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Der Biologe Hans-Gerhard Kulp im Teufelsmoor. Quelle: Saskia Heinze

Der Mann und das Moor

Radtour nahe Worpswede, Niedersachsen. Hans-Gerhard Kulp fährt über einen holprigen Feldweg. Viel flache, grüne Wiese, dazwischen Wassergräben. Ab und an ein Bauernhof mit rotem Klinker, versteckt zwischen Tannen und Birken. Ein Traktor tuckert auf einem Feld, dahinter stakst ein Storch. Kraniche trompeten im Himmel. Touristen spazieren. Es ist ein windstiller, sonniger Tag. Perfekte ländliche Idylle.

Kulp hält an und schaut auf die Wiese. Ein Mann mit runden Brillengläsern, grünem Pulli, grüner Kapuzenjacke. Er wohnt hier ganz in der Nähe. Aber er sieht hier keine Idylle. Der 65-Jährige denkt an die tickende Zeitbombe, die unter der Oberfläche dieser Wiese schlummert. Oder zumindest das, was davon noch übrig ist.

Ein gigantischer CO₂-Speicher in Gefahr

Hans-Gerhard Kulp, 65, ist promovierter Biologe und Naturschützer. Seit rund 25 Jahren forscht er zu den Mooren Deutschlands. Jetzt greift er in seine Umhängetasche, entfaltet eine Landschaftskarte. Vom Fluss Wümme bei Bremen bis hoch nach Bremerhaven, auf rund 400 Quadratkilometern – das ist alles Moor, genauer: Teufelsmoor. Sein Schutzgebiet, um das er sich kümmert. Häuser, Straßen, Kühe stehen hier auf Torf. Sie stehen auf abgestorbenen Pflanzenresten. Und genau das ist Kulps große Sorge. Denn diese Pflanzenreste schwinden.

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Und während die meisten Menschen da an den Umstieg vom Auto aufs Fahrrad denken, an weniger Langstreckenflüge und weniger Fleisch essen, denkt Kulp an sein Moor. Für ihn ist der Landstrich viel mehr als das, was sich Laien darunter vorstellen. Das Moor ist kein Sumpfloch. Hier leben Tiere und Pflanzen, die immer seltener werden. Hier leben Bauern, die auf Moorboden wirtschaften. Und hier liegt ein gigantischer CO₂-Speicher unter der Erde, der in Gefahr ist.

Das Moor sackt ab

Wer im Teufelsmoor wohnt, spürt das schon länger. Jedes Jahr sinken die Wiesen und Äcker um rund ein bis drei Zentimeter. Vor 50 Jahren war das Gelände noch rund 50 Zentimeter höher. Kulp kennt Anwohner und Anwohnerinnen, die neue Stufen vor die Haustür bauen und Risse in der Wand stopfen. Er kennt die Straßen, auf denen Autos nur noch mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs sind, weil der Boden ständig absackt. Er kennt aber auch das unsichtbare Drama, das weit über das Teufelsmoor hinaus Probleme macht.

Eigentlich ist das einfach erklärt: Um in Mooren wirtschaften zu können, haben die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten die Landschaft künstlich trockengelegt. Das Wasser musste weg, um Torf zu verkaufen, um Tiere weiden zu lassen. An eines dachte man damals aber noch nicht: Fehlt die Nässe, dringt Sauerstoff in den Torf ein. Mikroorganismen fangen an, ihn zu zersetzen. So wie das auf jedem Komposthaufen passiere, sagt Kulp.

Trockene Moore als CO₂-Schleudern

Das trifft ganz Deutschland. Je mehr trockenen Torf die Mikroorganismen zersetzen, umso mehr Kohlenstoffdioxid landet in der Atmosphäre. Eigentlich war das ursprüngliche, nasse Moor ein natürlicher Speicher von CO₂. Heute ist das Moor eine Problemzone, die den Klimawandel noch verstärkt. 30 bis 40 Tonnen CO₂ landen pro Jahr in der Atmosphäre – und das nur auf einem Hektar Fläche, sagt Kulp. „Das ist so, wie wenn man mit dem Flugzeug dreimal um die Erde fliegt.“ In seinem Landkreis ist das Moor die größte Treibhausgasquelle überhaupt. Das hat ihm ein Forschungsinstitut aus Greifswald belegt. Sein Moor, ausgerechnet.

Er denkt da nicht nur an das Teufelsmoor. Rund 7 Prozent aller nationalen Treibhausgas-Emissionen kommen aus trockengelegtem Moor, weitgehend verteilt über Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Bayern. „Das ist eine Größenordnung, die wir uns heute überhaupt nicht mehr leisten können“, sagt Kulp.

„Moor muss nass“

Wer verstehen will, wie sich der Biologe die Landschaft eigentlich vorstellt, muss das trockene Moor verlassen. Kulp schwingt sich auf sein Rad, fährt über eine Brücke, um den Fluss Hamme zu queren. Dahinter beginnt eine neue Zone. Kein Baum mehr, keine grüne Wiese, kein Haus. Nur noch Grasinseln, Schilf. Und vor allem: ganz viel Wasser.

Diese Flächen sind vor Jahren künstlich angelegt worden, um im Winter Regen zu speichern. Auch Gänse, Schwäne, Kiebitze werden hierher gelockt. Retentionsraum, so nennt Kulp das. Im Prinzip stellt er sich solche Flächen auch für die landwirtschaftlichen Felder vor. Moor muss nass, sagt Kulp. Oder als Fachmann gesprochen: Es braucht die Wiedervernässung. Immer Schietwetter? Für die Moore eigentlich genau richtig.

Passiert ist bislang aber nicht viel. Schon Mitte der 90er schrieb er erste Forschungsberichte darüber, dass das trockene Moor ein Problem für den Klimawandel ist. Dass das Wasser fehlt, mahnt Kulp seit Jahren beim Landkreis an. In seinem Schutzgebiet beobachtet er, wie sich Pflanzen trotz verändertem Klima entwickeln, wie viel Regen wo fällt. Er führt Schulklassen, Studierende, Tourismusgruppen durch sein Gebiet, erklärt immer wieder, wie alles zusammenhängt. Bald geht Kulp in Rente.

Torf kann zurückkommen

Viel Arbeit liegt hinter ihm. Aber wofür eigentlich? Auch das will Kulp zeigen. Dafür muss er runter vom Rad. Zu Fuß geht es weiter, über einen Trampelpfad, über weichen, moosigen Grund. Vorbei an einem Birkenwald, vorbei an einem Gagelstrauch, Schilf und Pfeifengras, das im Wind raschelt. Versteckt hinter Bäumen liegt ein weiter, dunkler See. Und auf seiner Oberfläche schwimmt das, wofür der Moorexperte jeden Tag kämpft.

Kulp bückt sich und fischt eine grüne Pflanze aus dem Wasser. Er legt sie in seine Handinnenfläche und zählt auf: das Köpfchen, kleine Äste und Blätter am Stamm, darin winzige Hohlräume. Am unteren Rand bereits abgestorbene und ausgeblichene Pflanzenteile. „Gefranstes Torfmoos“, sagt Kulp. „Ein eher zartes.“ Was er da zeigt, ist das ganze Potenzial, das Moore eigentlich haben, wenn es um Klimaschutz geht. Es ist der Baumeister von wieder wachsendem Torf.

Fünf Jahre für wenige Quadratmeter Torfmoos

Ganze fünf Jahre hat es gedauert, bis sich einige wenige Quadratmeter Torfmoos gebildet haben. Damals hat die Naturschutzbehörde Gräben geschlossen und Erdwälle baggern lassen, um Wasser anzustauen. Vorher gab es auch hier kein richtig nasses Moor, weil Torf gestochen und Boden trockengelegt wurde. Jetzt soll das rückgängig gemacht werden. Das Torfmoos soll wieder in Ruhe wachsen, irgendwann zu einem riesigen Geflecht werden.

So groß und stabil, dass man theoretisch sogar darüber laufen kann, sagt Kulp. Heute würde man im Pflanzenteppich noch tief ins Wasser einsinken. Wenn man aber Glück hat, entsteht in rund 50 Jahren Torf. Darin bleibt der Kohlenstoff langfristig konserviert – wenn es nass bleibt. Würde man das in großem Stil betreiben, könnte man dem Biologen zufolge sogar noch zusätzlich CO₂ aus der Atmosphäre ziehen.

Ein Strukturwandel im Moor steht an

Kulp macht sich da aber nichts vor. Bevor ein Bagger einen Graben zuschüttet, kommt die Bürokratie. „Ein unheimlich dickes Brett“, wie er sagt. Im Moor gibt es viele Interessen. Denn wovon sollen die Landwirte leben, wenn die Felder wieder nass werden? Eine Kuh kann im Moor nicht grasen. Ein Hof allein kann sich nicht dazu entscheiden, das Feld vor der Haustür fluten, wenn der Nachbar nicht einverstanden ist. Und die Wasserbehörde verlangt Beweise dafür, dass der nasse Boden wirklich Vorteile hat. Das wiederum kostet – bis zu 50.000 Euro für ein Gutachten.

Aber er beobachtet: Im Kleinen tut sich langsam etwas. Da sind zum Beispiel Forschende, die schauen, wie man auf wieder nassem Moorboden noch mit Landwirtschaft Geld verdienen kann. Paludikultur nennen sie das. Dämm- und Baustoffe, Sonnentau für Arzneimittel, selbst der Anbau von Schilf für Pommes-Schalen ist im Gespräch. Kulp kennt diese Ansätze. Bislang kennt er aber nur wenige Bauern, die so etwas im Teufelsmoor ausprobieren würden.

Erste Erfolge sieht Kulp auch in seinem Schutzgebiet. Schon jetzt zieht das neu gezüchtete Torfmoos am angestauten See Nährstoffe aus dem Wasser. Erste Birken darin sterben ab, ein Anzeichen dafür, dass der pH-Wert im Wasser sinkt. Die Mikroorganismen ziehen sich zurück, weil ihnen das Milieu zu sauer ist. Sie zersetzen keinen Resttorf mehr und legen keinen Kohlenstoff mehr frei. Ein kleines, nasses Stück Moor, das ganz von allein wächst. So soll es sein, sagt Kulp. Für ihn ist das Idylle. Es ist ein Anfang.

Von Saskia Heinze/RND