequenz nicht so hoch. „Das Interesse am Krieg ist noch größer als das an der Pandemie“, sagte Köhr. „Jetzt müssen wir schauen, wie wir das dosieren.“ Sondersendungen solle es auch weiterhin geben – aber vor allem im aufgewerteten Nachrichtenkanal tagesschau24, den die ARD schrittweise zu einem Newsvollversorger „wie CNN“ ausbauen will.

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Die Entscheidung für einen „Brennpunkt“ strahlt immer auch eine gewisse Gravitas aus. „Brennpunkte“ taugen immer auch als Indikatoren für das Ausmaß einer Krise und den Grad des Interesses. Der Wissensdurst in Sachen Ukraine ist zwar weiterhin groß, ebenso das ungläubige Staunen. Insgesamt aber nimmt außerhalb des direkt betroffenen Gebietes die in den ersten Wochen extrem große Anteilnahme ab. Denn der emotionale Arbeitsspeicher ist nach zwei Jahren Pandemie voll. Es ist ein zynisch wirkender, aber menschlicher Reflex: Psychologen sprechen von der „Compassion fatigue“, also erschlaffender seelischer Teilhabe.

„Die Welt beginnt, sich daran zu gewöhnen“

Ein Nachrichtenzyklus unterliegt zumeist drei Phasen: In Phase eins ist die Erregung gewaltig, „Breaking News“ jagen sich in hoher Frequenz. In Phase zwei tritt Newsroutine ein; das Thema ist nicht mehr omnipräsent. In Phase drei schließlich schweift die globale Aufmerksamkeit ab. Die Scheinwerferlichtkegel der Weltpresse schwenken auf einen neuen Krisenherd weiter, obwohl sich am blutigen Morden vor Ort nichts geändert hat. Es ist ein bitterer Moment für die Opfer. „Die Toten des gestrigen Newscycles sterben ungesehen“, schreibt die die ukrainisch-stämmige Publizistin Marina Weisband.

Die erschöpfte Psyche des Nachrichtenkonsumenten aber schützt sich, indem sie schrittweise auf Durchzug schaltet. Viele haben davor gewarnt. „Wir dürfen uns nicht an den Krieg gewöhnen“, sagte Papst Franziskus vor wenigen Tagen. „An diesen Kriegszustand können und wollen wir uns nicht gewöhnen“, mahnte auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). „Die Menschen gewöhnen sich langsam daran. Die Welt beginnt, sich daran zu gewöhnen. An den Krieg, an die Bombardierungen unserer Städte, an die Raketenschläge gegen unser Land“, tadelte auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Rede vor dem niederländischen Parlament – „Für viele andere und für uns in der Ukraine wird das bedauerlicherweise langsam zur Routine, aber nicht für die Menschen, deren Leben jede Minute in Gefahr ist.“

Die Grenzen der Anteilnahme

„In den ersten 72 Stunden dieses Krieges überschlugen sich die Ereignisse“, schrieb Weisband. „Jeder Tag war eine Eskalation. Es fesselte. Aber jetzt wird der Krieg langsamer. Man kennt seine Grundzüge. Eine schreckliche Gewöhnung setzt ein. Eine Gewöhnung an Dinge, die viele Leben vernichten.“ „Psychic Numbing“ heißt dieser psychologische Sättigungseffekt – emotionale Taubheit, ausgelöst durch wochenlange Liveticker des Todes. Allein die Themen der sonntäglichen Talkshow „Anne Will“ in den vergangenen Wochen zeigen laut „DWDL.de“, wie monothematisch die ARD ausgerichtet war. Die Sendungstitel lauteten: „Wie ist ein neuer Krieg zu verhindern?“, „Putin führt Krieg in Europa – Wie ist er zu stoppen?“, „Krieg gegen die Ukraine – Wie weit wird Putin gehen?“, „Angriff auf die Ukraine – wie kann Putins Krieg beendet werden?“ und „Putins Angriff – Krieg ohne Ende?“.

„Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“ heißt es in einem Schlager von 1964. Umgekehrt gilt auch: Man gewöhnt sich so schnell an das Schlimme. Je öfter ein negativer Reiz auf die Psyche wirkt, desto geringer sein Effekt. Und mehr noch: Einzelne Schicksale nehmen Menschen mehr mit als Massendramen. Deshalb wird ein ertrunkener vierjähriger Junge zum Symbol einer Flüchtlingskatastrophe. Deshalb wühlen 13 festsitzende junge Fußballer in einer Höhle in Thailand unbeteiligte Zuschauer für eine gewisse Zeit mehr auf ein ganzes hungerndes Volk am Horn von Afrika. „Unsere Fähigkeit, für Menschen, die Leid erfahren, Empathie zu empfinden, sinkt, je größer die Anzahl der betroffenen Menschen ist“, schreibt der Schweizer Kommunikationsfachmann Marko Ković im Wissensmagazin „higgs“.

Wenn das Entsetzen abklingt, haben Mörder freie Bahn

Das Problem: Abnehmende Empathie nützt vor allem den Tätern. Wenn das Entsetzen der Welt abklingt, haben Mörder freie Bahn. „Internationale Aufmerksamkeit kann eine schützende Wirkung haben“, mahnt Weisband. Aber: „Nicht mehr lange und bei uns werden neue Dinge relevant. Und die Ukraine wird ein Hintergrundrauschen. Und das ist für die Menschen dort gefährlich.“ Denn dann sinkt der globale Druck auf Putin. Dann droht auch die Ukraine zu einem routinemäßigen Krisenthema wie der Syrienkrieg oder der Nahostkonflikt zu werden. „Der große Feind der Sittlichkeit ist die Abstumpfung“, schrieb Albert Schweitzer.

Was gegen Abstumpfung hilft: eine Art „vorsätzliche Wachheit“ bei Lesern und Zuschauern, also absichtliche, vernunftgesteuerte Teilhabe. Und faktenbasierte, kontinuierliche Berichterstattung auf Seiten der Medien. „Man muss Menschen zugestehen, auch mal an etwas anderes zu denken“, sagte der Münchener Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann im Deutschlandfunk. „Aber Medien müssen sich auch bewusst sein, dass dies kein ‚normaler‘ Konflikt ist.“

Dafür müssen es gewiss nicht 21 „Brennpunkte“ in 39 Tagen sein. Aber weniger als einer pro Woche sollte es nicht werden, solange der Kriegsverbrecher Putin sein grausames Treiben nicht beendet und zwischen Lwiw und Mariupol der „Krieg der Systeme“ tobt. Denn ein ARD-„Brennpunkt“ ist mehr als ein Breaking-News-Ventil. Er ist auch ein Symbol für Wahrnehmung und Anteilnahme in Deutschland.

Von Imre Grimm/RND