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Oft verhalten wir uns weniger altruistisch, als wir es eigentlich gerne würden. Quelle: picture alliance / dpa

Mehr Bio kaufen, Strom sparen oder Geld spenden: Wieso scheitern wir so oft daran, „Gutes zu tun“?

Herr Falk, Ihr Buch trägt den Titel: „Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein.“ Aber was ist überhaupt ein guter Mensch? Das würde wahrscheinlich nicht jeder gleich definieren.

Es stimmt, es ist schwierig, das allgemein und vielleicht noch kulturell übergreifend zu definieren. Darauf weise ich in meinem Buch auch hin. Es gibt aber einen Minimal­konsens: Jemand anderem ohne Grund Schaden zuzufügen wird im Allgemeinen als moralisch schlecht angesehen. Im Umkehr­schluss lässt es sich moralisch positiv bewerten, anderen etwas Gutes zu tun, auch wenn es für mich mit Kosten verbunden ist. Man nennt das auch altruistisches Handeln. In meinem Buch wollte ich zusammen­fassen, was wir eigentlich empirisch über moralisches Verhalten wissen. Dabei bringe ich meine eigenen Forschungs­ergebnisse ein und bewege mich an der Schnitt­stelle von Verhaltens­ökonomie und Psychologie.

Soll Ihr Buch uns etwa zu besseren Menschen machen?

Ich will niemandem vorschreiben, wie er sich verhalten soll. Es geht auch nicht in erster Linie darum, was allgemein als gut und richtig anzusehen ist. Sondern darum, wie wir es schaffen, unseren eigenen moralischen Vorstellungen mit unserem Handeln gerecht zu werden. Niemand findet es doch eigentlich gut, anderen Strom­schläge zu verabreichen. In einigen Versuchen haben Teilnehmende das aber getan. Ich versuche zu erklären, unter welchen Umständen wir entgegen unserem eigenen Werte­system handeln.

Sie beschreiben in Ihrem Buch mehrere „Stolper­steine“, die uns regel­mäßig dabei behindern, nach unseren eigentlichen moralischen Vorstellungen zu handeln. Ein Phänomen, dass Sie in Studien beobachtet haben, ist die „moralische Buch­haltung“, was ist das?

Es geht um eine Art moralischen Ablass­handel, den wir mit uns selbst betreiben. In einem Versuch zum Beispiel konnten die Teilnehmenden mitteilen, ob sie Obama gewählt hatten. Sie glaubten, dadurch bewiesen zu haben, dass sie keine rassistischen Vorurteile haben. Anschließend äußerten sie sich dann in einem anderen Kontext umso rassistischer. Ich habe mir an einer Stelle bewiesen, dass ich ein „guter Typ“ bin und erlaube mir dafür an anderer Stelle ein weniger moralisches Verhalten. Ein anderes Beispiel wäre, wenn ich im Super­markt fünf Kilo Grill­fleisch kaufe und mein Gewissen dadurch reinwasche, dass ich es in einer Papier­tüte transportiere. Das ist ein pseudo­altruistisches Verhalten: Wenn ich wirklich etwas für das Klima tun will, könnte ich besser etwas weniger Fleisch essen. Die Papier­tüte ändert nicht viel, ihre Öko­bilanz ist sowieso fraglich.

Als weitere Strategien nennen Sie das „Nicht­wissen­wollen“ den „Bystander-Effekt“ oder die „Reziprozität“. Was ist damit gemeint?

Ich glaube lieber der Werbung für mein Auto oder irgend­einem Energie­label, das behauptet, mein Auto sei umwelt­freundlich. Würde ich das überprüfen, wüsste ich, dass das so gar nicht stimmt, aber ich lasse das lieber. Denn ich möchte mich gut fühlen: Es ist ein „Nicht­wissen­wollen“. Ein ähnliches Verhalten ist es, unangenehmen Handlungs­optionen auszuweichen. Wir wechseln zum Beispiel die Straßen­seite, um nicht an einem Bettler vorbei­gehen zu müssen und uns dann fragen zu müssen, ob wir ihm Geld geben. Mit dem „Bystander-Effekt“ meine ich, dass wir häufig in Kollektiven entscheiden, am Arbeits­platz, in Organisationen und der Politik. Das führt zu einer Diffusion der Verantwortung. Mit der „Reziprozität“ ist noch ein anderer Effekt gemeint, der sich in Experimenten gezeigt hat: Wir sind bereit, etwas für das Allgemein­wohl zu tun, wenn andere das auch tun. Wir sind bedingt kooperativ. Das Problem ist, dass wir oft die Bereitschaft und das Engagement anderer unterschätzen.

Sie warnen auch davor, dass das Streben nach dem guten Selbst­bild echtem altruistischen Verhalten im Weg stehen kann. Wieso ist das so?

Uns allen ist es extrem wichtig, von uns selbst und anderen als „guter Mensch“ wahrgenommen zu werden. Jeder Fußballer und jeder Star hat heute seine eigene Stiftung und das Ganze wird medien­wirksam inszeniert. In der Konsequenz ist es zwar gut, wenn man etwas macht, selbst wenn es aus eigen­nützigen Beweg­gründen wie Publicity geschieht. Das Bestreben, gut dazustehen, kann aber manchmal auch ins Gegenteil kippen: Wenn wir selbst beginnen, uns Geschichten zu erzählen, nur um unser eigenes Verhalten in ein positives Licht zu rücken. Wir deuten dann die Welt einfach um und sagen uns, das Klima­problem sei gar nicht so dramatisch, deshalb müssten wir auch nichts dagegen tun. Oder wir werten andere Menschen wie zum Beispiel Geflüchtete ab, um nicht helfen zu müssen. Solche Geschichten erlauben es uns, unmoralisch zu handeln und gleichzeitig positiv über uns selbst zu denken.

Was würde es uns leichter machen, uns altruistischer und prosozialer zu verhalten?

Jeder kann natürlich bei sich selber anfangen und zum Beispiel aufhören, Ausreden für das eigene Handeln zu erfinden, sich selbst zu täuschen oder moralisch relevanten Entscheidungen auszuweichen. Aber auch gesellschaftlich könnte man etwas tun. Wir brauchen mehr echte Aufklärung und Transparenz beim Konsum. Eine weitere Möglichkeit ist es, Menschen aktiv positive Handlungs­optionen anzubieten – zum Beispiel den Ökostrom­tarif als Voreinstellung beim Vertrags­abschluss, man nennt das auch eine Default­einstellung.

Beim Einkaufen in einer großen Super­markt­kette werde ich beim Bezahlen jedes Mal gefragt, ob ich nicht für die Ukraine spenden möchte. Ich finde das ehrlich gesagt ärgerlich. Ich denke mir, warum kann diese Kette, die gut an mir verdient, nicht selbst etwas spenden?

Das verstehe ich. Es kommt in solchen Fällen immer darauf man, wer etwas anbietet. Tipps und Angebote für einen „besseren“ oder klima­freundlicheren Konsum sollten zum Beispiel besser von Verbraucher­organisationen kommen als von den Lebens­mittel­konzernen.

Aus der Psychologie gibt es Erkenntnisse, dass Altruismus uns selber guttut und uns glücklich macht. Auch die buddhistische Lehre basiert mit auf dieser Idee. Sie aber stellen das in Ihrem Buch infrage. Wenn Altruismus uns nicht selber guttut, warum sollten wir dann mehr davon wagen?

Ich sage nicht, dass uns Altruismus nicht grundsätzlich guttut. Aber ich wende mich gegen diese Sicht der „positiven Psychologie“, als würde es immer „Spaß“ machen, etwas für andere zu tun. Altruistisches Verhalten ist Arbeit und in der Regel mit Kosten und Aufwand verbunden. Ich glaube auch nicht, dass sich ein Egoist ändert, wenn er nur einmal 100 Euro spendet und ihn das dann glücklich macht.

Es macht also vielleicht nicht immer „Spaß“, aber viele Menschen, die sich zum Beispiel sozial engagieren, berichten trotzdem, dass sie das als erfüllend und sinn­stiftend erleben. Stehen wir uns also nur selber im Weg, weil Altruismus zwar eigentlich gut für uns ist, aber auch unbequem?

Ich glaube, dass der Egoismus sehr zentral in uns angelegt ist. Aber Altruismus und prosoziales Verhalten kann man lernen. Auch dazu gibt es Untersuchungen, dass Kinder, die prosoziale Vorbilder hatten, auch Jahre später noch stärker zu altruistischem Verhalten neigten und zum Beispiel regel­mäßig mehr spendeten. Prosoziales Verhalten sollte man am besten schon früh fördern, etwa durch Mentoren­programme, Meditations­kurse oder Antiaggressions­training in Schulen. Aber auch als Erwachsener kann man noch an sich arbeiten und versuchen, mehr in Übereinstimmung mit seinen eigentlichen moralischen Werten zu leben.

Armin Falk: „Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein“, Siedler Verlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-8275-0160-8, 24 Euro.

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Von Irene Habich/RND