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24.05.2022, USA, Uvalde: Einsatzkräfte versammeln sich nach Schüssen in einer Grundschule in der Nähe des Tatorts. Quelle: Dario Lopez-Mills/AP/dpa

Was geht in Amokläufern vor? „Mit der Verfügbarkeit von Waffen allein lässt sich das nicht erklären“

Frau Roshdi, in einer Grundschule in Texas hat ein 18-Jähriger 21 Menschen erschossen. Was ist über die Ursachen von Amokläufen wie diesem bekannt?

Über den jetzigen Täter ist noch nicht viel bekannt, man kann zurzeit noch nicht mehr über ihn sagen. Auch verschwimmen manchmal die Grenzen zwischen einem Attentat und einem Amoklauf. In beiden Fällen ist es aber so, dass die Täter einen für sie relevanten Missstand externalisieren, das heißt, dass sie anderen dafür die Schuld geben. Bei einem Attentat ist das mit einer politischen Ideologie verknüpft, bei einem Amoklauf handelt es sich einfach um zielgerichtete Gewalt, die nicht unbedingt politisch motiviert ist. Die Amokläufer informieren sich oft im Internet über andere Taten und Täter, die für sie Vorbilder sind. In einer Art Kriegermentalität wollen sie etwas für die Gruppe der Ausgestoßenen tun. Dazu kommen Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Suizidalität.

Der Täter in Texas war ein 18-jähriger Mann. Stimmt das Bild vom männlichen Einzelgänger, der meist zurückgezogen lebt und kaum Freunde hat?

In unseren Untersuchungen waren etwa 50 Prozent der Amokläufer solche typischen Einzelgänger. Also viele, aber nicht alle. Die Täter sind oft junge Männer, in diesem Alter kommt es zur Loslösung vom Elternhaus und der Suche nach einer eigenen Identität. Sich scheinbar auf die Seite der Außenseiter zu begeben und für diese „zu kämpfen“, verleiht ihnen ein Stück weit eine neue Identität.

Warum treten so viele Fälle in den USA auf? Sind daran die Waffengesetze schuld?

Ja, in den USA gibt es weltweit die meisten Amokläufe. Die leichte Verfügbarkeit von Waffen senkt sicherlich die Barriere, eine solche Tat umzusetzen. Mit der Verfügbarkeit von Waffen allein lassen sich Amokläufe aber nicht erklären. Sonst hätte es nicht auch in Deutschland Fälle gegeben, wo die Waffengesetze sehr streng sind. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir uns weltweit zuletzt in einem langen Krisenmodus befanden. Es wird interessant sein, was noch über die Hintergründe der aktuellen Tat bekannt wird.

Warum wird so häufig die Schule als Ort für einen Amoklauf gewählt?

Das kann verschiedene Gründe haben. Es kann sein, dass der Täter in der Schule viele krisenhafte Erfahrungen gemacht hat, so wie der Täter von Erfurt, der dort möglichst viele Lehrer töten wollte. Die Schule bietet aber außerdem einen großen Opferpool. Die Täter wollen ja auch Aufmerksamkeit durch ihre Taten erregen. Sie wollen berühmt werden.

Wie lässt sich Amokläufen am besten vorbeugen?

Wichtig wäre, gerade auch in den USA, ein Bedrohungsmanagement an Schulen, eine Sensibilisierung. Sogenannte „Bystander“ können dadurch motiviert werden, sich zu melden. Oft gibt es Personen, die im Vorfeld etwas ahnen oder mitbekommen. Wenn es jemandem schlecht geht, sollte das nicht unbemerkt bleiben, damit man rechtzeitig Hilfe anbieten kann und er gar nicht erst zum Täter wird.

Sind Amokläufer psychisch krank?

Bei 60 bis 70 Prozent gab es nach unseren Untersuchungen Anzeichen, die auf psychische Erkrankungen hinwiesen. Das lässt sich also nicht pauschal für alle sagen.

Es bleibt sehr schwer, sich vorzustellen, wie man nacheinander 21 Menschen erschießen kann. Geraten die Täter in einen Tötungsrausch?

Hier ist die situative Gewalt, bei der wir in einen „Kampf- oder Fluchtmodus“ verfallen und impulsiv reagieren von der zielgerichteten Gewalt bei Amokläufen zu unterscheiden. Amokläufer befinden sich in einem kaltblütigeren „Jagdmodus“. Sie planen alles von langer Hand, die Tötungshemmung wird dadurch abgebaut, dass sie den Opferpool entmenschlichen. Viele Opfer berichten, dass die Täter eher eine ruhige Körpersprache hatten. Etwa 50 Prozent der Täter nutzen Untersuchungen zufolge außerdem Gewaltspiele. Das ist auch ein Schießtraining: Damit erhöhen sie ihre Treffsicherheit oder bauen gezielt kurz vor der Tat Tötungshemmungen ab.

Die Taten sind lange im Vorhinein geplant. Manche Menschen haben auch Gewaltfantasien und setzen sie nie um. Was bringt die Täter dazu, zu handeln, und was sind Warnzeichen?

Kurz vor der Tat haben viele ein Erlebnis, das sie erschüttert. Auslöser können dabei auch mediale Ereignisse sein, oft kommt es zu Nachahmertaten. Ein Warnsignal wäre das, was wir als „Leakage“ bezeichnen: Die Täter lassen vor der Tat etwas von ihren Absichten durchsickern, das kann bei Freunden oder im Internet sein. Sie teilen oft etwas mit. Ein Warnsignal ist sicher auch eine große Waffenaffinität: Das Posieren mit Waffen auf Fotos, die dann im Internet verbreitet werden.

Wie lässt sich verhindern, dass die Berichterstattung Nachahmertaten auslöst?

Im Journalismus hat sich da in den vergangenen Jahren schon etwas getan. Es müssen nicht unbedingt die Namen und Fotos der Täter auf allen Covern erscheinen.

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Von Irene Habich/RND