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Wird vom Imperium gejagt: Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) in einer Szene aus „Star Wars: Obi-Wan Kenobi“. Quelle: Matt Kennedy / Lucasfilm Ltd.

„Obi-Wan Kenobi“ bei Disney+: Und wieder wird die Papakarte gespielt

Es war einmal ein gescheiterter Jedi-Ritter. Der hatte mit ansehen müssen wie sein vielversprechendster Schüler auf die dunkle Seite der Macht gezogen wurde. Wie dieser einstige Hoffnungsträger zum Wohle eines Diktators von Putinschem Kaliber den Nachwuchs der edelsten Widerstandstruppe gegen das Böse auf einen Schlag vernichtete.

Obi-Wan erfuhr nie, dass Anakin Skywalker überlebte

Dem Jedi gelang es dann immerhin, den schwarzgewandeten Padawan auf einem Vulkanplaneten zu besiegen. Aber nie hat Obi-Wan Kenobi erfahren, dass der Imperator Palpatine den schwer verbrannten Anakin Skywalker aus der Glutasche retten ließ. Und zu seinem Generalissismus machte. „Von nun an sollst du Darth Vader heißen.“ Ein klasse Name – klingt wie Dunkler Vater in Cool. Die neue „Star Wars“-Serie „Obi-Wan Kenobi“ beginnt mit einem Kurzdurchlauf der „Star Was“-Kinofilme I bis III.

Die gute Nachricht: Ewan McGregor ist wieder Obi-Wan Kenobi, Jedi-Meister, Mann mit schneller Lichtklinge, telekinetisches Supertalent. Aber der einstige Enthusiast ist über sein Scheitern zum Einsiedler geworden. Tagsüber zerlegt er in einer mobilen Schlachterei erjagte walhaiartige Flugmonster für einen Metzgermeister, der wiederum seine Mitarbeiter ausnimmt, um nach getaner Arbeit auf seinem ameisenbärähnlichen Space-Dromedar nach Hause in seine Zweizimmerhöhle zu reiten und dort auf der Natursteinveranda den Eintopf zu schlürfen oder heimlich das Wüsteniglu von Luke Skywalkers Ziehvater Lars Owen (Joel Edgerton) zu beobachten. Ob der Junge vielleicht schon was hat schweben lassen? Die Macht ist ja mit ihm.

Da freut sich das Imperium: Die Jedi gehen in die Falle ihrer Moral

Ansonsten hält Ben, wie Obi-Wan sich nennt, die Bälle flach. Er kennt den Ruf, in dem die Jedi auf Imperiumsseite stehen. Dass sie gar nicht anders können, als Gutes zu tun. Dass sie mit einem Appell an ihren Moralkodex jederzeit aus der Deckung zu locken sind. „Ihr Mitgefühl ist wie eine Fährte“, erzählt die niederste Inquisitorin, die fanatische „dritte Schwester“ Reva (Moses Ingram) dem Großinquisitor (Rupert Friend). Der das schon wissen dürfte, und auch, dass es so simpel denn auch wieder nicht ist.

Immerhin – zehn Jahre sind seit der Sache mit Anakin und der Machtergreifung des Imperators Palpatine ins Land gegangen, und die impulsive „Schwester drei″ ist trotz ihrer Fixierung auf Obi-Wan noch keinen Lichtschwerthieb weitergekommen. Da will einem glatt das Wort „Gurkentruppe“ über die Zunge.

Leia entführt – Obi-Wan soll’s richten

In diesen Tagen sind von den Twen-Jedi und den älteren Kalibern wie Obi-Wan Kenobi trotzdem nicht mehr viele übrig. So verschließt Ben, um nicht entdeckt zu werden, sein großes Herz auch vor dem Hilferuf eines Ordensbruders, der anderntags gelyncht von einem Torbogen baumelt. Und so windet er sich sogar davor, Lukes Schwester Leia zu suchen, als ihr Ziehvater Bail Organa ihm berichtet, sie sei im heimischen Forst entführt worden. „Seine Schwester ist ebenso wichtig wie er“, fordert Bail die Jedi-Tatkraft. Und: Völlig klar, dass Obi-Wan sich bei der Mutter der beiden Kinder, der verstorbenen Ex-Königin und Senatorin Padme Amidala (aus den Film-Episoden I bis III) im Wort fühlt. Er wird’s richten.

„Star Wars“ pflegt das Kindchenschema einmal zu oft

Schon haben wir wieder die Erwachsenen-Kind-Konstellation. Regisseurin Deborah Chow und ihrer Schreiberschar fällt nichts Besseres ein, als mal nachzuschauen, was das Team von Dave Filoni bei den überragenden Serien „The Mandalorian“ und „The Bad Batch“ so an Spannungsförderndem gemacht hat. In der erstgenannten Serie schleppte Kopfgeldjäger Mando einen Baby-Yoda mit sich herum. Und zur nicht auf die Seite des Imperators geswitchten Klonkriegereinheit 99 gesellte sich in der letztgenannten Serie das pfiffige Klonmädchen Omega. Jetzt also Obi-Wan und Klein Leia, was anderes war offenbar nicht drin. Das Mädel hat übrigens auch hier schon eine Vorliebe für alpendorfartige Schneckenflechtfrisuren.

Und ist eine nimmermüde Schlauschnackerin, bei deren Sprücheklopfen sogar der große Geduldsfadenbewahrer Obi-Wan irgendwann ein entgeistertes „Wie alt bist du?“ fallen lässt, das eigentlich „Halt die Klappe!“ bedeutet. Auch sonst nervt die Dramaturgie: Hier sinkt eine Figur früh in den Staub, die uns länger hätte mitreißen sollen. Dort lassen sich angeblich mordsgefährliche Menschenjäger durch minimalste Hindernisse von einer Verfolgung abbringen.

„Wir werden dich vernichten!“ – alles leere Drohungen?

Und erneut kann Obi-Wan mit geringstem Aufwand der paddeligen Inquisition entrinnen. „Wir werden dich wiederfinden. Wir werden dich vernichten“, schreit die „dritte Schwester“ seinem Fluchtraumschiff hinterher. Nun – das bezweifeln wir nicht nur, darüber haben wir sogar besseres Wissen. Schließlich kennen wir die Kinoepisoden IV bis VI.

Und eine Figur, die sich gerade noch als Lügen- und Trugbaron zu erkennen gab, fragt Obi-Wan allen Ernstes: „Kann ich dir vertrauen?“ – „Ja, sicher“, antwortet der, und damit scheint die Sache für Obi geritzt. Echt ein Wunder, dass es dieser Orden je zu etwas brachte.

Ein abschließendes Urteil lässt sich nach nur zwei von sechs Folgen freilich noch nicht fällen. Bleibt zu hoffen, dass dieses Kreativteam sich nicht damit begnügt, ein wenig mit ikonischen Figuren der Popkultur herumzudaddeln, wie das in der letzten „Star Wars“-Kinotrilogie des Öfteren geschehen ist. Es wäre schandhaft, würde man einen Charakter wie Obi-Wan mit einer mittelprächtigen Déjà-vu-Story verheizen. Von Darth Vader (Hayden Christensen) ganz zu schweigen.

Möge die Macht also mit Deborah Chow sein!

„Star Wars: Obi-Wan Kenobi“, sechs Episoden, Regie: Deborah Chow, mit Ewan McGregor, Vivien Lyra Blair, Rupert Friend, Moses Ingram (ab 27. Mai bei Disney+)

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Von Matthias Halbig/RND