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Wer unter dem Hochstaplersyndrom leidet, zweifelt ständig an sich selbst und führt den eigenen Erfolg auf äußere Umstände zurück. Quelle: Alexander Heinl/dpa-tmn

Bin ich ein Hochstapler? Warum nicht nur Frauen vom Impostor-Syndrom betroffen sind

Berlin. Das Bewerbungsgespräch hätte eigentlich nicht besser laufen können. Gleich im Anschluss erfuhr Andreas Schmidt, dass er die Stelle als Grafikdesigner bekommen hat. Sein erster fester Vertrag nach dem Studium – und das gleich in einem der renommiertesten Verlage der Hauptstadt.

Doch Schmidt, der eigentlich anders heißt, war skeptisch. „Ich habe sofort daran gezweifelt, dass sie mich richtig eingeschätzt haben“, erinnert sich der 32-Jährige heute an die Zeit vor drei Jahren. „Und ich hatte Angst, dass meine Bewerbungsunterlagen mehr versprochen haben, als ich wirklich leisten kann.“

Schmidt setzte sich selbst unter Druck, machte Überstunden, arbeitete auch am Wochenende. „Doch wenn mich mein Chef gelobt hat, hat mich das noch unruhiger gemacht“, erzählt er. „Die Fallhöhe wurde immer größer.“ Vor zwei Jahren schließlich kündigte der junge Mann seinen Job und beschloss, sich bei einem Coach Hilfe zu holen, um, wie er sagt, „zu lernen, seine Fähigkeiten wohlwollender zu sehen“.

Die Angst, aufzufliegen

Diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung hat einen Namen: Es ist das sogenannte Impostor-Phänomen, umgangssprachlich auch Hochstaplersyndrom. Menschen, die darunter leiden, unterschätzen sich und ihre Leistung systematisch. Sie führen jeglichen Erfolg auf äußere Umstände oder pures Glück zurück und leben in der ständigen Angst, dass ihr vermeintlicher Schwindel auffliegt.

Die Bezeichnung Hochstaplersyndrom kann irreführend sein: Denn klassischen Hochstaplerinnen und Hochstaplern geben vor, etwas zu sein, was sie nicht sind. Die Wissenschaft spricht deshalb vom Impostor-Phänomen.

Kein Frauenthema

Beschrieben wurde diese Art überhöhte Selbstzweifel erstmals 1978 von den US-amerikanischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes. Sie hatten beobachtet, dass es besonders viele erfolgreiche Frauen gab, die sich für nicht sehr intelligent hielten.

Lange Zeit ist man deshalb davon ausgegangen, dass das Impostor-Phänomen vor allem ein Thema für erfolgreiche Frauen sei. In einer aktuellen Studie zeigen Psychologen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) nun erstmals unter realen Prüfungsbedingungen, dass das Problem unabhängig von Alter, Geschlecht und Intelligenz auftritt. Die Untersuchung erschien im Fachjournal „Personality and Individual Differences“.

In Prüfungssituation getestet

Bisher wurde das Phänomen nur in sogenannten Vignettenstudien untersucht. „Dabei wurde in einem Fragebogen ermittelt, wie stark die Probanden verschiedenen Aussagen zustimmen“, erklärt Kay Brauer vom Institut für Psychologie der MLU. Zum Beispiel, wie schwer es ihnen fällt, Lob entgegenzunehmen, oder wie viel Angst sie haben, Erreichtes nicht wiederholen zu können.

Doch das Wissenschaftlerteam in Halle wollten wissen, wie sich das Impostor-Phänomen in realen Prüfungssituationen zeigt und ob es einen Zusammenhang zur tatsächlichen Intelligenz der Befragten gibt. Für die Studie erhielten 76 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Intelligenzaufgaben. Unabhängig von ihren wirklichen Leistungen bekamen sie dafür positive Rückmeldungen. Anschließend wurden sie gefragt, worauf sie die vermeintlich oder tatsächlich guten Resultate zurückführen.

Keine psychische Erkrankung

Brauer verweist auf zwei Ergebnisse: „Erstens steht der selbst berichtete Grad des Impostor-Phänomens in keinem Zusammenhang mit der gemessenen Intelligenz.“ Das heißt: „Es tritt nicht nur im akademischen Grad auf.“

Und zweitens „wird die Annahme bestätigt, dass Menschen mit Neigung zum Impostor-Phänomen ihre objektiv gemessene Leistung überdurchschnittlich stark abwerten und positive Resultate externen Ursachen wie Glück und Zufall zuschreiben – und das völlig unabhängig von Alter und Geschlecht“.

Genau genommen gehe es dabei um die Ausprägung eines Persönlichkeitsmerkmals, betont Brauer. „Das Impostor-Phänomen ist keine psychische Erkrankung.“ Das Spektrum sei breit: „Einige Menschen sind sehr stark betroffen, die meisten befinden sich im Mittelfeld, nur wenige kennen das Phänomen gar nicht.“

Ausgeprägte Selbstzweifel

Mona Leonhardt von der Goethe-Universität Frankfurt am Main, die am Institut für Psychologie arbeitet, sieht das ähnlich. Die Wissenschaftlerin, die schon längere Zeit über das Thema forscht, spricht vom Impostor-Selbstkonzept. „Denn es geht hierbei um eine Selbstbewertung, eine ganz bestimmte Sicht auf sich selbst, bei dem die Selbstzweifel mehr oder weniger ausgeprägt sind. Das ist keine Krankheit.“ Nichtsdestotrotz könnten die Folgen klinische Relevanz haben.

Leonhardt bestätigt das Ergebnis der Hallenser Studie: „In der Tat hat man lange Zeit angenommen, dass es sich vorrangig um ein weibliches Problem handelt.“ Das aber sei nicht der Fall: „Es gibt keine gravierenden Unterschiede nach Geschlecht, Alter oder kultureller Prägung.“ Allerdings zeige sich das Impostor-Selbstkonzept eher in der westlichen, wettbewerbsorientierten Gesellschaft, in der „der persönliche Wert häufig an den Leistungen gemessen wird“.

Antwort auf Leistungsdruck

Die westliche Leistungsgesellschaft, in der man vor allem über den beruflichen Erfolg und einen hohen sozialen Status anerkannt wird, ruft auch die klassischen Hochstapler auf den Plan: der Krankenpfleger, der sich als Arzt ausgibt, oder die Politikerin, die sich ihr Jurastudium erdichtet. „Das sind zwei völlig entgegengesetzte Phänomene, die nichts miteinander zu tun haben“, betont Psychologin Leonhardt.

Denn: „Klassische Hochstaplerinnen und Hochstapler betrügen vorsätzlich. Menschen mit Impostor-Persönlichkeit dagegen erbringen objektiv sehr gute Leistungen, sind aber subjektiv davon überzeugt, ihre Erfolge nicht verdient zu haben. Sie leiden unter ihren Erfolgen.“ Genau genommen müsse es deshalb eigentlich Tiefstaplerphänomen genannt werden.

Umstände beachten

„Bestimmte Umstände können die Impostor-Gefühle verstärken“, sagt Leonhardt. Aktuell stehe bei der Forschung deshalb vor allem der Kontext im Fokus: „Wer sich als Minderheit begreift, hat möglicherweise verstärkt Impostor-Gefühle“, erklärt die Wissenschaftlerin. Studien in den USA würden bestätigen, dass Menschen, die sich in einer Außenseiterrolle sehen, sich ihren Erfolg selbst eher nicht zutrauen.b

Dieser Aspekt habe auch eine Rolle gespielt, als das Phänomen als ein eher weibliches Problem beschrieben wurde, weiß die Psychologin. „Schließlich ist es noch immer so, dass Frauen weiter oben auf der Karriereleiter schnell die Außenseiterrolle haben – zum Beispiel in Vorständen.“ Da würden schnell auch Fragen aufkommen: Wie bin ich hier hergekommen? Hat es eine Quote gegeben? „In dem Fall könnten es die Umstände sein, die die Impostor-Gefühle erzeugen, nicht per se das Geschlecht.“

Wie entsteht das Impostor-Selbstkonzept?

„Die Entwicklung eines Impostor-Selbstkonzepts ist das Ergebnis einer komplexen Interaktion zwischen Anlage- und Umweltfaktoren. Hierbei spielt einerseits eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur eine zentrale Rolle“, erklärt Leonhardt und nennt als Beispiele ein geringes Selbstwertgefühl und einen hohen Perfektionismus.

Andererseits würden auch bestimmte Familiendynamiken und Erziehungsstile einen Einfluss darauf nehmen. „Ein wichtiger Faktor scheint eine hohe Leistungs- und Wettbewerbsorientierung in der Familie zu sein, die einen leistungsabhängigen Selbstwert erzeugt“, sagt die Psychologin. „Ein Kind entwickelt dabei das Gefühl, für gute Leistungen und nicht um seiner selbst willen geliebt zu werden.“

Auch die Herkunftsfamilie – beispielsweise eine atypische akademische Laufbahn – könnte eine Rolle spielen. „Wenn niemand in der Familie studiert hat, die Person aber eine akademische Laufbahn einschlägt, entstehen Zweifel an der eigenen Kompetenz.“ Offizielle Zahlen, wie viele Betroffene es gibt, existieren nicht. „Umfragen haben aber gezeigt, dass im beruflichen Zusammenhang bis zu 50 Prozent selbst Impostor-Gefühle kennen“, weiß Leonhardt aus der Forschung.

Coaching kann helfen

Impostor-Gefühle können unterschiedlich stark auftreten. „Für viele ist es schon entlastend, wenn sie wissen, dass es dieses Phänomen überhaupt gibt und dass sie damit nicht allein sind“, sagt Leonhardt. „Nur wenn dadurch ein erheblicher Leidensdruck mit starken Beeinträchtigungen entsteht – wie Schlafstörungen, Ängste, Burnout oder Depressionen – ist eine Psychotherapie ratsam.“ In den meisten Fällen würden niederschwellige Maßnahmen sehr gut greifen, darunter Selbsthilfemaßnahmen oder auch Coaching, also Trainingsmaßnahmen.

Ähnlich sieht es Psychologe Kay Brauer von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: „Maßgeschneidertes Training kann den Betroffenen helfen, Selbstwertgefühl, Arbeitszufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie man seine Wahrnehmung ändern kann.“ Ziel müsse sein, eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster zu korrigieren und zu lernen, sich selbst und seine Fähigkeiten realistisch zu sehen – ganz unabhängig von den Bewertungen anderer.

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Von Katrin Schreiter/RND