Anzeige
Seit dem Januar 2020 ist viel passiert, das mit der weltweiten Pandemie zusammenhängt, die durch das Zirkulieren von Sars-CoV2 ausgelöst wurde. Was ist seitdem passiert? Zahlen, Fakten und Grafiken geben eine Übersicht, was Corona in Deutschland ausgelöst hat. Quelle: RND-Illustration Behrens

900 Tage Achterbahnfahrt: Was uns die Pandemie abverlangt – in 25 Grafiken

Es war der 27. Januar 2020, als nach Deutschland kam, was zuvor noch weit entfernt schien. Eine Krankheit, die in China das erste Mal bei Menschen nachgewiesen wurde, war hierzulande angekommen. Ein 33 Jahre alter Mitarbeiter eines Autozulieferers hatte sich bei einer Kollegin angesteckt, die zuvor aus China angereist war.

16 Menschen steckten sich in der Folge an. Seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen – und zahlreiche Fälle hinzugekommen.

Mittlerweile ebbt die sechste Welle ab, die Fallzahlen sinken – auch wenn sie durch hohe Dunkelziffern, gesunkene Testungen und fehlende Meldungen an den Wochenenden teils mit Vorsicht zu genießen sind. Unterm Strich stehen für Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) rund 26 Millionen Infektionen – und mehr als 138.000 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus.

Eine Herausforderung in der Virusbekämpfung: Das Nachverfolgen von Infektionsketten. Was bei niedrigen Fallzahlen zeitweilig gut gelang, wurde mit fortschreitendem Pandemieverlauf und immer mehr Infektionszahlen zur Herausforderung für Gesundheitsämter. Am Ende wurde die Kontaktnachverfolgung dort nach und nach ganz eingestellt.

117 Millionen Warnungen per App

Ein digitaler Helfer arbeitet dagegen bis heute: Die Corona-Warn-App des Bundes. Mehr als 45 Millionen mal heruntergeladen verschickte sie rund 117 Millionen Warnungen an ihre Nutzer und Nutzerinnen.

Zum Instrumentenkatalog der Infektionsvermeidung gehörten aber auch simplere Dinge: zu Hause bleiben, Abstand halten und nicht zuletzt auch Selbsttests und das Tragen von medizinischen Masken. Gerade am Anfang kommt es hier zu Verknappungen, weil die Nachfrage so stark steigt, dass Unternehmen mit dem Produzieren kaum nachkommen. Die Folge: hohe Preise.

Das lässt sich zum Beispiel an den Preisen für Masken und Selbsttests zeigen.

Vor allem in der vierten Welle im vergangenen November und Dezember zogen die Preise für Selbsttests noch einmal stark an. Die Maskenpreise hingegen sind seit März 2021 weitestgehend stabil.

Grippewelle – welche Grippewelle?

Masken tragen, Abstand halten, regelmäßige Hygiene – all das hat jedoch nicht nur dabei geholfen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auch andere Infektionskrankheiten sind in Deutschland seltener aufgetreten, zum Beispiel die Grippe und Masern.

Die Daten zeigen: In den vergangenen zwei Jahren sind Grippewellen hierzulande nahezu ausgeblieben.

Fälle mit Masern – gegen die Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr beim Eintritt in die Schule oder den Kindergarten geimpft sein müssen – wurden ebenfalls nur sporadisch nachgewiesen. 76 Fälle waren es 2020, nur zehn im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: 2019 hatte die Zahl noch bei 515 gelegen.

Übrigens: Auch die Zahl der genommenen Krankentage ging zurück – trotz Pandemie. Das zumindest legt eine Auswertung der Techniker Krankenkasse nahe. 14,5 Tage war demnach jede TK-versicherte Erwerbsperson 2021 im Schnitt krankgeschrieben, 2019 waren es noch 15,4 Tage.

Unternehmen in Sorge, Bund mit Spendierhosen

Nicht jeder aber ist glücklich über die Eindämmungsmaßnahmen, die die Virusausbreitung stoppen sollen. Lockdowns und Zugangsbeschränkungen wie 3G, 2G und 2G-plus-Regeln sorgen in der Wirtschaft für Bedenken. Vor allem Einzelhändler und Unternehmen im Dienstleistungsbereich fürchten um ihre Existenz. Um die bangen im Juni 2020 knapp 20 Prozent der deutschen Firmen.

Einzelne Branchen stechen mit ihrer Sorge besonders hervor. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts sahen sich zu Beginn der Pandemie vor allem Reisebüros und Reiseveranstalter bedroht, aber auch Unternehmen aus Gastronomie und Beherbergung.

In diesen Branchen fürchten immer noch gut ein Viertel der Unternehmen um ihre Existenz. Insgesamt blickt aber ein Großteil der Firmen hierzulande mittlerweile optimistischer auf die Lage. Ein Grund dafür dürfte die finanzielle Hilfe vom Bund sein. Zahlreiche verschiedene Hilfsgelder gibt es, ausgezahlt wurden insgesamt bisher rund 70 Milliarden Euro. Die Summe dürfte noch steigen – viele Anträge sind noch nicht bearbeitet.

Die Pandemie kommt den Bund insgesamt recht teuer zu stehen. Die Neuverschuldung, die die Bundesregierung 2020 und 2021 aufgenommen hat, weicht nicht nur von der berüchtigten schwarzen Null ab. Sie ist auch verglichen mit den Jahren vor der Schuldenbremse auf Rekordniveau: Seit der Jahrtausendwende lag die Neuverschuldung nie über 44 Milliarden Euro.

2020 hingegen waren es 130,5 Milliarden, 2021 sogar mehr als 215 Milliarden Euro.

Psychotherapeuten belastet, Patienten warten teils monatelang auf Therapieplatz

Lockdowns und Pandemiefolgen machen aber nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Psyche der Deutschen zu schaffen. Die Nachfrage nach psychotherapeutischer Behandlung ist hoch. In einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung gaben die mehr als 4000 befragten Praxen im vergangenen Jahr an, die Zahl der Patientenanfragen sei massiv gestiegen – um 40 Prozent auf 6,9 Neuanfragen pro Woche.

Drei Viertel der Therapeutinnen und Therapeuten empfinden diese hohe Zunahme demnach zumindest als etwas belastend.

Allein auf ein Erstgespräch müssen Patienten in der Hälfte der Fälle länger als einen Monat warten – eine lange Zeitspanne für Menschen mit Problemen. Nur in 3,4 Prozent der Fälle konnten Behandlungswillige innerhalb einer Woche ein Erstgespräch bekommen. Bei Kinder und Jugendlichen sieht die Lage nur leicht besser aus. 4,7 Prozent von ihnen erhielten innerhalb einer Woche ein Erstgespräch. Mehr als 43 Prozent müssen länger als einen Monat warten.

Lange Wartezeiten müssen Patienten auch in Kauf nehmen, wenn es um den Beginn der Behandlung geht. Nur gut ein Drittel kann innerhalb der ersten drei Monate starten. Ein weiteres Drittel wartet bis zu einem halben Jahr, mehr als 38 Prozent sogar länger als sechs Monate.

Tausende Minuten Sondersendungen, Einbruch bei Kinobesuchen

Während der Streamingdienst Netflix im ersten Quartal 2020 gut 15 Millionen neue Nutzer und Nutzerinnen weltweit hinzugewinnen konnte, brachen in den Kinos die Besucherzahlen ein. Angekündigte Filmstarts, wie der des letzten James Bond mit Daniel Craig, wurden teils mehrfach verschoben.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov stieg dagegen die Häufigkeit, mit der die Deutschen Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime, Sky, Disney+ und andere nutzten. Mehr als ein Viertel gab dabei an, etwas öfter oder viel öfter Videos zu streamen. Seltener als vor der Corona-Krise griffen nur 6 Prozent der Befragten zur Fernbedienung.

Ob eine Korrelation zwischen Homeoffice, Ausgangssperren, gestiegener Streamingnutzung oder auch Maskenpflicht und der produzierten Müllmenge der Deutschen besteht, lässt sich nicht sagen. Allerdings: Die Bundesbürger produzierten 2020 deutlich mehr Müll als noch im Vor-Corona-Jahr.

Im Fernsehen stellte man sich auf das Bedürfnis nach Informationen in der sich stetig wandelnden Pandemielage ein. Die Sender zeigten Hunderte Sondersendungen zum Thema.

Sport: Mehr Gehalt in der Bundesliga, weniger Mitglieder in den Vereinen

Was man sonst höchstens durch Strafen gegen einzelne Teams kannte, wurde im Sport durch die Pandemie zum Alltag: Spiele ohne Zuschauer und Zuschauerinnen. Die Stadien der Bundesliga: leer. Bis zum 25. Spieltag 2019/20 war noch alles normal, bis zum Saisonende mussten die Profis ohne Fanunterstützung vor Ort spielen.

2020/21 gab es sechs Spieltage mit starken Zuschauerbeschränkungen, alle anderen fanden vor ganz leeren Rängen statt. In dieser Saison wurden die Beschränkungen sukzessive aufgehoben.

Nach dem ersten Schock haben sich die Spieler offenbar an die leeren Ränge gewöhnt. 2020/21, als 88,88 Prozent (272) der Spiele ganz ohne Zuschauende stattfanden, schossen sie mehr Tore als mit. In dieser Saison (19 Spiele ohne Zuschauer und Zuschauerinnen) gibt es keinen spürbaren Unterschied bei der Torausbeute.

Auch vor den Spielern der Fußball-Bundesliga machte das Virus keinen Halt. 225 Coronavirus-Fälle unter den Spielern sind bekannt, zehn von ihnen infizierten sich sogar doppelt. Es wird aber davon ausgegangen, dass nicht immer alle Fälle gemeldet wurden.

Trotz leerer Stadien ab März 2020 steigen die Gehälter, die die Erstligavereine zahlten, unverändert weiter – von mehr als 1,43 Milliarden Euro auf über 1,56 Milliarden Euro.

Während im Profibereich weiter gekickt werden konnte, sah die Lage in den Amateursportvereinen anders aus. Zeitweilig konnte hier kein oder nur noch wenig Vereinsbetrieb stattfinden. Entsprechend deutlich ist der Knick durch die Pandemie in den Mitgliederzahlen zu erkennen: Waren 2020 noch mehr als 24 Millionen Mitglieder registriert, waren es im darauffolgenden Jahr fast eine Million weniger.

Ganz unsportlich blieben die Deutschen aber nicht – zumindest schien der ein oder andere die Natur in der eigenen Umgebung wieder für sich entdeckt zu haben. Das spiegelt sich auch in der Nachfrage nach Zweirädern wieder. Die Zahl der verkauften Fahrräder stieg deutlich auf mehr als fünf Millionen. Auch der Umsatz in der Branche nahm sichtbar zu. Lag er 2019 noch bei 4 Milliarden Euro, waren es 2020 6,44 Milliarden.

Weniger Fliegende, mehr Camper

Wenig geändert hat das Coronavirus etwas an den Urlaubsvorlieben der Deutschen. Der inländische Urlaub lag nach Angaben mehrere Reiseveranstalter vor und während der Pandemie hoch im Kurs. Ungeschlagener Sieger sind Nord- und Ostsee. Allerdings ist die Nachfrage nach Reisen ins Ausland stark zurückgegangen, wie Jonas Upmann von der Ferienhaus-Suchmaschine Home to go auf Nachfrage des RND mitteilte.

Das spiegelt sich auch an den Passagierzahlen an den deutschen Flughäfen wieder. Zählte Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt/Main vor der Pandemie noch mehr als 70 Millionen Passagiere, waren es 2020 nur noch 18,77 Millionen.

Eine Rolle beim Rückgang dürften zwar nicht nur die fehlenden Urlauber und Urlauberinnen spielen, die wegen Reisebeschränkungen lieber in der Heimat reisten, sondern auch Geschäftsreisende, die durch den Wechsel zu Videokonferenzen und Homeoffice ausblieben.

Allerdings zeichnet sich der Trend zum individuelleren Reisen ohne Flieger auch an anderer Stelle ab. Das Coronavirus hat dem Camping hierzulande einen Boom beschert. 2020 wurden etwa 20.000 Reisemobile mehr zugelassen als im Vorjahr.

Zwar sank die Zahl der Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen im gleichen Zeitraum von 35,76 Millionen auf 33,95 Millionen. Allerdings konnte aufgrund der Lockdowns auch nicht das gesamte Jahr für das Reisen genutzt werden.

Mittlerweile steigt die Nachfrage nach Urlauben generell wieder. Viele Reiseportale gaben auf RND-Anfrage an, dass die Buchungen in diesem Jahr bereits über denen der Vorjahre lagen. Nach Angaben einer Tui-Sprecherin sind die Menschen auch bereit, bis zu 20 Prozent mehr für ihren Urlaub auszugeben.

Vorüber ist die Pandemie damit noch nicht. Für den Herbst rechnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit einem erneuten Anstieg der Fallzahlen. Und auch neue Virusvarianten könnten die Lage wieder verändern. Derzeit geht es in vielen Bereichen Stück für Stück zurück in die Normalität. Ob es so bleibt? Die Zahlen im kommenden Jahr werden es zeigen.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Von Sabine Gurol, Heidi Becker, Julia Meyer, Lena Obschinsky, Udo Muras, Carolin Burchardt, Stefan Winter, Laura Beigel, Birk Grüling, Vanessa Hellwig, Brigitte Vetter/RND