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Malik Harris (Mitte) aus Deutschland während der Vergabe der Wertungspunkte nach dem Finale des Eurovision Song Contests (ESC). Quelle: Jens Büttner/dpa

ESC-Debakel: sieben Gründe, warum Deutschland wieder Letzter wurde

Schon wieder ein Blamage. Schon wieder eine Platzierung beim Eurovision Song Contest, die bei deutschen Zuschauerinnen und Zuschauern nur noch Kopfschütteln auslöst. Letzter. Trotz eines stabilen Vortrags, einer passablen Inszenierung und maximalem Engagement landete Malik Harris mit „Rockstars“ am Ende nur auf dem 25. Platz. Von 25. Sechs Punkte gab es vom Publikum aus ganz Europa. Und null von den Jurys. Das ist ein Debakel.

Woran hakt es? Was läuft schief? Oder straft Resteuropa die Strebernation Deutschland einfach gern ab? Sieben Gründe für die deutsche ESC-Dauerpleite.

Grund 1: Es geht beim ESC nicht um gute Popmusik. Es geht um herausragende Popmusik.

Beim zuständigen NDR sucht man Jahr für Jahr – und mit stets wechselnden Methoden – nach einem Song, der möglichst vielen Menschen gefallen soll. Mit anderen Worten: Man sucht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Zur Auswahl im Vorentscheid stehen fast immer Songs, die „gefällig“ sind und beim Hören nicht stören. Das ist ein Fehler. Denn nichts ist so wichtig beim Eurovision Song Contest wie aufzufallen, herauszuragen. Das Publikum in Europa stimmt nicht für gute Popmusik. Es will einen Moment des Staunens erleben. Es geht um Emotionen. Und sei es Mitleid mit einem geschundenen Land wie der Ukraine. Oder Begeisterung über einen coolen Briten.

Grund 2: Wer kein Wagnis eingeht, kann nicht gewinnen.

Wer hätte vorhergesagt, dass ein kleiner Portugiese mit einer leisen Stimme und einem altmodischen Lied wie Salvador Sobral den ESC gewinnen könnte? Aber dem Mann gelang 2017 ein Moment des Zaubers in einem Meer von Bombast. Weil er direkt die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer berührte. Sicher kann man sich Salvador Sobrals nicht backen. Aber zu seinem Sieg gehörte zuvor ein Wagnis: Es bestand darin, genau ihn zum ESC zu schicken – mit einer Nummer, die inmitten der popkulturellen Materialschlacht auch hätte untergehen können. Deutschland hingegen wagt nichts. Man sucht nicht nach dem Besonderen, sondern nach dem Universellen.

Grund 3: Malik Harris ist ein netter Kerl.

Ja und? Warum soll das ein Problem sein? Was ist gegen nette Kerle zu sagen? Im Prinzip nichts. Aber Damiano David zum Beispiel, der Sänger der italienischen Band Måneskin, ist kein netter Kerl. Sondern ein Typ, dessen Charisma Kameralinsen überwindet. Der mit schmerzverzerrtem Gesicht wegen einer Verletzung trotzdem die Bühne rockt. Ein Mensch, bei dem man sich als Zuschauerin und Zuschauer sofort fragt: Wo zum Teufel hat dieser Kerl bisher gesteckt? Beim ESC landen Menschen vorn, die eine Geschichte mitbringen. Die Geschichten der deutschen Teilnehmer waren konstruiert (S!sters), unklar (Jamie-Lee), anstrengend (Jendrik) oder ziemlich egal (Ann Sophie, Levina, Cascada, Elaiza und leider auch Malik Harris).

Grund 4: Der ESC ist nicht bloß eine Musiksendung. Es geht um Originalität.

Aus dem schüchternen Komponisten­wettbewerb, der der ESC immer noch offiziell ist, ist natürlich längst ein Festival der Gegenwart geworden. Es geht immer um das Gesamtpaket. Vor allem ist er ein Spiegel des Zeitgeistes. Der Sieg von Conchita Wurst 2014 ließ sich auch als europäisches Bekenntnis zu Toleranz und Freude an der Andersartigkeit lesen, ebenso wie Nettas Sieg für Israel 2018. Es gewinnt, wer mit einem staunenswerten, emotionalen Dreiminutenauftritt seiner Zeit vollendet Ausdruck verleiht. Wer das nicht schafft, wird Letzter.

Grund 5: Deutschland will krampfhaft gemocht werden

Tausende von Facebook-Kommentaren und Tweets werden auch nach Maliks Auftritt wieder dem Irrglauben Flügel verleihen, Resteuropa habe ohnehin keine größeren Sympathien für Deutschland. Man strafe das Land quasi ab. Dies ist nicht der Fall. Dafür muss man sich nur an 2018 erinnern (Platz vier für Michael Schulte) oder gleich an 2010 (Platz eins für Lena). Die Formel ist ganz simpel: Ein guter Song bekommt aus vielen Ländern Punkte – egal, welcher Nationalität der Sänger oder die Sängerin angehört. Statt aber daraus Schlüsse zu ziehen, suhlt man sich gern in Defätismus und Selbstmitleid. Mäkelei macht unsympathisch.

Grund 6: Es fehlt die letzte Leidenschaft.

Um zu gewinnen, muss man gewinnen wollen. Stattdessen betonen deutsche ESC-Teilnehmende seit Jahren beharrlich, es gehe ja gar nicht ums Gewinnen. Gewiss trieb sie die Einsicht, dass die Prognosen nicht sonderlich verheißungsvoll klangen, zu dieser Demut. Doch der Impuls, wirklich gewinnen zu wollen, muss viel früher einsetzen: bei der Suche nach dem geeigneten Act. Es gibt bei den deutschen ESC-Bemühungen eine gewisse Tendenz zur Augenwischerei. Man versichert sich unter dem Eindruck schmeichelnder ESC-Kolleginnen und ‑Kollegen in der Eurovisions-Blase gern, dass der deutsche Beitrag „im Prinzip“ schon irgendwie toll und richtig war, von Europa aber leider nicht verstanden wurde. Oder dass die Kameraführung mies und der Startplatz gemein war. Das führt auf Dauer zu nichts.

Grund 7: Deutschland hat sich im Elend eingerichtet

Was macht Hoffnung? Das Beispiel Großbritannien. Jahrelang blamierte sich auch Großbritannien beim ESC mit mittelguten Acts, abgehalfterten Altstars wie Bonnie Tyler und Engelbert Humperdinck. Und dann kommt eben plötzlich ein Sam Ryder fast aus dem Nichts, der mit einem bockstarken Song und einer bestechenden Ausstrahlung in einem normalen ESC-Jahr haushoch gesiegt hätte. Warum? Weil er herausragend gut ist. Der ESC ist kein Nachwuchs­wettbewerb, sondern eine Arena für Profis mit Hirn und Herz. An dem Tag, an dem Deutschland dieses Prinzip versteht, wird das hiesige Eurovisions-Elend enden. Und dafür muss man nicht jahrelang nach Stefan Raab schreien oder – wie die ARD – mit falschem Ehrgeiz immer wieder das Falsche tun.

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Von Imre Grimm/RND