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Der Boden in Deutschland wird gefährlich trocken. Quelle: RND-Montage/Animation Weinert

Zeitraffer zeigt, wie die Böden ihr Wasser verlieren

2018 bis 2020 waren in Deutschland außer­gewöhnlich trockene Jahre. Zwar fiel nicht einmal besonders wenig Regen, doch die Temperaturen waren so hoch, dass das Wasser schnell wieder verdunstet ist. Das Jahr 2021 mit seinen gemäßigten Temperaturen und genügend Nieder­schlägen hat der strapazierten Pflanzen­welt wieder etwas Wasser verschafft.

Allerdings reicht nach dieser langen Trocken­periode ein einziges Jahr nicht aus, um den Böden wieder ihre vorige Feuchtigkeit zurück­zugeben. Vor allem in den tieferen Schichten fehlt noch immer das Wasser, das viele Bäume brauchen.

Zeitraffer zeigt, wie die Feuchtigkeit verschwindet

Auf die noch nicht vollständig überwundene Dürre­phase kamen zuletzt wieder einige Wochen mit zu wenig Regen und zu hohen Temperaturen. Wie sich Mai und Juni auf die Boden­feuchtigkeit ausgewirkt haben, zeigen Daten des Deutschen Wetter­dienstes (DWD). Die Meteorologen haben ein Modell entwickelt, das den für Pflanzen verfügbaren Wasser­gehalt des Bodens in allen Regionen ermittelt.

Für jeden Quadrat­kilometer Deutschlands, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den Mooren, berechnen die Klima­forschenden die sogenannte nutzbare Feld­kapazität. Ein Wert unter 50 Prozent bedeutet für die Pflanzen leichten Trocken­stress, unter 10 Prozent wird die Belastung extrem. Das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) hat aus den täglich Hundert­tausenden Werten eine animierte Karte erstellt. Im Zeitraffer zeigt diese, wie Deutschland in einer Boden­tiefe von 30 bis 40 Zentimetern in den vergangenen sieben Wochen kontinuierlich ausgetrocknet ist.

Anfang Mai war zunächst noch das gesamte Bundes­gebiet mit Ausnahme weniger Flächen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt ausreichend mit Wasser versorgt. Seitdem hat sich der Anteil der Böden unter Trocken­stress kontinuierlich erweitert. Anfang Juni erschienen erstmals dunkel­rote Flächen mit extremer Trockenheit in Bayern und Baden-Württemberg. Diese besorgnis­erregendste Kategorie der Boden­feuchtigkeit gewinnt in den folgenden Tagen Raum und erfasst bis Ende Juni weite Teile Deutschlands. Nur ein Streifen am Rande der Alpen im Süden und an der Küste im Norden ist derzeit noch gut mit Wasser versorgt.

Ab wann spricht man von Dürre?

Trockene Böden bedeuten allerdings noch nicht zwangs­läufig, dass bereits wieder Dürre herrscht, denn der Begriff ist nicht exakt definiert. In einer Wüste beispiels­weise verstehen Klima­forschende etwas anderes darunter als in Mittel­europa. Außerdem sprechen Klima­forschende im Winter bereits ab einem Feuchtigkeits­grad von Dürre, der im Sommer noch keinen Anlass zu Sorge böte. Folgt man der Definition des Helmholtz-Zentrums für Umwelt­forschung (UFZ), ist in Deutschland etwas mehr als die Hälfte der Fläche von schwerer bis außer­gewöhnlicher Dürre betroffen.

Im Jahr 2018 hatte die Dürre zeitweise fast das komplette Bundes­gebiet erfasst. Der Sommer und der Herbst dieses Ausnahme­jahres waren trockener als in allen Jahren seit 1951. Das hat zu Ernte­ausfällen geführt, zu Schäden in den Wäldern, zu niedrigen Wasser­ständen in Seen und Flüssen. Seither ging die rote Fläche auf dem folgenden Diagramm tendenziell zurück. In den Sommer­monaten 2019 und 2020 kam es zwar wieder zu Rück­schlägen. Im Jahr 2021 folgte jedoch erstmals keine erneute Ausbreitung der roten Flächen mehr. Das Blau für ausreichende Feuchtigkeit füllte in dieser Zeit wieder mehr als die Hälfte der Grafik aus.

Doch trotz der Entspannung im Wasser­haushalt ab der zweiten Jahres­hälfte 2021 wirken die Folgen der Trockenheit weiterhin nach. Die Dürre ist dort nie komplett aus Deutschland verschwunden. Hinzu kommt, dass sich das Frühjahr 2022 in eine Serie deutlich zu warmer Frühjahre einreiht. Mit rund 125 Litern Nieder­schlag pro Quadrat­meter erreichte der Frühling laut DWD in diesem Jahr nur 67 Prozent des vieljährigen Durchschnitts.

Die Durchschnitts­temperatur lag im Mai mit 14,4 Grad Celsius um 2,3 Grad über dem Wert der Jahre 1961 bis 1990. Bis Ende Juni haben sich die Regionen mit schwerer, extremer und außer­gewöhnlicher Dürre so stark ausgebreitet, dass sie wieder rund die Hälfte Deutschlands umfassen.

Der obere Boden reagiert schneller auf das Wetter

In der Tiefe reagiert der Boden nur träge auf Wetter­umschwünge. Es dauert einige Zeit, bis der Regen in die unteren Schichten durch­dringt und der Boden auch in zwei Metern Tiefe ausreichend Wasser gespeichert hat, um tief wurzelnde Bäume zu versorgen. Weitaus schneller spiegelt sich das aktuelle Wetter im oberen Boden wider. Auch für diese Schichten errechnet das UFZ in seinem Modell die Ausbreitung der Dürre.

Weil sich im oberen Boden der Regen schneller bemerkbar macht, konnte sich Deutschland dort in den vergangenen Jahren zumindest phasen­weise komplett von der Dürre befreien.

Doch diese Kurven können in die Irre führen. „Oft kann man oberflächlich nicht erkennen, wie trocken die Böden wirklich sind. Dann steht eine Pfütze auf der Erde, aber darunter ist es dennoch trocken“, erklärt Andreas Marx, Klima­forscher am UFZ. Es kann Wochen bis Monate dauern, bis sich eine Dürre im gesamten Boden abgeschwächt hat.

Die Gefahr von Wald­bränden ist hoch

Die Trockenheit hat nicht nur ökologische Folgen, sondern führt auch zu wirtschaftlichen Schäden. Das UFZ schätzt, dass in den zurück­liegenden Dürre­jahren rund 245.000 Hektar Wald verloren gegangen sind. Das größte Problem sind die Angriffe von Schädlingen, denen die ausgetrockneten Bäume nichts entgegen­setzen können.

Darüber hinaus steigt die Waldbrand­gefahr, wie der DWD mit seinem täglich aktualisierten Waldbrand-Gefahren­index zeigt.

Auch in den kommenden Jahren werden Trockenheit und Dürre in Deutschland und vielen anderen Ländern voraussichtlich öfter auftreten. Der Grund sind die steigenden Temperaturen, sagt Andreas Brömser vom DWD: „Die Niederschlags­mengen pro Jahr haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Dafür wird es wärmer und die Verdunstung steigt.“

Um die höheren Temperaturen auszugleichen, müsste es im Grunde mehr regnen.

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Von Johannes Christ/RND