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25 Lieder für Europa: die Bühne des Eurovision Song Contest 2022 in Turin. Quelle: Getty Images

Fremdscham und Friedenssehnsucht: alle 25 Eurovisionsfinalisten in der Kurzbewertung

Künstler aus 25 Nationen bewerben sich heute Abend beim Eurovision Song Contest um die Gunst des europäischen Publikums. Haushoher Favorit ist die Ukraine, der die Herzen zufliegen. Doch es gibt noch mehr Favoriten. Und natürlich auch jede Menge Putzigkeiten. Die Windmaschine erlebt ein spektakuläres Comeback – dafür gibt es kaum Trickkleider und einen erstaunlichen Mangel an Trommeln und Trompeten.

Hier ist die Übersicht über alle 25 ESC-Finalisten in der Startreihenfolge – inklusive der Frage, wer eine Chance auf eine Top-Ten-Platzierung hat:

1. Tschechische Republik: We Are Domi – „Lights Off“

Die Elektroband We Are Domi hat sich 2018 in Großbritannien gegründet. Und liefert einen blitzsauberen Clubsound, der ihr schnell viele Freunde auf den Dancefloors des Kontinents verschafft hat. „Lights Off“ ist eine glamouröse Eröffnungsnummer. Startnummer eins ist natürlich bitter.

Top-Ten-Chancen: Eher nein.

2. Rumänien: WRS – „Llámame“

Rumänischer Latinosound mit spanischen Textelementen – ist das schon kulturelle Aneignung oder noch liebevolle Verneigung? Ein Hauch von Prince liegt in der Luft, wenn der schmale Tänzer und Sänger WRS (ausgesprochen: Urs) loslegt. Eigentlich heißt er Andrei-Ionuț Ursu. Die Inszenierung in blutroten Rüschen und Schlaghosen ist wenig aufregend.

Top-Ten-Chancen: Nein.

3. Portugal: Maro – „Saudade, saudade“

Bisher ist es noch niemandem gelungen, den portugiesischen Weltschmerz mit einem deutschen Wort zu übersetzen, das der wahren Bedeutung auch nur annähernd gleichkommt. „Saudade“ jedenfalls ist die tief in der portugiesischen Volksseele verankerte Sehnsuchtsneigung – ein Gefühl irgendwo zwischen ewiger Suche nach Erlösung und kathartischer Lust am Leid, hier besungen von sehr traurigen Frauen. Getragen vom Bewusstsein für die Bedeutung des Augenblicks barmen sich die Damen durch ein Stück, das Außenstehende doch als weniger spektakulär bewerten dürften.

Top-Ten-Chancen: Nein. Maro sind nicht Salvador Sobral.

4. Finnland: The Rasmus – „Jezebel“

Frauenpower an der Gitarre. Die Rockband The Rasmus ist in Skandinavien bereits heftig bekannt. Warum die Damen und Herren teils Gummistiefel und gelben Friesennerz tragen, ist nicht bekannt. Ohnehin spielt Gelb eine überragende Rolle in diesem ESC-Jahrgang – die gelben Wölfe aus Norwegen lassen grüßen. Und über allem schwebt ohnehin das Blau-Gelb der Ukraine. „Jezebel“ ist ein handwerklich sauberer Rocksong – für echte Hardrocker aber wohl zu sehr Pussy Metal. Und Gitarrensoli sehen in Halbplayback halt auch immer ein bisschen peinlich aus.

Top-Ten-Chancen: The Rasmus sind eine Wundertüte – aber der Gesang ist nicht stark genug.

5. Schweiz: Marius Bear – „Boys Do Cry“

„Boys Don‘t Cry“ sangen The Cure vor ungefähr 1000 Jahren, aber jetzt ist 2022, und natürlich weinen Jungen. Auch solche wie Marius, groß und breit wie ein Bär, dem es gelingt, einen Zaubermoment des diesjährigen ESC zu schaffen: Da steht ein gefühlt 3,60 Meter großer Junge auf der Bühne und hat keinen Wunsch als den, weinen zu dürfen. Darf er. Viel Anlass dazu wird er am Finalabend freilich kaum haben. Wenn bloß diese 5XL-Lederjacke nicht wäre, die aussieht wie aus Lakritze gegossen.

Top-Ten-Chancen: Ja.

6. Frankreich: Alvan & Ahez – „Fulenn“

Elektromusiker Alvan und das Frauentrio Ahez singen einen beatreichen Partysong über ein Mädchen, das sein dürfen möchte, wie es sein möchte. „Fulenn“ bedeutet „Funke“, und der schlägt durchaus über auf das Publikum. Frankreich traut sich etwas – kein Wunder nach dem zweiten Platz beim ESC 2021 in Rotterdam. Erfolg macht mutig. Misserfolg macht ängstlich. Siehe Deutschland.

Top-Ten-Chancen: Mit ein bisschen Glück ist ein Top-Ten-Platz in Reichweite.

7. Norwegen: Subwoolfer – „Give That Wolf a Banana“

Sie kennen Rapper mit Pandamaske. Aber kennen Sie Norweger mit gelben Wolfmasken? Norwegen hat tief in die Verkleidekiste gegriffen und ein Werk geschaffen, das in seiner einzigartigen Mischung aus herrlich, clever und angenehm bescheuert die wichtigste Eigenschaft erfüllt, die ein ESC-Song mitbringen muss: Es bleibt im Gedächtnis. Erleben Sie also die durchgeknallten Cousins der Minions mit einem Titel, der den Beastie Boys zur Ehre gereicht hätte. Und jetzt gib endlich jemand dem Wolf eine Banane. Das kann doch nicht so schwer sein.

Top-Ten-Chancen: Ja. Vegetarische Bananenwölfe. Daran kommt man schwer vorbei.

8. Armenien: Rosa Linn – „Snap“

Nicole ist aber groß geworden! 40 Jahre nach ihrem Sieg mit ein bisschen Frieden sitzt da wieder eine weiße Frau an weißer XXL-Gitarre und klampft ein Friedenslied. Diesmal freilich geht es um den Frieden des Herzens: Zwischen einer Million weißer Post-it-Zettel singt Rosa Linn vom Stress des Nichtvergessenkönnens. Leider lassen sich unschöne Erinnerungen nicht mit einem Fingerschnipsen („Snap“) auslöschen. Dieses Liedlein dagegen schon. Und kein Wunder, dass Papierknappheit in Europa herrscht – das hat alles Armenien für sein Bühnenbild aufgekauft.

Top-Ten-Chancen: Armenien lässt ESC-Profis ans Werk. Diesmal aber ist die Konkurrenz zu stark.

9. Italien: Mahmood & Blanco – „Brividi“

Im Stahlbad des San-Remo-Festivals wurde dieses Duo geschmiedet – zwei glutvolle Gigolos mit Dackelblick, denen die Herzen zufliegen werden. Mahmood ist ESC-Veteran: 2019 landete er als Solist auf Platz zwei hinter Duncan Laurence aus den Niederlanden. Diesmal soll es klappen. Ihr „Brividi“ (Schauder) ist eine geigenreiche Ballade mit allen Tricks (Kopfstimme, Knödelpassage, Crooner-Part) und einem Startvorteil: Im Italienischen klingt halt auch schon eine Cappuccinobestellung wie ein Heiratsantrag. Das Ganze auch noch mehrstimmig – gemein!

Top-Ten-Chancen: Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn Italien nicht in den Top 5 landet.

10. Spanien: Chanel – „SloMo“

Spanien tut das Twerk des Herrn: Mit branchenüblicher Textilarmut tanzt und räkelt sich die kubanischstämmige Chanel Terrero durch ihre Partynummer, die natürlich alles andere als „SloMo“ ist. Der Song wurde im Vorfeld hoch gehandelt, freilich erfreut sich die klassische ESC-Gemeinde überproportional stark an tanzbaren Clubsounds. Gelegenheitsgucker müssen erst noch überzeugt werden. Im Kern besingt sie ihre eigenen Vorzüge und die Wirkung kunstvoll geschüttelten Bonusgewebes im hinteren mittleren Körperbereich. Ist das sexistisch? Schwer zu sagen. Ist das altmodisch und doof? Gewiss. Spielt der Text bei einer solchen Nummer irgendeine Rolle? Auf keinen Fall.

Top-Ten-Chancen: Es steht zu befürchten, dass Chanel sehr weit kommt. Boom, boom.

11. Niederlande: S10 – „De Diepte“

Sängerin Stien den Hollander nennt sich S10 und ist eine Rapperin und Songwriterin von beträchtlichem Ruhm in den Niederlanden. In „De Diepte“ (Die Tiefe) besingt sie ihre eigenen Depressionen und seelischen Untiefen mit klarer Stimme, die Seele offen wie ein Scheunentor. Die Wirkung ist betörend, denn in jeder Sekunde des kleinen Gitarrenliedes ist zu hören, dass sie weiß, wovon sie da singt. Und dazu muss man kein Wort Holländisch verstehen. Das muss man erst mal schaffen.

Top-Ten-Chancen: In der Annahme, dass dem Kontinent eher nicht nach Party zumute ist, sondern nach Kontemplation: ja. Könnte klappen.

12. Ukraine: Kalush Orchestra – „Stefania“

Die Ukraine hätte, so unkten manche im Vorfeld, auch mit der öffentlichen Verlesung des Kiewer Telefonbuchs zum ESC reisen können – und hätte das Spektakel trotzdem gewonnen. Das ist zu bezweifeln. Aber natürlich fliegen dem Land die Herzen zu. Europa dürfte den ESC zum Solidar-Event für die von Russland brutal überfallene Ukraine umwidmen. Das Kalush Orchestra hat eine grellbunte, lange vor dem Krieg geschriebene, mit Folkloreelementen durchsetzte Partynummer im Rapelementen im Gepäck. In diesen Zeiten dürfte das reichen, um in die Top 1 zu kommen.

Top-Ten-Chancen: Natürlich. Top-1-Chancen sogar.

13. Deutschland: Malik Harris – „Rockstars“

Für das deutsche ESC-Elend kann Malik Harris nichts. In Turin führt er ein Siegerlächeln spazieren und charmiert sich clever in die Herzen. Am Ende aber zählt nur, ob sein 180-Sekunden-Song „Rockstars“ finnischen Busfahrern oder spanischen Mütterlein spontan die Schuhe auszieht. Das dürfte nicht der Fall sein. Die Okayhaftigkeit der Komposition wird auch nicht durch die clever-stimmungsvolle Inszenierung aufgefangen: Malik stromert als Multiinstrumentalist durch ein Musikstudiosetting, spielt mal Gitarre, mal Elektroschlagzeug, probiert, zürnt, hadert und musiziert. Eine hübsche Idee, aber ein chancenloses Gesamtpaket.

Top-Ten-Chancen: Leider keine Top-20-Chancen.

14. Litauen: Monika Liu – „Sentimentai“

Da war sie wohl selber überrascht, dass sie im Finale landete: Niemand guckte so ungläubig wie Monika Liu, als ihr Song im ersten Halbfinale doch noch auf die Siegerseite flog. Das musicaleske „Sentimentai“ ist der schönste Song, den Liza Minnelli oder Barbara Pravi nie gesungen haben. Schon weil sie kein Litauisch können. Und Mireille-Mathieu-Frisurenwitze sind verboten. Warum? Weil sie alle schon gemacht sind.

Top-Ten-Chancen: Ganz schwierig. Nicht ausgeschlossen. Andererseits: nein.

15. Aserbaidschan: Nadir Rustamli – „Fade to Black“

Es scheint nicht gut bestellt um die Männlichkeit auf dem Kontinent Europa. Es wird auffällig viel gelitten und geweint. Auch Sänger Nadir Rustalmli ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Seine Ballade knüpft nicht an die cleveren Inszenierungen der Vorjahre an, mit denen Aserbaidschan eine eindrucksvolle ESC-Bilanz hingelegt hat.

Top-Ten-Chancen: Nicht in diesem Jahr.

16. Belgien: Jérémie Makiese – „Miss You“

Der nächste juvenile Herzensbrecher mit Liebeskummer. Makiese tritt in silberner Jacke an die Rampe und barmt sich durch eine elektrisch befeuerte Schmerzensnummer, die sich nicht so richtig zwischen Disco und Depression entscheiden kann.

Top-Ten-Chancen: Eher keine.

17. Griechenland: Amanda Georgiadi Tenfjord – „Die Together“

Ein Hauch Todessehnsucht in Frischhaltefolie: Amanda singt in einem luftdichten Kleid eine Powerballade vom vermeintlichen Glück des gemeinsamen (Erstickungs-?)Todes. Der melancholisch-moderne Song zählt in Turin zu den geheimen Mitfavoriten. Das Thema „toxische Beziehungen“ ist en vogue – ein Wunder, dass der begnadete Zeitgeistausbeuter Ralph Siegel noch nicht tätig wurde und ein Lied namens „Du bist das Gift meines Lebens“ oder ähnlich geschrieben hat.

Top-Ten-Chancen: Aber hallo. Griechenland kommt weit.

18. Island: Systur – „Með Hækkandi Sól“

Deutschland hatte mit seinen S!sters (die gar keine Schwestern waren) in Tel Aviv wenig Glück – Island macht‘s besser: Die drei Schwestern liefern betörenden Zaubercountry aus dem Elfenland. Dass sie das Halbfinale überstehen, war keineswegs klar. Doch ihr Song hat eine derart seelenreinigende Wirkung, dass sie im Finale stehen. Country gilt als altmodisch, hat aber seinen Platz beim ESC, siehe die Common Linnets aus den Niederlanden (zweiter Platz mit „Calm After the Storm“ 2014 in Kopenhagen) oder Texas Lightning aus Deutschland (Platz 14 mit „No, No, Never“ 2006 in Athen).

Top-Ten-Chancen: Leider nein. Aber man hat schon Pferde vor dem Saloon kotzen sehen.

19. Moldau: Zdob si Zdub & Fratii Advahov – „Trenuletul“

Doch ein bisschen ESC-Trash im Finale! Schön, dass diese Drei-Minuten-Sause des Wahnsinns das Halbfinale überlebt hat. Wer bei diesem Song nicht durchgrinst, der ist tot. Jodeln, Rock, Retrorap, Russendisco, Minischlagzeugsolo, „Hey ho!“-Mitgrölteil – es ist alles drin. Ein 180-Sekunden-LSD-Trip in bester Irrsinnstradition.

Top-Ten-Chancen: Ja. Schon weil der Song aus sämtlichen Rahmen fällt.

20. Schweden: Cornelia Jakobs – „Hold Me Closer“

Nicht jedem in Turin ist erklärlich, wie Cornelia Jakobs mit einem durchschnittlich interessanten Lied zur Mitfavoritin werden konnte. Aber Schweden muss man natürlich immer auf dem Zettel haben. Sie hat die starke Ausstrahlung einer erfahrenen Partyhaubitze und eine schillernd-schöne Stimme und holt aus den 180 Sekunden heraus, was herauszuholen ist.

Top-Ten-Chancen: Schweden ist dabei. Auch die Top 5 sind drin.

21. Australien: Sheldon Riley – „Not the Same“

Noch ein trauriger Mann? Das hatten wir doch schon. Aber Australien setzt die Kette grüblerischer Grummler beim diesjährigen ESC fort. Sänger Sheldon Riley freilich leidet tatsächlich am Asperger-Syndrom, der Auftritt ist eine große Überwindung für ihn. Sein Song freilich hebt sich kaum genügend ab, um eine hohe Platzierung zu erreichen.

Top-Ten-Chancen: Diesmal wohl nicht.

22. Großbritannien: Sam Ryder – „Space Man“

Verlässlich pflegten sich Deutschland und England im Keller des ESC-Rankings die Hände zu reichen. Diesmal jedoch wird alles anders kommen. Jedenfalls für England. Mit dem metrosexuellen Wikinger Sam Ryder kommt einer der aktuell heißesten Popexporte der Insel nach Turin. Sein „Space Man“ ist eine mit hoher, feiner Stimme vorgetragene Hommage an seine Helden Elton John und David Bowie mit einem Schuss Freddie Mercury. Als wollte die Brexit-Insel Resteuropa mit diebischer Freude den Schneid abkaufen. Könnte klappen. Bei den Wettbüros liegt seine hypnotische Hymne weit vorn.

Top-Ten-Chance: Ganz sicher. Sogar die Top 3 sind drin.

23. Polen: Ochman – „River“

Der sphärische Falsettgesang von Sänger Ochman ist nicht ohne Charme – aber schon wieder ein zerquälter Schmerzensmann? Das ist dann doch einer zu viel. Polens Einzug ins Finale – das erste seit 2017 – war eine Überraschung. Alles andere als ein Platz im Mittelfeld wäre es auch.

Top-Ten-Chancen: Nein.

24. Serbien: Konstrakta – „In Corpore Sano“

Was macht die Dame Konstrakta da? Ist das Meditation? Tanztheater? Konzeptkunst im Stile ihrer serbischen Landsmännin Marina Abramović? Mit ernstem Gesicht sitzt Kontrakta auf einem Stuhl vor einem Schemel mit Wasserschale und wäscht sich die Hände. Das wirkt entfernt wie eine zwangsneurotische „Querdenker“-Hymne gegen vermeintlichen Gesundheitswahn. Dazu reichen fünf Herren frische Handtücher. Es ist eine, nun ja, saubere Performance. Der Song selber ist ein mantraartiges Elektrostück, das einen seltsamen Sog erzeugt. So etwas läuft normalerweise auf 3sat nachts um zwei.

Top-Ten-Chancen: Schon irgendwie. Aber niemand wird erklären können, warum.

25. Estland: Stefan – „Hope“

Schon wieder kulturelle Aneignung! Der estnische Sänger Stefan singt mit Westerngitarre einen blitzsauberen Countrysong in bestem Calexico-Stil. Die ersten Sekunden klingen, als sänge Reinhard Mey gleich „Ich ritt aus San Alfredo / Im letzten Tageslicht …“, doch dann wird‘s deutlich düsterer. Wie der Soundtrack zu „True Detective“. Stildiebstahl aus dem wilden Osten. Aber Country hat seinen festen Platz beim ESC – siehe Island weiter oben auf Startplatz 18.

Top-Ten-Chancen: Estland hat viele Freunde. Country eher nicht. Ein Platz im Mittelfeld ist wahrscheinlicher.

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Von Imre Grimm/RND