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Das Kalush Orchestra aus der Ukraine zieht zu Beginn der Generalprobe für das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) 2022 mit der Landesfahne ein. Quelle: Jens Büttner/dpa

Ein bisschen Frieden: Europa feiert den ESC im Schatten des Krieges

Sie konnte nicht anders, sie musste kommen, sagt Maryna Utkina. Nicht, weil sie Popmusik sonderlich interessiert. Nicht, weil sie auf Norweger in gelben Wolfsmasken steht, auf glutvolle Gigolos, weinende Schweizer Bären oder metrosexuelle Wikinger. Sondern weil es keinen besseren Ort gebe als den Eurovision Song Contest, sagt sie, um zu zeigen, dass ihr Land in die europäische Familie gehört. Also hat sich die 33-Jährige blau-gelbe Blumen ins Haar geflochten, sie hat ihre blau-gelb bestickte Bluse angezogen und ist nach Norditalien gereist.

Und nun steht die Ukrainerin hier vor der Palaolimpico-Arena in Turin. Es sind noch Stunden bis zum Halbfinale. Ihr Land wird es ins Finale schaffen. „Niemand kann sich vorstellen, wie wichtig das für uns Ukrainer ist, hier dabei zu sein“, sagt sie.

Maryna hat Tränen in den Augen. Vor vier Jahren kam sie zum Arbeiten nach Italien. Ihre Familie lebt in Charkiw, zwischen den Ruinen der von russischen Bomben zerfetzten Häuser. In Turin will die Fabrikarbeiterin für ein paar Tage an etwas anderes denken als den Krieg. Und doch schwebt er wie eine dunkle Wolke über der schillernden Seifenblase ESC. Denn das größte Musikspektakel der Welt, in dem sich die fröhlich-bizarre Vielfalt von 40 Nationen wie in einem popkulturellen Brennglas bündelt, wird in diesen Tagen zu einem kontinentalen Solidaritäts- und Friedensfest für Maryna Utkinas Heimat.

Wie ein Staatsmann mit pinkfarbener Häkelmütze

Das Eurovisions-Ufo ist in der norditalienischen Malocherstadt Turin gelandet. Und nie zuvor war der ehrwürdige Kompositionswettbewerb so politisch. Gewiss: Schon immer diente der Song Contest als buntes Spiel mit nationalen Klischees, quasi als kulturelles Gegenstück zum zähen, auch schmerzhaften politischen Verschmelzungsprozess. Der ESC ist sein scherzhaftes Pendant – ein länderübergreifendes Druckventil für spielerische Lästerreflexe, eine scheinbar harmlose Projektionsfläche, auf der der Kontinent sich friedlich beäugen und mit Vorurteilen spielen konnte.

Noch keinem Land aber flogen jemals derart die Herzen zu wie der Ukraine im Jahr der „Zeitenwende“ 2022. Im Halbfinale applaudierten 11.000 Zuschauer im Stehen. Gut möglich, dass die Friedenssehnsucht von Millionen TV-Zuschauern das geschundene Land am Ende zum Sieg tragen wird. Und sei es nur, um dem disqualifizierten Russland und Wladimir Putin zu zeigen: Wir feiern hier ein Fest, und ihr seid nicht dabei.

Mit einem putzig-wilden Mix aus Rap und Folklore in Landessprache geht das Land ins Rennen, vorgetragen vom Kalush Orchestra, benannt nach der westukrainischen Heimatstadt des Gründers Oleg Psiuk. Der Rapper übernimmt in der Eurovisionsblase im Kleinen die Rolle, die Präsident Wolodymyr Selenskyj in der großen Weltpolitik zukommt: den gefeierten, gefragten Botschafter und Helden seiner Heimat. „Wir wollen vor allem den Ukrainern am Eurovisionsabend zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagte Psiuk dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Sie wollen wissen, dass ganz Europa sie unterstützt.“ Er lächelt in Dutzende Kameras, er klingt wie ein Staatsmann mit pinkfarbener Häkelmütze. Und er weiß: Diese Tage und die 180 Sekunden auf der ESC-Bühne sind der Auftritt seines Lebens.

Geschrieben hat er das Lied „Stefania“ für seine Mutter, auch wenn manche Zeile aktueller klingt, als sie gemeint war („Ich werde immer zu dir kommen, auch wenn alle Straßen zerstört sind“). „Aber es geht auch um alle Mütter, die jetzt gerade ihre Kinder vor der Geißel des Krieges schützen“, sagt Psiuk. „Aus einem Lied über eine Mutter ist ein Lied über ein ganzes ‚Mutterland‘ geworden.“ Zwölf Tage nach dem ukrainischen Vorentscheid fielen die ersten russischen Bomben. Psiuk und Kollegen durften nur mit einer Sondererlaubnis ausreisen. Proben konnte die Band erst in Turin. Bandmitglied Vlad Kurochka alias „MC KylymMen“ blieb gleich zu Hause: Er kämpft mit der Waffe in der Hand um die Freiheit von Kiew. Der ukrainische TV-Reporter Timur Miroshnychenko kommentierte die ESC-Halbfinals live aus einem Bombenkeller.

Ein „kulturelles Event“, das nicht unpolitisch ist

Donnerstagnachmittag in Turin. Der deutsche Botschafter in Italien hat zu einem Empfang geladen. Der deutsche Kandidat Malik Harris wirbt tapfer um Sympathien, auch wenn sein Song „Rockstars“ in der Gunst der Buchmacher weit hinten liegt. Und auch das Kalush Orchestra ist gekommen. „Die ukrainische Kultur soll zerstört werden“, sagt Psiuk. „Wir sind hier, um zu zeigen, dass sie am Leben ist.“ Applaus im Lavazza Museum. Und Tränen im Publikum. Viele tragen pinkfarbene Schlapphütchen. Ein PR-Gag, natürlich. Aber auch ein Zeichen des Zusammenhalts.

Der ESC gibt sich gern unpolitisch. Man sei doch nur ein „kulturelles Event“, betont die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter gern, ein heterogener Verbund von 72 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Russland hat man erstaunlich spät ausgeladen – erst nach Kriegsbeginn und auf Druck vor allem aus Finnland. „Wir haben bestimmte Werte und Regeln“, sagte der schwedische ESC-Chef Martin Österdahl in Turin, „und wer die erfüllt, ist herzlich willkommen.“ Ihre Werte freilich hindern die EBU nicht daran, zum Beispiel mit der von China kontrollierten Social-Media-Plattform Tiktok zu kooperieren.

„Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur“ sind auf der ESC-Bühne laut Statut verboten. Würde Österdahl also den Auftritt der Ukrainer unterbrechen, sollte sich das Kalush Orchestra politisch äußern? Er zögert. „Ich weiß es nicht“, sagt er. „In einer Liveshow kann natürlich alles passieren.“ Wie halbherzig die EBU die Tatsache akzeptiert, dass politisches Grundbrummen seit jeher zum Soundtrack des Song Contests gehört, zeigt seine Reaktion auf die Frage, ob russische Fahnen in der Arena erlaubt sein werden: „Nun, ähm, das müssen wir noch prüfen ...“

Vor der ESC-Arena stehen Demonstrantinnen und Demonstranten. Die linke Gewerkschaftsjugend protestiert. Das Gequatsche der „Kriegstreiber“ vom Frieden sei heuchlerisch, und die Stadt gebe Unsummen aus für ein Event, das sie sich gar nicht leisten kann. Es geht gegen die EU, gegen die Nato, gegen den Krieg insgesamt und gegen allerhand Schlechtes in der Welt. Nur gegen Putin geht es nicht.

Hier hat man längst verstanden, dass Pop und Politik stets Hand in Hand gingen. Schon beim neunten ESC 1964 stürmten drei Aktivisten die Bühne mit einem Plakat gegen die rechten Diktatoren in Spanien und Portugal („Boycott Franco and Salazar“). Eröffnet wird das Spektakel in Turin immerhin von 1000 Rockmusikern – in Italien bekannt als „Rockin 1000″ –, die gemeinsam John Lennons und Yoko Onos Friedenshymne „Give Peace a Chance“ singen. Schöne Grüße nach Moskau. Das ist durchaus recht politisch.

Eine popkulturelle Materialschlacht

Immer wieder liefert der Wettbewerb den Soundtrack zu den Weltläufen. Schließlich verdankt er schon seine Geburt einer politischen Entscheidung: Beim Narzissenfest 1954 aus Montreux ertönte erstmals das Prélude aus dem „Te Deum“ Nummer H 146 des französischen Barockkomponisten Marc-Antoine Charpentier, die Eurovisionshymne. Plötzlich gab es, nur neun Jahre nach dem Krieg und drei Jahre vor den Römischen Verträgen, eine gemeinsame europäische TV-Bilderwelt. Die Eurovision (den Ausdruck prägte der britische Journalist George Campey) wurde zur Keimzelle einer multinationalen Medienidentität, zur Tauschbörse für Bilder, Shows und – schleichend, unbewusst – auch von Werten und Normen. Und der schüchterne kleine Kompositionswettbewerb, den die EBU 1956 ins Leben rief, wurde zum kulturellen Kitt zwischen Ländern, die sich gerade noch beschossen und bombardiert hatten.

Aus dem plüschigen Sängerwettstreit ist längst eine popkulturelle Materialschlacht mit millionenteuren Inszenierungen geworden. Als der reiche Ölstaat Aserbaidschan 2012 den teuersten, pompösesten und umstrittensten ESC der letzten Jahre ausrichtete, nutzte der autoritär regierende Präsident Ilham Alijev das Event, um sein Land als glorreiche Nation und Jetset-Hotspot für Luxustouristen zu inszenieren. In wenigen Monaten wurde die Hauptstadt Baku zu einem Disneyland für Diktatoren herausgeputzt. Und den Sieg der bärtigen Diva Conchita Wurst 2014 in Kopenhagen feierte halb Europa dann als Signal der Toleranz gegen Macho- und Mackertum, nicht nur in Russland. Keine Politik? Das ist naiv.

Schon als Estland 2001 als erste postsowjetische Nation den ESC gewann, empfand das Land den Triumph als finales Signal der Emanzipation, als endgültige „Rückkehr nach Europa“ aus der Umklammerung der Sowjetunion. Jahre vor der offiziellen Osterweiterung der EU witterten viele ehemalige Ostblockstaaten – die seit 1993 am ESC teilnehmen dürfen – damals die Gelegenheit, sich als offene, bunte, vom postsowjetischen Grauschleier befreite Aufbruchsnationen zu präsentieren. „Wir haben uns durch Musik vom Sowjetimperium befreit“, rief der damalige estnische Premierminister Mart Laar nach dem Sieg der jubelnden Menge zu. Wiederholt sich heute die Geschichte? 2009 dann wollte Georgien mit dem Titel „Put in Disco“ antreten, doch der Refrain „We don‘t wanna put in“ klang der EBU dann doch zu sehr nach „We don‘t want Putin“, und Georgien wurde ausgeschlossen.

Nächstes Jahr in Kiew

Einmal erst hat das überehrgeizige Russland selbst den ESC gewonnen; 2008 mit dem Sänger Dima Bilan („Believe“). Die Ukraine dagegen siegte 2004 und 2016. Beim letzten Sieg, gut zwei Jahre nach der Annexion der Halbinsel Krim, spiegelte sich bereits der ganze Zorn Europas auf die russische Aggression: Die ukrainische Sängerin Jamala sang damals mit dem schluchzenden, eruptiven, machtvollen (und natürlich hochpolitischen) Titel „1944″ ihre ganze Wut über die Deportation der Krimtartaren durch das Stalin-Regime heraus. In diesem Jahr war sie mit ihren Kindern auf der Flucht vor der russischen Armee.

Der Konflikt überschattet seit Jahren auch den ESC. Aber es ist bei Weitem nicht der erste innereuropäische Krieg, der sich hier spiegelt: 1993 etwa floh der bosnische Sänger Muhamed „Fazla“ Fazlagić auf abenteuerlichen Wegen aus dem belagerten Sarajewo nach Irland, um als erster Künstler jemals für Bosnien und Herzegowina am ESC teilzunehmen. Er landete auf Platz 16 von 27 – mit dem Antikriegssong „Sva bol svijeta“ („Der Schmerz der ganzen Welt“). Bei der Livepunktevergabe aus Sarajewo waren Maschinengewehrsalven zu hören.

Und falls die Ukraine tatsächlich gewinnt? Dann steht der ESC vor einem Dilemma. Kiew, Odessa oder Mariupol werden als Austragungsort kaum zur Verfügung stehen. „Ich spekuliere nicht“, sagt ESC-Chef Österdahl. Aber ESC-Gastgeber müssten, nun ja, gewisse „Sicherheiten“ bieten.

Rapper Psiuk ist da schon weiter: „Sollten wir gewinnen, wird der Eurovision Song Contest nächstes Jahr in einer neuen und blühenden Ukraine stattfinden“, sagt er, „davon bin ich überzeugt.“ Es ist dieselbe Sehnsucht, die auch Maryna Utkina nach Turin zog und die am Samstagabend Millionen Europäer teilen werden: nächstes Jahr in Kiew. Im Frieden.

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Von Imre Grimm/RND