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Die ukrainische Journalistin Kateryna Hatsenko. Quelle: Privat

„Wenn ich weinen würde, könnte ich nicht schreiben“: der Alltag einer jungen Journalistin in Kiew

Es ist gar nicht so leicht, mit Kateryna Hatsenko einen Gesprächstermin zu finden. Die 23-jährige Journalistin ist viel unterwegs. Sie arbeitet in Kiew für den ukrainischen Sender Channel 24 und zudem mit Teams des tschechischen, französischen und norwegischen Fernsehens zusammen. Endlich steht der vereinbarte Telefontermin – und muss dann doch kurzfristig verschoben werden: Hatsenkos Vermieterin benötigt dringend Krebsmedikamente, die sie in der Stadt aufzutreiben versucht – zunächst vergeblich.

Frau Hatsenko, haben Sie die Krebsmittel für ihre Vermieterin inzwischen bekommen?

In Kiew gab es leider keine. Glücklicherweise haben mir aus Tschechien angereiste Kollegen die Medikamente mitgebracht. Meine Vermieterin ist zumindest für vier Monate versorgt.

Wo befinden Sie sich jetzt gerade, während wir sprechen?

In Kiew. Ich lebe hier seit zwei Jahren und studiere an der Universität Rundfunk. Zuvor habe ich in Dnipro im Osten des Landes meinen Bachelor als Journalistin gemacht. Meinen Masterabschluss wollte ich dieses Jahr in Kiew ablegen. Aber daraus wird nach dem Einmarsch der Russen jetzt erst mal nichts. Seit Krieg herrscht, drehe ich für ausländische Sender oder übersetze Interviews aus dem Ukrainischen ins Englische. Das könnte für mich auch eine Option für die Zukunft sein: Wer weiß schon, wie es mit dem ukrainischen Fernsehen weitergeht?

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Aber Ihr ukrainischer Channel 24 sendet nach wie vor?

Ja, auf jeden Fall. Aber wir haben gerade Schwierigkeiten, weil die Anzeigen wegbrechen.

Wie viel verstehen ausländische Journalisten von der Ukraine?

Die tschechischen Kollegen wissen viel. Sie vergleichen die Situation hier mit der in ihrem eigenen Land 1938, als das nationalsozialistische Deutschland sich daranmachte, die Tschechoslowakei zu zerschlagen. Die Norweger und auch andere haben nicht unbedingt so viel Ahnung. Sie scheinen ihre Arbeit manchmal beinahe wie eine Besichtigungstour aufzufassen, während es für uns einheimische Journalisten fürchterlich ist und wir ständig weinen könnten.

Hätten Sie jemals damit gerechnet, als Kriegsreporterin zu arbeiten?

Vor dem Krieg habe ich über alles Mögliche Reportagen geschrieben. Aber ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich nun über tote Menschen auf der Straße berichten muss. Ich hasse den Krieg und bin jemand, der Konflikten aus dem Weg geht. Das alles ist bizarr.

Wie sieht ein normaler Tag in diesen nicht normalen Zeiten für Sie aus?

Die internationalen TV-Stationen brauchen beständig frisches Material. Für mich gibt es keine freien Tage mehr. Gestern habe ich zum Beispiel einen Trip nach Butscha organisiert. Erst haben die internationalen Kollegen für ihren Sender den Bürgermeister interviewt, dann habe ich das für Channel 24 getan. Für mich ist das ein Riesenvorteil: Ich habe kein Auto, und mein Kameramann kämpft in der Territorialverteidigung der Freiwilligen und Reservisten.

Wie gefährlich ist es auf den Straßen für Journalisten?

Russische Besatzer sind nicht mehr in der Region. Aber überall sind Minen versteckt. Die Vereinten Nationen sagen, dass die Ukraine eines der am meisten verminten Länder in der ganzen Welt ist. Wenn wir zu einer der bis vor Kurzem von den Russen besetzten Städten unterwegs sind, tun wir das in Begleitung eines erfahrenen Presseoffiziers. Auf eigene Faust ist es zu gefährlich.

Sind Ihre Fahrzeuge gekennzeichnet?

Ja, aber es empfiehlt sich keinesfalls, zum Beispiel „TV“ auf den Wagen zu kleben. Wie Sie wissen, benutzen auch die Russen Buchstaben, vor allem das „Z“, aber eben auch das „V“. Und wir müssen immer wieder ukrainische Checkpoints passieren. Die Posten dort sind gerade besonders sensibel: Es heißt, dass Saboteure unterwegs sind und sich als Journalisten ausgeben. Wir haben das Schild „Press“ auf unsere Wagen geklebt.

Wie kommen Sie mit den schrecklichen Bildern vor Ihren Augen und vor Ihrer Kamera klar?

Wer keine Leichen sehen kann, sollte den bis vor Kurzem noch von den Russen besetzten Städten fernbleiben. Als wir vor ein paar Wochen das erste Mal nach Butscha kamen, lagen viele Tote auf der Straße. Ich erinnere mich, wie wir auf eine Leiche stießen: Ein Nachbar eilte herbei und sagte, das sei Eugene. Und das daneben sei sein toter Hund. Die beiden würden schont seit einer Woche dort liegen. Das war beängstigend. Als später die organisierten Pressetouren nach Butscha fuhren, war das anders: Da bewegt man sich inmitten von Busladungen von Journalisten, die unentwegt Videos und Fotos machen.

Wie halten Sie das alles aus?

Tote habe ich schon früher gesehen, etwa bei einer Reportage in einer Leichenhalle. Ich komme damit klar. Am Schlimmsten war für mich die erste Kriegswoche: Da habe ich in meinem Badezimmer geschlafen, das schien mir der sicherste Ort zu sein. Nachts war es unglaublich laut. Glücklicherweise lebe ich nahe dem Stadtzentrum, das ist besser als irgendwo in den Außenbezirken. Jetzt habe ich keine Angst mehr.

Haben Sie psychologische Unterstützung?

Nein, aber die brauche ich auch nicht. Vielleicht hängt das auch mit der emotionalen Erschöpfung zusammen. Manchmal glaube ich, dass mein Gehirn Reaktionen blockiert. Ich spüre keine Gefühle, wenn ich Tote sehe. Wenn ich immer nur weinen würde, könnte ich aber auch nicht schreiben. Es ist besser zu arbeiten, als sich Sorgen zu machen. Ich rede regelmäßig mit befreundeten Kollegen, die Erfahrungen als Kriegsreporter im Donbass haben.

Was treibt Sie an, jeden Tag wieder loszuziehen?

Der Sieg. Ich freue mich auf den Sieg. Meine Familie lebt in der Ukraine. Mein Vater Sergiy kämpft in der ukrainischen Armee in Charkiw. Ich kämpfe hier in Kiew, so gut es geht, nur eben mit Informationen.

Haben Sie regelmäßigen Kontakt zu Ihrem Vater?

Wir telefonieren möglichst jeden Tag. Manchmal höre ich von ihm aber auch nur über meine Mutter. Er hat mir versprochen, so vorsichtig wie möglich zu sein. Ich versuche, mir nicht zu viele Sorgen um ihn zu machen. Denn ich kann ihm nicht helfen.

Kämpfen Sie auch gegen Fake News?

Ja. Die meisten Ukrainer lassen sich über den Messengerdienst Telegram informieren, und der ist voll von Unwahrheiten. Wir versuchen, vieles bei Behörden und Ministerien zu überprüfen. Besser drei- als zweimal. Ich selbst habe inzwischen eine Reihe von Kontakten bei den Militärs, bei denen ich Angaben checken kann. Wir versuchen immer, mit den Leuten selbst zu reden. In Kiew gibt es aber auch jede Menge Pressekonferenzen. Das Verteidigungsministeriums hat meines Wissens rund 4000 internationale Journalisten im Land akkreditiert.

Haben Sie in den vergangenen Wochen darüber nachgedacht, die Ukraine zu verlassen?

Nicht wirklich. Meine ganze Familie möchte hierbleiben. Freunde aus Europa haben mir gesagt, ich solle zu ihnen kommen, zum Beispiel nach Ungarn. Ich habe entschieden, dass es für mich besser ist, hierzubleiben – schon weil ich dort die Sprache nicht beherrsche. Ich bin nützlicher hier in der Ukraine.

Worüber möchten Sie gern schreiben, wenn dieser Krieg irgendwann einmal vorbei ist?

Ich schreibe momentan so viel über Schmerz und Leid. Nach unserem Sieg möchte ich über schöne Momente schreiben, manchmal auch schon jetzt. Es wird zum Beispiel in Kiew immer noch geheiratet. Der Krieg ist schlimm. Aber das Leben geht weiter, und wir müssen es jetzt leben.

Von Stefan Stosch/RND